Blut & Immunsystem

Antibiotika: Weniger ist meist mehr

Antibiotika werden zu oft und zu oft falsch eingesetzt. Mit Folgen für uns alle, denn die Zahl resistenter Keime steigt und damit die Fälle von bakteriellen Erkrankungen, gegen die Antibiotika machtlos sind. Wir erklären, wann die wertvollen Arzneimittel wirklich sinnvoll sind und wie Sie damit umgehen sollten, damit wir alle noch lange von ihnen profitieren.

Die Entdeckung von Antibiotika ist ein Meilenstein in der medizinischen Geschichte und rettet auch heute noch täglich vielen Menschen das Leben. Mit dem Penicillin (einem Schimmelpilzgift) wurde Ende des 19. Jahrhunderts das erste Antibiotikum beschrieben. Krankheiten wie die damals sehr verbreitete Syphilis konnten plötzlich effektiv bekämpft werden. Doch mittlerweile bekommen Patienten bei zahlreichen Erkrankungen ein Antibiotikum verschrieben bzw. verlangen selbst danach.

Dabei ist das gar nicht immer sinnvoll. Antibiotika sind zwar wichtige Arzneimittel zur Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten. Doch die Bakterienstämme, die dagegen resistent sind, nehmen zu. Von einer Million Versicherten der Krankenkasse DAK, die in Krankenhäusern behandelt wurden, trugen 2010 knapp 15.000 einen resistenten Keim in sich. Drei Jahre später waren es schon rund 20.000.

So wirken Antibiotika

Antibiotika töten Bakterien entweder ganz ab oder hindern sie daran, sich zu vermehren. Sie unterscheiden sich in der Anzahl und Art von Bakterien, gegen die sie wirken. Sogenannte Breitbandantibiotika haben ein sehr großes Wirkungsspektrum, das heißt, sie bekämpfen eine Vielzahl von Bakterien gleichzeitig. Sie werden vor allem eingesetzt, wenn der Erreger noch nicht genau identifiziert ist, aber die Infektion schnell behandelt werden muss.

Gegen welche Erkrankungen helfen Antibiotika?

Antibiotika helfen prinzipiell gegen alle Krankheiten, die durch Bakterien verursacht werden. Beispiele für typisch bakterielle Infektionskrankheiten, bei denen Antibiotika sehr sinnvoll sind:

Davon abzugrenzen sind andere, nicht-bakterielle Infektionskrankheiten, die beispielsweise durch Keime wie Pilze, Viren oder Protozoen verursacht werden. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn häufig verschreiben Ärzte – oft auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten hin – bei grippalen Infekten und Halsschmerzen Antibiotika, die in den meisten Fällen aber viral bedingt sind. Hier helfen diese Medikamente nicht.

> Irland: Forscher entdecken Bakterien, die andere Keime abtöten können

Vorteile und Nebenwirkungen von Antibiotika

Die Vorteile der Medikamente liegen auf der Hand: Sie sind in der Lage, bakterielle Infektionen wie Mittelohrentzündung oder Blutvergiftung zügig zu bekämpfen und sind dabei in der Regel gut verträglich.

Allerdings haben Antibiotika Nebenwirkungen. Sie:

  • können Allergien auslösen.
  • stören oder zerstören die Darmflora und lösen Durchfall oder Verdauungsstörungen aus. Selten sind lebensgefährliche Infektionen dadurch möglich.
  • fördern Pilzerkrankungen, zum Beispiel Scheidenpilz.
  • können vorübergehend die Zähne verfärben.
  • verhindern für die Dauer der Einnahme die empfängnisverhütende Wirkung der „Pille“.
Antibiotika werden zu häufig verschrieben.

Antibiotika werden häufig vorschnell verschrieben. (c) Colourbox

Wo ist denn jetzt das Problem?

Das größte Problem im Zusammenhang mit einer Antibiotika-Therapie heißt “Resistenz”. Die Arzneimittel verschaffen Bakterienstämmen, gegen die sie nichts ausrichten können, einen Wachstumsvorteil. Antibiotika-resistente Bakterien gab es schon immer – doch ihre Überlebenschancen waren gering. Mit der Zunahme von Antibiotika-Behandlungen hat sich das geändert. Denn: Sind alle anderen Bakterien durch das Medikament aus dem Weg geräumt, haben die wenigen resistenten „freie Bahn“ bei der Vermehrung.

Heute weiß man: Je größer der Einsatz von Antibiotika, desto größer die Gefahr, dass Bakterienstämme entstehen, gegen die sie auf Dauer nicht mehr wirksam sind. Vor allem in Krankenhäusern sind solche resistenten Keime eine große Gefahr, denn dort treffen sie häufig auf Menschen, deren Immunsystem bereits geschwächt ist.

Fehler im Umgang mit Antibiotika

Die Entdeckung von Antibiotika zählt zu den größten Erfolgen der medizinischen Forschung. Damit die Mittel aber auch in Zukunft erfolgreich gegen bakterielle Infektionen eingesetzt werden können, müssen sie gezielt und sparsam eingesetzt werden. Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. Eine Umfrage der DAK ergab, dass etwa ein Drittel aller Rezepte im Jahr 2013 medizinisch nicht gerechtfertigt war.

Am häufigsten werden die Wirkstoffe bei akuten Atemwegsinfekten verordnet. Dabei werden Erkältungen zu 80 bis 90 Prozent von Viren verursacht, so Medizin-Experten – gegen die sie wirkungslos sind. Warum verschreiben Ärzte dann wider besseres Wissen diese Medikamente? Einfach weil die Patienten danach verlangten, so eine Schlussfolgerung der Studienverantwortlichen.

Dabei sind unnötigerweise eingesetzte Antibiotika keine Placebos und wirken auch nicht vorbeugend. Im Gegenteil: Sie können dem Körper schaden, indem sie Nebenwirkungen wie Durchfall oder allergische Reaktionen auslösen. Langfristig beeinträchtigen sie die Gesundheit aber vor allem durch die Förderung von Resistenzen.

> Wie sinnvoll sind Handdesinfektionsmittel?

Gibt es offizielle Gegenmaßnahmen?

Die Gesundheitsbehörden in Deutschland und Europa sind sich der Gefahr resistenter Erreger seit Jahren bewusst. Es gibt länderübergreifende Initiativen mit dem Ziel, die Verbreitung resistenter Keime (zum Beispiel in Krankenhäusern) systematisch einzudämmen und den Einsatz von Antibiotika zu dokumentieren. In England zum Beispiel werden Hausärzte, die überdurchschnittlich viel davon verschreiben, von den Gesundheitsbehörden angeschrieben.

Gleichzeitig bemühen sich immer mehr Ärzte, in Abstimmung mit dem Patienten eine Behandlung festzulegen, die ohne Antibiotika auskommt.

Das können Sie persönlich tun

  1. Verlangen Sie bei einer Infektion der Atemwege (Husten, Erkältung, Bronchitis) nicht sofort nach einem Antibiotikum, sondern lassen Sie sich von Ihrem Arzt über Alternativen informieren. Oftmals helfen bei einer Grippe oder Erkältung einfache Hausmittel wie Wickel oder Inhalationen am besten. Damit vermeiden Sie auch Antibiotika-typische Nebenwirkungen.
  2. Lassen Sie vom Arzt feststellen, ob es sich tatsächlich um eine Infektion mit Bakterien handelt.
  3. Verwenden Sie das Mittel immer genau nach Anweisung des Arztes beziehungsweise nach den Angaben des Beipackzettels. Eine zu niedrige Dosierung oder zu geringe Einnahmedauer kann den Therapieerfolg sabotieren und damit ebenfalls die Bildung resistenter Keime fördern.
  4. Verzichten Sie bei der Einnahme von Antibiotika wenn möglich auf Breitbandantibiotika – sie begünstigen die Entstehung von multiresistenten Keimen ganz besonders.
  5. Verzichten Sie, wenn irgendwie möglich, auf die Gabe von Antibiotika bei Kindern, die jünger sind als vier Jahre. Bei ihnen ist die Darmflora noch im Aufbau und sehr empfindlich.

Ein bewusster Umgang mit den Medikamenten bedeutet auch, sich im Falle einer Erkrankung genug Zeit für die Genesung zu lassen. Viele Patienten verlangen nach den antibakteriellen Arzneimitteln, weil sie hoffen, dadurch schneller wieder fit und leistungsfähig zu sein. Ein Trugschluss, der die Gesundheit des Einzelnen und mittelfristig die Gesundheit aller gefährden kann.