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Anpassungsstörung

Auf emotionale Ereignisse wie die Geburt eines Kindes oder den Tod des Partners reagieren manche Menschen mit einer Anpassungsstörung. Lesen Sie hier, woran Sie diese psychische Erkrankung erkennen können und wie sie behandelt wird.

Was ist eine Anpassungsstörung?
Was sind die Ursachen einer Anpassungsstörung?
Was sind die Symptome einer Anpassungsstörung?
Wie erkennt der Arzt eine Anpassungsstörung?
Wie wird eine Anpassungsstörung behandelt?
Wie kann ich vorbeugen?
Wie sind die Heilungschancen bei einer Anpassungsstörung?

Was ist eine Anpassungsstörung?

Eine Anpassungsstörung ist eine psychische Erkrankung, die als Belastungsreaktion auf ein einschneidendes Lebensereignis auftritt. Beispielsweise können die Trennung vom Partner, ein Umzug, eine Fehlgeburt sowie Mobbing oder andere Probleme am Arbeitsplatz Auslöser für eine Anpassungsstörung sein.

Es ist normal, auf derartig emotional belastende Ereignisse zunächst mit Angst, Wut, Trauer oder Rückzug aus dem sozialen Umfeld zu reagieren. Doch während gesunde Menschen irgendwann einen Weg finden, den Schicksalsschlag zu verarbeiten und ihren Alltag (wieder) bewältigen können, leiden Patienten mit einer Anpassungsstörung längerfristig unter verschiedenen Symptomen wie depressiven Verstimmungen, Schlafstörungen, emotionaler Verwirrtheit und Schmerzen ohne körperliche Ursache.

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Diese psychischen und physischen Probleme machen den Krankheitswert der Störung aus: Es gelingt den Patienten nicht, sich an die neue Lebenssituation anzupassen. Dabei ist es unerheblich, ob das auslösende Ereignis tatsächlich objektiv belastend ist oder lediglich vom Betroffenen als zermürbend, quälend bzw. schwer zu ertragen empfunden wird. Laut Definition liegt dann eine Anpassungsstörung vor, wenn die Symptome innerhalb eines Monats nach der Lebenskrise auftreten und maximal sechs Monate anhalten.

Anders als andere psychische Erkrankungen wie Depression, Burnout oder Borderline ist die Anpassungsstörung gemeinhin weniger bekannt – und das, obwohl die Diagnose recht oft gestellt wird. Schätzungen zur Häufigkeit besagen, dass etwa 0,5 Prozent der Deutschen darunter leiden. Grundsätzlich kann eine Anpassungsstörung in jedem Alter auftreten, sie kann Babys, Kinder, Jugendliche in der Pubertät und Erwachsene betreffen. Frauen und Alleinstehende sind anfälliger für die Erkrankung. Der ICD-10-Code lautet F43.2, der englische Fachbegriff “Adjustment Disorder”.

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Was sind die Ursachen einer Anpassungsstörung?

Der Erkrankung liegt immer eine belastende Situation zugrunde, die vom Betroffenen als überfordernd, bedrohlich oder beängstigend empfunden wird. Es handelt sich dabei jedoch nicht um ein schweres Trauma, sondern um emotionale Ereignisse, die im Laufe eines Lebens auftreten können. Dies kann zum Beispiel der Übergang in die Rente, die Diagnose einer Krebserkrankung, Liebeskummer, der Tod des Partners, die Erfahrung von Gewalt oder ein Kaiserschnitt bzw. die Geburt eines Kindes sein.

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Akute Probleme in der Schule oder im Beruf können ebenfalls zu einer Anpassungsstörung führen. Typisch für diese Lebensereignisse ist, dass sie zwar nicht unüblich, aber dennoch aufwühlend sind. Sie sind oft mit einer einschneidenden Veränderung verbunden und können ein Gefühl von Verlust und Verletzlichkeit erzeugen. Es gibt einige Faktoren, die die Entstehung der Störung begünstigen können. Neben der Art und der Dauer der zugrundeliegenden Belastung spielt auch die individuelle Widerstandsfähigkeit des Patienten eine Rolle.

Hochsensible, aber auch pessimistische Menschen mit wenig Selbstbewusstsein können die Widrigkeiten des Lebens meist schlechter bewältigen als andere und entwickeln dadurch leichter oder öfter eine Anpassungsstörung. Dazu kommt die fehlende Unterstützung durch Kollegen, Freunde und Familie: Bleibt die Hilfe durch das soziale Umfeld aus, neigen insbesondere emotional instabile Menschen zur Entwicklung der Erkrankung. Erlebt ein Mensch mehrere stresserzeugende Ereignisse in kurzer Zeit, können aber auch widerstandsfähige Persönlichkeiten in eine psychische Krise geraten.

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Eine traurige Frau, die an einer Anpassungsstörung nach einem Verlust leidet.

Tragische Ereignisse können zu einer Anpassungsstörung führen. (c) Kittiphan/Fotolia

Was sind die Symptome einer Anpassungsstörung?

Als Reaktion auf ein belastendes Ereignis stellen sich Gefühle wie Verbitterung, Sorge, Traurigkeit, Überforderung und Ärger ein. In einem gewissen Umfang ist dies normal. Bei einer Anpassungsstörung hält dieser Zustand aber ungewöhnlich lange an und/oder ist besonders stark ausgeprägt. Die Betroffenen zeigen Anzeichen einer Depression oder Angststörung, sie isolieren sich zunehmend und schaffen es kaum noch, ihren Alltag zu meistern.

Dazu können verschiedene körperliche Symptome kommen, wie beispielsweise Verspannungen, Verdauungsprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten und Schmerzen. Die allgemeine Leistungsfähigkeit nimmt ab. Zu den Kriterien einer Anpassungsstörung gehört, dass die Probleme innerhalb von vier Wochen nach einem klar benennbaren belastenden Ereignis auftreten und in der Regel höchstens sechs Monate anhalten.

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Je nach Ausprägung der Symptome und Verlauf der Erkrankung unterscheidet man verschiedene Formen der Anpassungsstörung: Es gibt sie mit depressiver Stimmung, mit Angststimmung, mit Angst und depressiver Reaktion gemischt, mit Verhaltensauffälligkeiten, mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten sowie mit sonstigen Symptomen. Gut zu wissen: Liegt eine Anpassungsstörung mit einer längeren depressiven Reaktion vor, kann diese bis zu zwei Jahre andauern.

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Wie erkennt der Arzt eine Anpassungsstörung?

Um eine Anpassungsstörung von einer normalen Reaktion auf ein belastendes Lebensereignis sowie von anderen psychischen Erkrankungen wie einer reaktiven Depression, einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer akuten Belastungsreaktion abzugrenzen, gibt es verschiedene Diagnosekriterien. Eines ist das Vorliegen einer konkreten Ursache, welche die Symptome auslöst. Auch der zeitliche Rahmen, in dem die Probleme auftreten, spielt eine Rolle.

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Der Arzt, meist ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, wird sich durch ein ausführliches Patientengespräch ein Bild von dessen Persönlichkeit und dessen Bewältigungsstrategien machen. Dazu wird er verschiedene Fragen stellen, wie zum Beispiel: Wie sind Sie früher mit Problemen umgegangen? Haben Sie die Freude an Ihren Tätigkeiten verloren? Fühlen Sie sich antriebslos?

Wichtig ist auch, das Risiko für einen Suizid zu ermitteln. Im Rahmen der Diagnostik kann es außerdem sinnvoll sein, körperliche Ursachen für die Beschwerden auszuschließen. So kann beispielsweise eine beginnende Demenz zu ähnlichen Symptomen führen. Unter Umständen wird der behandelnde Arzt daher verschiedene Untersuchungen anordnen, um diese auszuschließen, etwa eine Blutanalyse oder ein EKG.

Bei einer Anpassungsstörung können Psychologen, Freunde oder Familie helfen. (c) Colourbox

Wie wird eine Anpassungsstörung behandelt?

Was kann man gegen eine Anpassungsstörung tun? Nicht jede Form der Erkrankung bedarf einer Behandlung. In einigen Fällen kann es ausreichen, die Angehörigen ins Boot zu holen, um dem Patienten durch die Unterstützung von Freunden und Familie Erleichterung zu verschaffen. Ist eine Therapie notwendig, wird man in der Regel einen individuellen Behandlungsplan erstellen und je nach Ausprägung der Erkrankung auf bewährte verhaltenstherapeutische, gesprächstherapeutische oder psychoanalytische Verfahren zurückgreifen.

Meist werden zehn bis 20 Psychotherapie-Sitzungen verordnet, in denen der Betroffene lernt, seinen Umgang mit belastenden Situationen zu verändern und neue Problembewältigungsstrategien anzuwenden. Zu den Therapiezielen gehört es, den Druck vom Patienten zu nehmen und sein Selbstwertgefühl zu stärken. Ergänzt werden kann die Psychotherapie durch ein Sportprogramm, diverse Entspannungstechniken und Ergotherapie.

Liegt eine besonders schwere Form vor, können auch kurzzeitig Medikamente wie Schlafmittel, Beruhigungsmittel und Antidepressiva verschrieben werden. Zum Einsatz kommen dann zum Beispiel selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer wie der Wirkstoff Citalopram sowie die natürliche Heilpflanze Johanniskraut.

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Wie kann ich vorbeugen?

Einer Anpassungsstörung gezielt vorzubeugen, ist nicht möglich. Wer das generelle Risiko für stressbedingte Erkrankungen senken möchte, sollte sich für eine gesunde Lebensweise entscheiden. Dazu gehören eine ausgewogene Ernährung, eine ausreichende sportliche Betätigung, der Verzicht auf Alkohol und andere Suchtmittel sowie das Einhalten regelmäßiger Erholungsphasen.

Reduzieren Sie die Belastung im Job und im Privatleben, indem Sie Aufgaben delegieren und Hilfe annehmen, wenn Sie merken, dass Ihnen alles zu viel wird. Zudem gibt es Hinweise, dass durch eine glückliche Partnerschaft das Risiko für die psychische Erkrankung abnimmt.

Da auch Säuglinge eine Anpassungsstörung entwickeln können, sollten die Eltern eines Neugeborenen auf Alarmsignale wie anhaltendes Schreien sowie Schlaf- und Fütterungsschwierigkeiten achten. Man nennt dieses Verhalten eine “frühkindliche Regulationsstörung”, die auf eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung hindeuten kann. Um schwerwiegende Folgen zu vermeiden, sollten Sie in diesem Fall rechtzeitig einen Kinderarzt oder eine auf derartige Probleme spezialisierte Klinik aufsuchen. Im Jugendalter kann sich eine Anpassungsstörung durch Aggression, vermehrtes Lügen, Schule schwänzen und andere Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Auch in diesem Fall sollten die Eltern frühzeitig Rat bei einem Experten suchen.

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Wie sind die Heilungschancen bei einer Anpassungsstörung?

Wie lange ist man krank? Ist die Anpassungsstörung heilbar? Die gute Nachricht lautet: Die Prognose ist in vielen Fällen positiv. Häufig bildet sich die Erkrankung innerhalb einiger Wochen oder Monate vollständig zurück – entweder von selbst oder durch eine geeignete Therapie.

Ob die Anpassungsstörung tatsächlich geheilt werden kann, hängt allerdings von verschiedenen Faktoren wie der Art und der Ausprägung der Symptome sowie deren Auslöser ab. Grundsätzlich kann eine Anpassungsstörung auch einen chronischen Verlauf nehmen, etwa im Trauerfall. Ein Rückfall ist ebenfalls möglich, insbesondere bei erneuten belastenden Ereignissen.

Zeigt der Patient depressive Verstimmungen, kann er langfristig eine Depression entwickeln. Darüber hinaus dauert es bei Kindern und Jugendlichen meist länger, bis sie die Erkrankung überwunden haben.

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