Kopf & Psyche

Gedächtnisverlust: Wenn die Erinnerung aussetzt

Liegt Ihnen ein Wort auf der Zunge, das Ihnen aber einfach nicht über die Lippen kommen will? Haben Sie eine Aufgabe bis zur Hälfte erledigt und können sich dann nicht mehr daran erinnern, was Sie soeben getan haben? Sobald sich diese Vorfälle häufen, fragen wir uns, ob wir Gedächtnisprobleme haben oder vermuten sogar, dass dies erste Anzeichen für eine Demenz sein könnten. Wir erklären, was hinter dem Phänomen Erinnerung steckt.

Das Gedächtnis ist nicht etwas „Physisches“, das wir uns im Hinblick auf Veränderungen genauer ansehen können. Wir müssen uns auf unsere eigenen Beobachtungen und die der Menschen um uns herum verlassen, um festzustellen, ob unser Gedächtnis nicht in einem Top-Zustand ist.

Um verstehen zu können, wie es zu Gedächtnisverlusten kommen kann, müssen wir uns mit der Funktionsweise des Gedächtnisses befassen. Auch wenn viele Details über die Arbeitsweise unseres Gehirns noch nicht bekannt sind (und vermutlich niemals ergründet werden können), hat die Forschung doch ein grundlegendes Verständnis dafür entwickelt, wie Erinnerungen gespeichert werden.

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Speicherung von Erinnerungen

Erinnerungen bestehen aus Dingen, die wir gesehen, gehört, geschmeckt, gerochen und berührt haben. Forscher bezeichnen dies als sinnliche Wahrnehmung – also die Erfassung der Dinge mit unseren fünf Sinnen.

Das Erinnern beginnt mit diesen Wahrnehmungen. Wenn Sie zum Beispiel Urlaub an einem Strand machen, dann sehen Sie die Sonne, spüren die Wärme auf Ihrer Haut, nehmen den Geruch und das Rauschen des Meeres sowie den Geschmack exotischer Früchte war.

Diese Informationen werden in einem Teil des Gehirns gespeichert, der als Hippocampus bekannt ist. Dort werden diese Informationen zu einem Muster verarbeitet, dass als „sinnliche Wahrnehmung“ bezeichnet wird. Diese Art von Erinnerung ist nur von kurzer Dauer (wenige Sekunden) und geht verloren, wenn sie nicht im Arbeitsgedächtnis abgespeichert wird.

Das Arbeitsgedächtnis ist Teil Ihres Kurzzeitgedächtnisses. Es verfügt über eine geringe Kapazität, so gilt für die meisten Menschen, dass sie in der Regel nur sieben Dinge gleichzeitig behalten können. Das Arbeitsgedächtnis kann Informationen 20 oder 30 Sekunden lang behalten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Vergegenwärtigen einer Telefonnummer, bevor Sie diese aufschreiben. Nach dem Aufschreiben muss man sich nicht mehr an diese Nummer erinnern und kann sie vergessen.

Jede Information, die Sie (bewusst oder unbewusst) als wichtiger erachten wird in den restlichen Teil Ihres Kurzzeitgedächtnisses übertragen. Dies ermöglicht es Ihnen, sich daran zu erinnern, wann Sie zuletzt etwas gegessen haben, welche Dinge Sie einkaufen müssen, oder dass Sie den Geschirrspüler um 15 Uhr ausräumen müssen. Vieler dieser Informationen werden nicht lange gespeichert, da sie innerhalb einer Woche nicht weiter von Bedeutung sein werden.

Die Informationen werden dann zu unserem Langzeitgedächtnis weitergeleitet. Dieser Prozess findet eher dann statt, wenn die Information wichtig ist, wiederholt abgerufen wird oder einzigartig ist (zum Beispiel zum ersten Mal verliebt sein). Im Vergleich zum Kurzzeitgedächtnis, scheint das Langzeitgedächtnis über unbegrenzte Kapazitäten zu verfügen.

Viele Details darüber wie das Gedächtnis funktioniert, sind immer noch unklar. (c) Colourbox

Mit dem richtigen Auslöser (in der Fachsprache Trigger genannt) können wir auf Erinnerungen zugreifen, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie noch haben. Es wird angenommen, dass wir uns auch im Erwachsenenalter noch an Dinge erinnern können, die wir ab vier Jahren erlebt haben. Vorher ist die Fähigkeit des Gehirns, starke Verknüpfungen anzulegen, noch nicht voll entwickelt.

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Langzeitgedächtnis

Das Langzeitgedächtnis hilft Ihnen, sich an erlernte Fähigkeiten oder Ereignisse zu erinnern, um die kommenden Monate, Jahre oder Ihr ganzes Leben zu meistern. Es ist viel komplexer als das Kurzzeitgedächtnis. Zum besseren Verständnis unterteilen es die Forscher in das implizite und explizite Gedächtnis.

  • Das implizite Gedächtnis hilft uns beim Erinnern an bestimmte Prozesse oder Fähigkeiten, zum Beispiel das Lesen der Uhrzeit, Schwimmen oder Fahrrad fahren. Sie haben vielleicht Jahre lang nicht geschwommen, doch wenn man Sie ins tiefe Wasser eines Schwimmbeckens schubst, dann würden Sie nicht lange brauchen, um sich an die Schwimmbewegungen zu erinnern.
  • Das explizite Gedächtnis beinhaltet Gedanken und Kenntnisse, die im Unterbewusstsein gespeichert sind. Diese können durch die richtigen äußeren Reize ins Bewusstsein und Arbeitsgedächtnis gelangen. Das explizite Langzeitgedächtnis hilft Ihnen beispielsweise beim Erinnern an einen bestimmen Lebensabschnitt oder Ereignisse wie Ihren Geburtstag oder das Land und den Ort in dem sie geboren wurden.

Langzeitgedächtnisverlust

Langzeitgedächtnisverluste treten nicht so häufig auf wie Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis.

Ein Langzeitgedächtnisverlust kann folgende Ursachen haben:

  • Kopfverletzungen oder Gehirnerschütterung – beides kann zu Problemen mit dem Kurz- und Langzeitgedächtnis führen. In den meisten Fällen kommen die Erinnerungen zurück, sobald das Gehirn wieder richtig arbeitet. Probleme können jedoch weiterhin bestehen, wenn es sich um eine schwerwiegende Kopfverletzung handelt.
  • Psychischer Stress oder Trauma – dadurch ausgelöste Störungen des Gedächtnisses hat man unter verschiedenen Umständen und oftmals zusammen mit anderen Aspekten einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) beobachtet. In diesen Situationen geht man davon aus, dass das Gehirn absichtlich schmerzhafte Erinnerungen zum Eigenschutz unterdrückt.
  • Schwere Demenz – Im Anfangsstadium einer Demenz können sich Betroffene möglicherweise nicht an den heutigen Wochentag erinnern (Kurzzeitgedächtnisverlust), während Kindheitserlebnisse noch ganz präsent sind. Dieses Muster kann sich jedoch ändern und bei schwerer Demenz auch zu Störungen des Langzeitgedächtnisses führen.

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