Gesundheit kompakt

Bandscheibenvorfall in der Lendenwirbelsäule (LWS)

Wenn der Rücken sich plötzlich mit starken Schmerzen meldet, kann ein Bandscheibenvorfall die Ursache sein. Immer häufiger leiden auch jüngere Menschen unter einem Bandscheibenvorfall, denn nicht nur altersbedingter Verschleiß verursacht das Rückenleiden. Wir erklären, was dahinter steckt – und was dagegen hilft.

Was ist ein Bandscheibenvorfall?

Funktion der Bandscheiben: Stoßdämpfer der Wirbelsäule

Unsere Wirbelsäule ist das Zentrum unseres Skeletts. In ihrem Inneren liegen 24 frei bewegliche Wirbel, die das Rückenmark ummanteln. Dazwischen: kleine, elastische, aber äußerst strapazierfähige Puffer – die Bandscheiben. Lediglich zwischen den Wirbeln des Kreuz- und Steißbeins und dem ersten und zweiten Halswirbel befinden sich keine.

Wenn wir laufen oder springen, nehmen die Bandscheiben Bewegungsenergie auf und dämpfen dadurch Stöße oder Erschütterungen ab. Das ist wichtig, damit die Wirbelknochen des Rückens geschont werden und das Gehirn vor Verletzungen geschützt ist.

Jede Bandscheibe hat einen Gallertkern, der zu etwa 80 Prozent aus Wasser besteht und die Bewegungsenergie aufnimmt. Dieser elastische Kern wird von einem Ring aus Knorpel umgeben. Dessen Aufgabe ist es, die Bandscheibe an Ort und Stelle – also zwischen den Wirbeln – zu halten. Dieser besondere Aufbau der Bandscheiben hält die Wirbelsäule beweglich und gleichzeitig stabil.

Bandscheibenvorfall: Wenn der Puffer verrutscht

Bei einem Bandscheibenvorfall (Fachbegriff: Bandscheibenprolaps, Prolapsus nuclei pulposi) verlagert sich der Gallertkern im Inneren der Bandscheibe oder Teile seines Gewebes treten aus, weil der umgebende Faserknorpelring rissig ist. Mediziner bezeichnen einen Bandscheibenvorfall auch als Diskusprolaps oder Bandscheibenprolaps. Der ausgetretene Gallertkern kann auf die Nerven drücken, die am Rückenmark ihren Ursprung haben, die sogenannten Spinalnerven. So entstehen die Beschwerden wie Schmerzen oder im schlimmsten Fall Lähmungserscheinungen – dann ist ein schneller Arztbesuch ein Muss! Es können sich auch Teile der Gallertmasse ablösen und in den Wirkbelkanal rutschen (Bandscheibensequestration). Oft spüren die Betroffenen aber den Bandscheibenvorfall nicht.

In neun von zehn Fällen sind Bandscheibenvorfälle auf Schädigungen im Bereich der fünf Lendenwirbel (Lendenwirbelsäule = LWS) zurückzuführen, da dort der stärkste Druck einwirkt.Halswirbel (Halswirbelsäule= HWS) sind nicht so häufig betroffen. Bandscheibenvorfälle im Brustwirbelbereich (Brustwirbelsäule = BWS) kommen besonders selten vor.

Vom Bandscheibenvorfall zu unterscheiden ist die Bandscheibenvorwölbung (Diskusprotrusion): Die Bandscheibe verrutscht hier zwar ebenfalls nach außen, durchbricht aber nicht den Faserring.

Was sind die Ursachen eines Bandscheibenvorfalls?

Eine häufige Ursache des Bandscheibenvorfalls ist der natürliche Alterungsprozess, der auch vor dem Bindegewebe nicht halt macht. Etwa ab dem 30. Lebensjahr sind Veränderungen an der Wirbelsäule normal. Deshalb ist der typische Bandscheiben-Patient zwischen 30 und 50 Jahre alt. Der Gallertkern der Bandscheiben speichert Wasser, und diese Fähigkeit nimmt mit zunehmendem Alter ab. Im Lauf der Jahre werden die Bandscheiben immer weniger elastisch. Zudem wird der Faserring, der den Gallertkern umgibt, immer durchlässiger – es besteht das Risiko, dass er einreißt, der Gallertkern herausrutscht und auf die Nervenwurzeln drückt.

Weitere Risikofaktoren für einen Bandscheibenvorfall sind:

  • Haltungsfehler mit einer langfristigen Fehl- und Überbelastung der Wirbelsäule
  • Übergewicht: zu viele Kilos drücken auf die Bandschreiben
  • schwere körperliche Arbeit, das Heben und Tragen großer Lasten
  • ruckartige Bewegungen
  • Sportarten, bei denen die Wirbelsäule häufigen Erschütterungen ausgesetzt ist, etwa beim Reiten oder Mountainbike fahren. Auch Tennis oder Squash können zu Bandscheibenvorfällen führen, weil die Wirbelsäule in sich verdreht wird.
  • zu wenig Bewegung kann ebenfalls ursächlich sein, weil dann Muskeln verkümmert sind
  • Eine Schwangerschaft kann Bandscheibenvorfälle begünstigen.
  • Bauch-, Rücken- und Gesäßmuskeln, die nicht ausreichend gut trainiert sind, können die Entstehung eines Bandscheibenschadens ebenfalls fördern, weil die Wirbelsäule kaum eine Stütze hat.
  • Seltene Ursachen von Bandscheibenvorfällen sind Verletzungen oder Unfälle
Bandscheibenvorfall

Langes Sitzen erhöht das Risiko für einen Bandscheibenvorfall. (c) Colourbox

Was sind die Symptome eines Bandscheibenvorfalls?

Manche Betroffene bemerken nicht einmal, dass sie einen Bandscheibenvorfall haben. Sie verspüren keinerlei Bandscheibenvorfall-Symptome. Drückt der herausgerutschte Gallertkern allerdings auf die Nervenwurzeln, das Rückenmark oder die Nervenfaserbündel in der Lendenwirbelsäule (Pferdeschweif, cauda equina) können Schmerzen entstehen, die in die Beine (Bandscheibenvorfall untere Wirbelsäule) oder Arme (Bandscheibenvorfall Brustwirbelsäule) ausstrahlen. Ein Hexenschuss (Lumbago) kann ein Warnzeichen dafür sein, dass die Bandscheibe geschädigt ist.

Außerdem kann es zu Muskelschwäche, Taubheitsgefühlen, Kribbeln („Ameisenlaufen“), Blasen- und Darmentleerungsstörungen sowie Lähmungserscheinungen kommen – dann müssen Sie sofort einen Arzt oder eine Klinik aufsuchen, denn dies ist ein medizinischer Notfall. Es drohen Folgeschäden wie dauerhafte Lähmungen und bleibende Störungen, vor allem der Blasenfunktion.

>> In diesem kurzen Video erklärt Dr. Johannes Wimmer, bekannt aus dem NDR Magazin Visite, wie Sie einen Bandscheibenvorfall erkennen können.

Wie erkennt der Arzt die Erkrankung?

Am Anfang der Bandscheibenvorfall-Diagnostik stehen eine ausführliche Befragung des Patienten (Anamnese), zum Beispiel nach der Art und dem Ort der Rückenschmerzen, sowie eine körperliche und neurologische Untersuchung. Für die Diagnose werden beispielsweise die Reflexe, Beweglichkeit und Empfindsamkeit gegenüber verschiedenen Reizen geprüft. Oft lässt sich schon damit der Bandscheibenvorfall diagnostizieren.

Der Ort der Schmerzen, des Kribbelns und der Taubheitsgefühle (in Armen oder Beinen) lassen Rückschlüsse darauf zu, an welcher Stelle der Wirbelsäule der Bandscheibenvorfall stattgefunden hat (Lendenwirbelsäule, Brustwirbelsäule oder Halswirbelsäule). Auch Röntgen, Computertomografie und Kernspintomografie (Magnetresonanztomografie, MRT) – eventuell mit Kontrastmittel – zeigen den Zustand der Wirbelzwischenräume und der Bandscheiben.

>> Hier sehen Sie in einem Video, wie der Arzt bei der Untersuchung vorgeht:

Video Bandscheibenvorfall

Wie wird ein Bandscheibenvorfall behandelt?

Die Behandlung (Therapie) eines Bandscheibenvorfalls hängt davon ab, welche Symptome der Patient hat. Verspürt er keine Beschwerden, muss der Bandscheibenvorfall auch nicht behandelt werden. Wer starke oder länger als drei bis vier Tage andauernde Beschwerden hat, sollte unbedingt einen Arzt aufsuchen. Ein sofortiger Arztbesuch ist bei zusätzlichen Taubheitsgefühlen, Kribbeln in Armen oder Beinen und Lähmungserscheinungen geboten! Es drohen sonst bleibende Schäden. Es gibt verschiedenen Möglichkeiten, einen Bandscheibenvorfall zu behandeln.

>> Wer sich noch unsicher ist bei der Arztwahl, kann bei dieser Suche den richtigen Spezialisten finden.

Konservative Behandlung (ohne Operation)

Eine Operation als Behandlungsmöglichkeit des Bandscheibenvorfalls ist in vielen Fällen nicht nötig. Dies gilt allerdings nur, wenn Taubheitsgefühle, Lähmungen oder Kribbeln ausbleiben. Die Beschwerden können sich von selbst bessern oder wieder verschwinden, weil der Gallertkern mit der Zeit eintrocknet und schrumpft.

Konservative Behandlung mit Medikamenten und Wärme

  • Schmerzmittel: Zuerst werden Nicht-Opioid-Analgetika wie Paracetamol eingesetzt. Wirken sie nicht ausreichend, helfen Nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAR) wie Ibuprofen oder Indometacin. Sie wirken Schmerzen und Entzündungen entgegen und besitzen eine abschwellende Wirkung. Bei stärken Schmerzen werden kurzfristig Opioide eingesetzt. Auch COX2-Hemmer und Corticosteoride können beim Bandscheibenvorfall helfen.
  • Medikamente zur Muskelentspannung (Muskelrelaxantien): Sie lindern den Druck auf die Nervenwurzel und machen die Patienten wieder beweglicher.
  • Wärmeanwendungen lösen Muskelverspannungen.
  • Bettruhe wird bei einem Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule nicht mehr empfohlen, sondern leichte bis mäßige Belastung.
  • Bringen die Schmerzmittel keine ausreichende Wirkung sind die Peridurale Infiltration (PDI) oder periradikuläre Therapie (PRT) eine Alternative zur Operation. Ärzte verabreichen schmerzstillende und entzündungshemmende Medikamente punktgenau im Bereich der schmerzenden Nervenwurzel.

Konservative Behandlung mit Physiotherapie und Rückenschule

Die Physiotherapie (früher Krankengymnastik) soll vor allem die Schmerzen bessern. Es gibt verschiedene krankengymnastische Übungen, zum Beispiel die Mobilisation mit den Händen (manuell) oder mittels Schlingentisch (eine Rahmenkonstruktion mit Schlingen und Seilen, mit denen der Patient ganz oder teilweise hochgezogen wird). Schmerzlindernd wirkt auch die Elektrotherapie mit Reizstrom.

Bei chronischen Schmerzen wird eine Kombination von Physiotherapie und psychotherapeutischen Verfahren (Verhaltenstherapie, Schmerzbewältigungsprogramme) eingesetzt.

Ist der Patient nach dem Bandscheibenvorfall schmerzfrei, heißt es, die Bauch- und Rückenmuskulatur mittels Physiotherapie zu trainieren. Dies entlastet die Bandscheiben. Eine Rückenschule zeigt Patienten, wie sie ihren Rücken und die Bandscheiben im Alltag schonen (z.B. wie hebt man schwere Lasten richtig?)

Chirurgische Therapie (mit Operation)

Bei manchen Menschen mit einem Bandscheibenvorfall ist eine Operation unumgänglich. Dies gilt vor allem, wenn neben dem starken Schmerz Lähmungserscheinungen auftreten oder die Blasen- und Darmfunktion beeinträchtigt ist. Dies ist ein medizinischer Notfall, der im Krankenhaus behandelt werden muss! Sonst kann es zu bleibenden Lähmungen und Schäden kommen.

Mögliche operative Verfahren sind:

Minimal-invasive Operation: bei einfachen, frischen Bandscheibenvorfällen und nur, wenn vorher keine Bandscheiben-OP stattgefunden hat. Operiert wird meist ambulant unter regionaler Betäubung. Über einen kleinen Schnitt am Rücken wird die lädierte Bandscheibe endoskopisch entfernt.

Laser: geeignet für leichte, frische Bandscheibenvorfälle. Die Bandscheibe wird mit einem Laser verdampft und abgetragen. Der Eingriff erfolgt unter örtlicher Betäubung.

Chemonukleolyse: Ärzte injizieren das Enzym Chymopapain in den Gallertkern der Bandscheibe, verflüssigen ihn und saugen ihn ab. Bei dieser Methode muss der Faserring der betroffenen Bandscheibe noch intakt sein. Sonst kann das aggressive Enzym im umliegenden Gewebe schwere Schäden anrichten.

Perkutane Nukleotomie: Der Gallertkern der Bandscheibe wird mit einem speziellen Sauggerät entfernt. Nur unkomplizierte Bandscheibenvorfälle werden mit dieser Methode behandelt.

Offene Chirurgie: In schweren Fälle, wenn beispielsweise mehrere Bandscheiben betroffen sind, wird eine Operation unter Vollnarkose durchgeführt. Trotz hoher Erfolgsaussichten gibt es eine Reihe von Risiken, beispielweise die Schädigung der Gefäße und Nerven, Entzündungen oder Narbenbildung. Die offene Chirurgie wird nur dann durchgeführt, wenn es absolut notwendig ist.

Versteifung der Wirbelsäule (Spondylodese): bei schweren Bandscheibenvorfällen oder wenn ein Wirbelsäulenabschnitt aufgrund einer früheren Bandscheiben-OP instabil ist. Unter Vollnarkose verbindet der Arzt mehrere Wirbelkörper knöchern miteinander. Die Versteifung ist nur eine Option, wenn es keine andere Alternative mehr gibt. Denn die Wirbelsäule ist durch die Versteifung weniger beweglich.

Künstliche Bandscheibe: bei chronischen Beschwerden oder besonders schweren Bandscheibenvorfällen. Die künstliche Bandscheibe besteht aus Titan und wird anstelle der „alten“ Bandscheibe implantiert.

>> Mehr Informationen zum Thema Bandscheiben-Op finden Sie hier

Bandscheibenvorfall

Bildgebende Verfahren machen die geschädigte Bandscheibe sichtbar. (c) Colourbox

Wie kann ich einem Bandscheibenvorfall vorbeugen?

Der Verschleiß von Wirbelsäule und Bandscheiben nimmt mit dem Alter zu. Diesem können Sie nicht vorbeugen. Aber Sie können selbst einiges tun, um einem Bandscheibenvorfall weniger Chancen zu geben.

Bewegen Sie sich!

Die Bandscheiben können Nährstoffe und Wasser nur aus dem umgebenden Gewebe aufnehmen, wenn Sie sich richtig bewegen. Ein Bewegungsmangel, aber auch eine zu hohe Belastung sorgen dafür, dass die Bandscheiben nicht ausreichend ernährt werden. So wird ein Bandscheibenvorfall begünstigt.

Langes Sitzen vermeiden

Falls das aus beruflichen Gründen nicht geht, wechseln Sie möglichst häufig die Sitzposition und stehen zwischendurch öfter mal auf (z.B. beim Telefonieren). Wer am Bildschirm arbeitet, sollte außerdem den Monitor optimal auf die Augenhöhe anpassen.

Richtig Sitzen!

Verzichten Sie auf tiefe und weiche Sitzmöbel. Sie belasten die Bandscheiben zusätzlich.

Rücken- und Bauchmuskulatur stärken

Kräftige Rücken- und Bauchmuskeln sind eine Entlastung für die Bandscheiben. Gehen Sie am besten regelmäßig schwimmen – der Ausdauersport stärkt die Rückenmuskeln und schont die Gelenke.

Übergewicht? Nehmen Sie ab!

Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) belasten nicht nur die Gelenke, sondern auch den Rücken. Die vielen Kilos drücken auf die Bandscheiben. Wenn Sie übergewichtig sind, versuchen Sie einige Kilos abzunehmen. Am besten gelingt dies mit einer ausgewogenen Ernährung und Bewegung.

Rückenfreundlich Heben

Heben Sie schwere Lasten niemals aus dem Kreuz heraus, sondern aus den Beinen. Gehen Sie zum Anheben stets in die Knie statt die Kraft aus dem Rücken zu holen. Verteilen Sie Lasten gleichmäßig auf beide Arme und halten Sie diese dicht am Körper. Das schont auch Ihre Bandscheiben.

Wie sind die Heilungschancen bei einem Bandscheibenvorfall?

Bandscheibenvorfälle, die unentdeckt bleiben und keine Symptome verursachen, können von selbst wieder verschwinden. Zudem bessert sich ein Bandscheibenvorfall meist nach wenigen Wochen, wenn er richtig behandelt wird. In manchen Fällen lässt sich aber ein erneuter Bandscheibenvorfall trotz Therapie nicht verhindern.

Wichtig für die Prognose ist die Schwere des Bandscheibenvorfalls und ob bereits neurologische Schäden eingetreten sind. Eine Rolle spielt auch, wie diszipliniert der Patient selbst ist: Ein geringeres Körpergewicht, regelmäßige Physiotherapie und ein Verhalten, das den Rücken im Alltag schont, schützen vor einem weiteren Bandscheibenvorfall.

>> Betroffene können sich rund um das Thema Bandscheiben in diesem Forum ausstauschen. Es ist gegliedert in Erfahrungsberichte und Fragen zum Bandscheibenvorfall; außerdem finden Sie dort Hilfe zum Thema Behördengänge, Erwerbsminderungsrente usw.


Quellen:

  1. S2k-Leitlinie „Lumbale Radikulopathie”, Deutsche Gesellschaft für Neurologie
  2. S1-Leitlinie „Zervikale Radikulopathie”, Deutsche Gesellschaft für Neurologie