Bewegung: Natürlicher Helfer bei Diabetes

Herz, Kreislauf & Stoffwechsel

Bewegung: Natürlicher Helfer bei Diabetes

Bewegung tut uns gut. Das gilt vor allem für Diabetiker. Ihr Körper profitiert von viel körperlicher Aktivität auf besonders vielfältige Weise. Wer zuckerkrank ist, aber regelmäßig körperlich aktiv ist, der kann langfristig sogar ohne Tabletten auskommen. Wir erklären, warum das so ist und wie Diabetiker Bewegung am besten für sich nutzen.

Diabetes? Da denken viele als erstes an das Thema richtige und falsche Ernährung. Fehlernährung ist schließlich ein großer Risikofaktor für den Typ 2 der Zuckerkrankheit. Doch tatsächlich hat auch Bewegungsarmut einen großen Einfluss darauf, dass der Stoffwechsel derer, die eine genetische Anlage dafür haben, schließlich entgleist.

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Umgekehrt gilt: Der Stoffwechsel von Diabetikern und damit die Blutzuckerwerte profitieren von körperlicher Aktivität (es muss nicht gleich Leistungssport sein) enorm.

Wer sich bewegt, profitiert vielfach

Doch die positive Wirkung geht weit über die Stoffwechselregulation hinaus, so Dr. Meinolf Behrens: „Die Verbesserung der Zuckerwerte ist nur ein kleiner Aspekt der Effekte, die körperliche Aktivität mit sich bringt“.

„Diabetes ist eine sehr komplexe Krankheit, und wer daran leidet, hat häufig auch andere Erkrankungen“, gibt der Internist und Leiter des Diabeteszentrums Minden* zu bedenken. Wer sich aber regelmäßig bewegt, beugt unter anderem diesen Diabetes-spezifischen Begleiterkrankungen gezielt vor:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • Demenz
  • Gelenkschmerzen
  • Osteoporose
  • Psychische Probleme wie depressive Verstimmungen oder Depressionen

Im Detail: Das passiert in den Zellen

Auch wenn die Regulation des Stoffwechsels nur einer von vielen Aspekten ist, wie Bewegung Diabetikern gut tut – es ist ein sehr wichtiger. Denn das zentrale Problem der Zuckerkranken liegt in ihren Zellen: Insulin, von dem Typ-2-Diabetiker eher zu viel als zu wenig haben, kann in den Zellen ihrer Muskulatur oder Leber nicht richtig wirken. „Insulinresistenz“ lautet der Fachbegriff dafür.

Mit körperlicher Aktivität können Diabetiker gezielt gegensteuern: Bewegung vermindert ganz allgemein Insulinresistenz, indem sie die Zellen für das Insulin öffnet. Sie sorgt aber auch dafür, dass Zucker unabhängig von Insulin in die Zelle eindringen kann, erklärt Dr. Behrens: „In den Zellen gibt es spezielle Transporter-Proteine für Glucose. Ist der Mensch körperlich aktiv, werden davon mehr produziert und den Zellen zur Verfügung gestellt.“ Das Ergebnis: Der Zucker kann leichter in Energie umgewandelt werden.

Erstaunlich: Der Effekt von Bewegung kann sich so günstig auf den Stoffwechsel auswirken, dass Typ-2-Diabetiker unter Umständen ganz auf Medikamente verzichten können.

Mehr Bewegung – aber welche?

Viele Diabetes-Patienten bewegen sich eher wenig, so die Erfahrung von Dr. Behrens. Damit sind sie nicht allein. Etwa 80 Prozent der Deutschen bringen es nicht auf die zweieinhalb Stunden Bewegung pro Woche, die die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt.

Für Diabetiker wie Stoffwechselgesunde gilt gleichermaßen: Wer in ein bewegteres Leben starten will, sollte sich vor allem überlegen, welche Art der Bewegung ihm Spaß macht – nur so bleibt er oder sie langfristig aktiv. „Es gilt das Prinzip: Jede Form der Bewegung zählt“, sagt Dr. Behrens.

Allerdings gibt es spezielle Empfehlungen für Diabetiker, um die positiven Effekte von Bewegung zu optimieren. Früher riet man ihnen vor allem zu Ausdauertraining wie Laufen, Walken oder Radfahren. Heute weiß man um die Bedeutung von Training, das gezielt die Muskeln stärkt: „Es steigert nicht nur den Energie-Grundumsatz. Muskeltraining fördert eine Reihe von hormonellen Vorgängen und bringt Stoffwechselprozesse in Gang.“

Paar geht mit Diabetes spazieren

Sportlicher Spaziergang mit Hund im Grünen: Jede Form von Bewegung tut Diabetikern gut


Experten empfehlen Diabetikern daher, Ausdauer- und Muskeltraining zu kombinieren. Ausnahme: Wer stark übergewichtig ist, sollte zunächst seine Muskeln kräftigen und erst dann mit Sportarten beginnen, die die Gelenke stark beanspruchen (wie zum Beispiel Laufen).

Wichtig: Diabetes-Patienten, deren letzte intensive Bewegungseinheit schon Jahre zurückliegt, sollten nicht einfach drauflos sporteln – vor allem dann nicht, wenn sie unter Bluthochdruck oder koronarer Herzkrankheit leiden. Ihnen rät Dr. Behrens, vorab ihre Pläne für mehr Aktivität mit ihrem Arzt zu besprechen und eine körperliche Basisuntersuchung durchführen zu lassen.

Wenn Bewegung den Zucker kaltlässt

Bei etwa 20 bis 25 Prozent der Typ-2-Diabetiker spricht der Stoffwechsel nicht in dem Maße auf Bewegung an, wie man es erwarten würde. Das heißt: Diese sogenannten Non-Responder können durch körperliches Training ihre Blutzuckerwerte kaum verbessern.

Warum das so ist, wird bis dato noch wissenschaftlich erforscht. Man geht davon aus, dass vor allem die Gene daran schuld sind. Als sicher gilt, dass Patienten mit starker Leberverfettung schlechter auf Bewegung ansprechen.

Also können sich Non-Responder körperliche Aktivität sparen? Nein, denn von den vielen anderen positiven Aspekten von Bewegung profitieren sie sehr wohl. Dennoch sei es wichtig, sogenannte Non-Responder als Gruppe mit besonderen Bedürfnissen zu betrachten, sagt Dr. Behrens. Zum einen, damit Arzt und Patient offen miteinander sprechen. „Man sollte vermeiden, jemandem, der sich ehrlich bemüht, zu unterstellen, er würde nichts machen.“

Außerdem ist diesen Patienten ein Leberfasten zu empfehlen, um das Organ zu entfetten. Sie sprechen auch auf einige Medikamente besonders gut an – das gilt es bei der Therapie zu berücksichtigen.

Unterzucker: Eine Gefahr bei mehr Bewegung?

Durch Bewegung wird mehr Energie in den Zellen verbrannt. Gewonnen wird sie aus Glucose, die über das Blut zu den Zellen transportiert wird. Wird Glucose verbrannt, aber nicht nachgelegt, kann dies vor allem bei Diabetikern vom Typ 1 zu einer Unterzuckerung führen – ein Zustand, der für sie gefährlich werden kann. Mit einem kohlenhydratreichen Snack vor dem Essen können sie Unterzucker jedoch gut vorbeugen.

Bei Typ-2-Diabetikern gilt: Die große Mehrheit hat durch Sport kein Risiko, zu unterzuckern. Das liegt vor allem daran, dass die Gefahr des Unterzuckers in erster Linie von bestimmten Medikamenten in Kombination mit Bewegung ausgeht. Diese werden aber nur noch von wenigen Diabetikern eingenommen. Wer andere oder gar keine Arzneimittel einnimmt, braucht sich keine Sorgen um seinen Blutzucker machen, wenn er körperlich aktiv wird. Im Gegenteil: Sein Blutzucker und sein ganzer Körper werden es ihm danken.


*Unser Experte: Dres. Dr. Meinolf Behrens ist Arzt für Innere Medizin, Sportmedizin und Ernährungsmedizin. Der Diabetologe DDG leitet gemeinsam mit einem Kollegen das Diabeteszentrum Minden.