Gesundheit kompakt

Hallux valgus

In offenen Schuhen stört er kaum, doch sperrt Schuhwerk den Fuß ein, macht sich ein ausgeprägter Hallux valgus schmerzhaft bemerkbar. Wird sein Fortschreiten nicht gestoppt, können sich Beschwerden einstellen, die am Ende sogar das Laufen zum Problem machen.

Was ist ein Hallux valgus?
Wie kommt es zu der Fehlstellung?
Was sind die Symptome?
Wie wird ein Hallux valgus behandelt?
Wie sind die Heilungschancen nach einer Operation?
Wie kann man vorbeugen?

Was ist ein Hallux valgus?

„Hallux“ ist der medizinische Fachbegriff für die Großzehe. Der Zusatz „valgus“ bedeutet, dass die Großzehe in der Valgus-Stellung, einer Fehlstellung, ist. „Genau genommen ist es eine X-Stellung von der Körpermitte aus gesehen“, erklärt Dr. Kühle, leitender Arzt im Zentrum für Orthopädie, Neuro- und Unfallchirurgie in Nürnberg. Konkret: Wer auf seinen rechten Fuß blickt und erkennt, dass der große Zeh nach rechts in Richtung zweiter Zeh driftet, dessen „Hallux“ ist in Valgus-Stellung. Gleichzeitig tritt der Ballen des Großzehs seitlich zur Körpermitte hervor.

Grundsätzlich ist ein Hallux valgus eine beschreibende Diagnose, hat aber nicht den Stellenwert einer Krankheit. Medizinisch relevant wird der Halux valgus, wenn er Probleme bereitet – zum Beispiel Schmerzen im Schuh –  oder wenn er Funktionseinschränkungen des Fußes verursacht.

Der Hallux valgus ist die häufigste Deformität beim Menschen und tritt bei Frauen dreimal häufiger auf als bei Männern.

Wie kommt es zu der Fehlstellung?

Die Entwicklung eines Hallux valgus ist genetisch bedingt und wird von äußeren Faktoren nur gering beeinflusst. Allerdings sind nur etwa drei von hundert Hallux valgus angeboren. Bei den meisten Betroffenen bildet sich die Deformität erst im Laufe des Lebens heraus. Die Ursache dafür ist eine Fehlstellung bestimmter Knochen im Fuß:

Der mittlere Teil des Fußes besteht aus fünf Knochen (Mittelfußknochen, medizinisch Metatarsale). Sie liegen zwischen den Zehenknochen und der Fußwurzel. Auf Höhe des Großen Zehs befindet sich der erste Mittelfußknochen, zur Fußaußenseite hin folgen Mittelfußknochen zwei bis fünf.

Dort, wo der erste Mittelfußknochen auf das Grundgelenk des Großen Zehs trifft, sitzen (zur Fußunterseite hin) zwei kleine Knochen, sogenannte Sesambeine. Sie funktionieren wie ein Gleitlager für die Sehne von und zum Großen Zeh. Diese Knochen sind unscheinbar, werden aber bei jedem Schritt extrem belastet. Das Grundgelenk des Großen Zehs ist sehr sensibel. Gleichzeitig wird es häufig überlastet. In der Summe kann das dazu führen, dass der erste Mittelfußknochen von den Sesambeinen weg, zur Seite “rutscht”. Als Folge zieht die nun nicht mehr gerade verlaufende Sehne den Großzeh zu stark in Richtung Fußaußenseite.

Dadurch gerät zum einen die Biomechanik des Fußes, zum anderen die Kräfteverteilung auf die Knochen aus dem Gleichgewicht:

  • der Ballen des Großen Zehs tritt sichtbar zur Innenseite hervor
  • der Große Zeh driftet zur Außenseite
  • die Belastung des ersten Mittelfußknochens ist eingeschränkt
  • die Belastung des zweiten und dritten Mittelfußknochens nimmt zu

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Fördern hohe Schuhe die Entstehung eines Hallux valgus?

Weil der Hallux valgus vor allem bei Frauen zum Problem wird, glaubte man lange, dass vor allem zu enge und hohe Schuhe die Fehlstellung verursachen würden. „Das muss aber revidiert werden“, sagt Dr. Kühle. „Heute geht man davon aus, dass die Grundbedingung für die Fehlstellung erblich ist.“ Ein Beleg dafür: Selbst bei barfuß laufenden Naturvölkern tritt Hallux valgus auf.

Dennoch gilt: Schuhe mit hohen Absätzen sind grundsätzlich schlecht für die Füße. Sie verursachen eine Verlagerung des Körpergewichtes auf den Vorderfuß, was die Entstehung eines Hallux valgus beschleunigt. Zum anderen sind hohe Schuhe meist im vorderen Bereich spitz zulaufend. Dadurch werden die Zehen in eine unnatürliche Form gezwängt und der große Zeh in Richtung zweiter Zeh gepresst. Bei natürlicher, normaler Fußstellung ist zwischen Großzeh und zweitem Zeh etwas Abstand.

Durch hohe Schuhe kann ein Hallux valgus schneller Probleme bereiten, jedoch kann das Tragen flacher Schuhe die Deformation nicht verhindern.

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Ausschnitt Füße mit Hallux valgus

Bei einem Hallux valgus ist die Großzehe in einer Fehlstellung. (c) masanyanka / Fotolia

Was sind die Symptome?

Da ein Hallux valgus keine Erkrankung ist, kann man erst von Symptomen sprechen, wenn er Erkrankungen auslöst. Diese sind – je nachdem welche äußeren Faktoren auf den Fuß einwirken – folgende:

Druckschmerz:

Durch den hervortretenden Großzehballen kann es zu Druckschmerz im Schuh kommen – der Schuh wird schlicht zu eng und drückt vor allem auf das Gelenk des hervortretenden Großzeh.

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Bursitis:

Verstärkt sich der Druck auf das Großzehgelenk, kann sich der Schleimbeutel darin entzünden: “Das Gelenk schwillt an, rötet sich und schmerzt. Die Bursitis ist meist auch der Grund, warum die Betroffenen mit einem Hallux valgus zum Arzt gehen”, weiß Dr. Kühle.

Bruch der Mittelfußknochen:

Durch die Deformität des Mittelfußknochens werden seine “Nachbarknochen” mehr belastet. Das kann im Extremfall zu Brüchen führen.

Nekrosen:

Beim Hallux valgus rückt das Endglied des Großzehs auf den zweiten Zeh zu. Druck und Reibung an der Kontaktstelle können dazu führen, dass sich die Haut öffnet und Bakterien eindringen, die eine Entzündung auslösen. Diese offenen, entzündeten Hautstellen (Nekrosen) können eine Operation notwendig machen.

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Wie wird ein Hallux valgus behandelt?

Ein Hallux valgus kann auf unterschiedliche Weise behandelt werden. Eine nachhaltige Therapie und völlige Beschwerdefreiheit kann jedoch nur eine Operation erreichen.

Konservative Therapien

Ist der Hallux valgus erst schwach ausgeprägt, sind Schuh-Einlagen (Orthesen), die den Vorderfuß entlasten, eine der einfachsten Möglichkeiten, auf die Deformität einzuwirken. Weiterhin gibt es Spangen und Schienen. Sie werden an den Vorderfuß angelegt und ziehen den Großzeh in die gerade Richtung.

Wichtig: Solche mechanischen Therapien können das Fortschreiten des Hallux valgus lediglich verlangsamen, aber nicht verhindern oder korrigieren. “Wird zum Beispiel die Schiene wieder abgenommen, fällt die Zehe sofort zurück in die Hallux valgus-Stellung”, weiß Dr. Kühle. “Der Hallux valgus wird sich trotz Schiene verschlimmern.”

Operative Korrekturen

Viele Mediziner raten dazu, einen Hallux valgus frühzeitig operativ zu korrigieren. Treten Schmerzen auf, können Gelenke und benachbarte Knochen bereits unwiderruflich geschädigt sein. Andere raten dazu, erst alle Möglichkeiten der konservativen Therapie auszuschöpfen.

Eine Operation ist spätestens dann medizinisch angezeigt, wenn die Betroffenen unter chronischen Schmerzen leiden oder der Fuß nicht mehr normal belastet werden kann. Außerdem machen sogenannte “Konfliktsituationen” einen Eingriff notwendig – wenn zum Beispiel der Großzeh so weit nach außen rückt, dass er den benachbarten Zeh überlagert.

Was passiert bei der Operation?

Durch den therapeutischen Eingriff werden die betroffenen Knochen in eine neue Position gebracht und damit die Ursache der Fehlstellung behoben. Konkret bedeutet das, dass der erste Mittelfußknochen durchtrennt und wieder neu zusammensetzt wird.
Der Knochen des Großzehs wird ebenfalls abgetrennt vom Schaft und zur Körpermitte hin versetzt. Danach werden die beiden Teile mit Drähten oder Platten in der neuen Stellung fixiert. In den meisten Fällen können Implantate im Fuß verbleiben – sofern sie keine Probleme bereiten.

Darauf können weitere Operationsschritte aufbauen, wie zum Beispiel Vertiefungs-Operationen im untergeordneten Gelenk.

Wie gut sind die Heilungschancen nach der Operation?

Bis der durchtrennte Knochen wieder zusammengewachsen ist, vergehen in der Regel vier bis sechs Wochen. “Nach einem Monat sollte der Fuß wieder schrittweise belastet werden”, rät Dr. Kühle. Dann beginnt eine zweiwöchige rehabilitative Phase, an deren Ende die ursprüngliche Belastbarkeit des Fußes wiederhergestellt ist.

“Ist der Fuß gut operiert, tritt der Hallux valgus nicht wieder auf“, sagt Dr. Kühle. Entwickelt sich die Deformität dennoch zurück, liegt dies meist daran, dass das Bindegewebe älter wird, was sich auch auf die Gelenke und Sehnen im Fuß auswirkt.

Wie kann man vorbeugen?

„Wer die Veranlagung zum Hallux valgus hat, wird mit Sicherheit einen Hallux valgus entwickeln”, sagt Dr. Kühle. Eine Prävention im eigentlichen Sinn ist also nicht möglich. Allerdings kann das Fortschreiten der Deformität verlangsamt werden, zum Beispiel durch Schuhe, die der natürlichen Fußform angepasst sind, das Vermeiden von Übergewicht, Fußgymnastik zur Stärkung der Sehnen und Barfußlaufen.

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