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Neu entdeckte Antibiotika töten multiresistente Keime

In der Erde eines alten irischen Kultorts haben Wissenschaftler Bakterienstämme entdeckt, die hochwirksame Antibiotika freisetzen. Sie wirken gegen vier der sechs schlimmsten bakteriellen Supererreger.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der resistenten Bakterien erschreckend gestiegen. Das sind Keime, gegen die gängige Antibiotika nichts ausrichten können. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich 700.000 Menschen an einer Infektion mit resistenten Keimen, 6.000 davon in Deutschland. Forscher befürchten, dass antibiotikaresistente Superkeime in den nächsten 30 Jahren bis zu 1,3 Millionen Menschen in Europa töten. Das errechnete kürzlich eine Studie.

Fahndung nach neuen antibiotischen Wirkstoffen

Forscher auf der ganzen Welt fahnden nach Quellen für neue antibiotische Wirkstoffe. Sie suchen beispielsweise im südamerikanischen Regenwald oder in der Tiefsee nach Pflanzen und Mikroorganismen mit antibiotischer Wirkung. Ein internationales Forscherteam der Swansea University Medical School in Wales beschritt einen anderen Weg: Sie studierten volkstümliche Überlieferungen und traditionelle Medizin.

Die Wissenschaftler folgten alten Überlieferungen über die Heilkraft der Erde aus einer Region in der Grafschaft Fermanagh, genannt Boho. Die nordirische Stätte hatte vermutlich schon vor 4.000 Jahren kultische Bedeutung. Sie war ein Wirkungsort von Druiden, Gelehrten und Heilkundigen dieser Zeit. Überlieferungen besagen, dass eine kleine Menge der Erde gegen Haut- und Schleimhaut-Erkrankungen helfen kann. Dazu muss man sie in Stoff gehüllt am Körper tragen oder neun Tage unter das Kopfkissen legen.

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Antibiotika in irischer Erde

Die Wissenschaftler untersuchten die Zusammensetzung der Erde von Boho. Es zeigte sich, dass sie einen alkalischen pH-Wert (pH 8) und einen hohen Gehalt an radioaktivem Radon aufwies. Außerdem fanden sie in der Bodenprobe Bakterien, die äußerst effektive Antibiotika freisetzen. Die Mikroben gehören zur Bakterien-Gattung Streptomyces, von denen bereits mehrere bekannte Arten Antibiotika produzieren. Die neue Art, Streptomyces myrophorea genannt, kann offenbar die Vermehrung einiger der gefährlichsten Erreger stoppen. Darunter sind vier der sechs wichtigsten multiresistenten Infektionserreger. Das berichten die Biologen im Fachmagazin „Frontiers in Microbiology“.

Ein nordirische Moorlandschaft

Schon vor Jahrtausenden galt die irische Erde als heilsam. (c) Stephen / Fotolia

Wirkung gegen multiresistente Keime

Streptomyces myrophorea hemmte in Laboruntersuchungen das Wachstum multiresistenter Stämme von Enterococcus faecium, Staphylococcus aureus (MRSA), Klebsiella pneumoniae und Acinetobacter baumanii. Diese Keime zählen derzeit zu den gefährlichsten und besonders schwer zu behandelnden Erregern.

Zu den positiven Eigenschaften des neuen Stamms zählt außerdem, dass er nicht nur gegen grampositive Bakterien, sondern auch gegen gramnegative wirkt. Diese Bakteriengruppen haben unterschiedlich aufgebaute Zellwände. Eine bestimmte Struktur ihrer Zellwand macht sie sogar noch resistenter gegenüber Antibiotika. Dazu gehören beispielsweise Escherichia-coli-Bakterien, die wichtigsten Erreger von Blasen- oder Nierenbeckenentzündungen. Von ihnen sind heute etwa 20 Prozent immun gegen Medikamente.

„Unsere Resultate zeigen, dass es sich auf der Suche nach neuen Antibiotika lohnt, volkstümliche Überlieferungen und traditionelle Medizin zu erforschen“, sagt Co-Autor der Studie, Paul Dyson von der Swansea University.

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