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Histrionischen Persönlichkeitsstörung

Zeigt ein Mensch ein übertrieben theatralisches Verhalten, buhlt er um Aufmerksamkeit und will stets im Mittelpunkt stehen, kann eine spezielle Form der Persönlichkeitsstörung vorliegen. Lesen Sie hier, woher diese Störung kommt und wie die histrionische Persönlichkeitsstörung behandelt wird.

Was ist eine histrionische Persönlichkeitsstörung?
Was sind die Ursachen der histrionischen Persönlichkeitsstörung?
Was sind die Symptome der Störung?
Wie erkennt der Arzt eine histrionische Persönlichkeitsstörung?
Wie wird eine histrionische Persönlichkeitsstörung behandelt?
Wie kann ich der Störung vorbeugen?
Wie sind die Heilungschancen bei einer histrionischen Persönlichkeitsstörung?

Was ist eine histrionische Persönlichkeitsstörung?

Eine histrionische Persönlichkeitsstörung, abgekürzt HPS, ist gekennzeichnet durch theatralisches und manipulatives Verhalten sowie durch das Verlangen, stets im Mittelpunkt stehen zu wollen. Die Betroffenen neigen zur Dramatisierung, ihre Stimmung kippt schnell und sie reagieren gekränkt, wenn sie nicht das gewünschte Maß an Aufmerksamkeit erhalten. Eingeordnet wird die HPS in das Spektrum der dramatisch-emotionalen Persönlichkeitsstörungen.

Zur Geschichte: Der Begriff “histrionische Persönlichkeitsstörung” taucht als diagnostische Kategorie erstmals im Jahr 1980 auf. Mitglieder der Amerikanischen Psychiatrischen Gesellschaft (APA) haben damals den veralteten, negativ belegten Begriff der Hysterie weiterentwickelt und diesen in drei Gruppen von Störungen aufgespalten: Konversionsstörungen, dissoziative Störungen und histrionische Persönlichkeitsstörung. Die Krankheitszeichen können einzeln auftreten, aber auch gemeinsam beim selben Patienten.

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Welche Bedeutung hat das Wort “histrionisch”? Der Begriff kommt aus dem Lateinischen: Mit dem Substantiv “histrio” bezeichnete man im antiken Rom einen Schauspieler. Experten gehen davon aus, dass in der Bevölkerung etwas zwei bis drei Prozent an dieser Form der Persönlichkeitsstörung leiden. Frauen und Männer sind davon gleichermaßen betroffen. Zu unterscheiden ist die histrionische Persönlichkeitsstörung von einem histrionischen Persönlichkeitsstil: Letzterer meint eine weniger starke Ausprägung der histrionischen Züge und gilt nicht als krankhaft.

Menschen mit einem histrionischen Persönlichkeitsstil gelingt es häufig, sich selbst besonders eindrucksvoll darzustellen. Sie werden oft als sehr gesellig, liebenswürdig, lebhaft und offen wahrgenommen. Daher verwundert es nicht, dass sich unter Prominenten viele Menschen mit histrionischen Zügen finden. Der Diplompsychologe Prof. Dr. Rainer Sachse nennt als Beispiele Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor, Mariah Carey und die Kardashian-Schwestern. Auch in Filmen werden histrionische Persönlichkeiten immer wieder thematisiert, etwa mit Gollum in den “Der Herr der Ringe”-Filmen und Audrey Hepburn als Holly Golightly in “Frühstück bei Tiffany”.

Was sind die Ursachen der histrionischen Persönlichkeitsstörung?

Wie bei allen Persönlichkeitsstörungen handelt es sich bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung um ein abnormes Wahrnehmungs- und Verhaltensmuster. Dieses wirkt sich auf das gesamte Denken, Fühlen und Handeln des Betroffenen aus und hat dadurch negative Folgen für dessen Alltag. Woher die Probleme kommen, ist noch nicht eindeutig geklärt. Experten vermuten, dass eine histrionische Persönlichkeitsstörung durch ein komplexes Zusammenspiel von biologischen und psychologischen Faktoren sowie Umweltfaktoren entsteht.

Viele Psychoanalytiker vertreten die Ansicht, dass die Ursachen in der Kindheit zu suchen sind. War das Verhältnis zu den Eltern gestört und haben sich diese dem Kind gegenüber kalt und kontrollierend benommen oder ihm ein falsches Bild von Liebe und Wertschätzung vermittelt, kann der Betroffene Probleme mit seinem Selbstwertgefühl und dadurch letztendlich eine histrionische Persönlichkeitsstörung entwickeln. Histrioniker haben gelernt, durch übertrieben emotionales Verhalten oder durch eine gezielte Dramatisierung von Situationen Aufmerksamkeit und Unterstützung von ihren Mitmenschen zu erhalten.

Unterschieden wird die HPS nach fünf Subtypen:

  • Der theatralische Typus schlüpft mühelos in verschiedene Rollen,
  • der hypomane Typus reagiert häufig sprunghaft und impulsiv,
  • der infantile Typus wird von der Angst getrieben, verlassen zu werden,
  • der schmeichelnde Typus strebt nach Bewunderung,
  • der verschlagene Typus versucht, andere zu manipulieren und zu kontrollieren.
Ein junger Mann deuten mit beiden Zeigefinger auf sich selbst. Er hat Züge einer histrionischen Persönlichkeitsstörung.

Histrioniker wollen immer das Zentrum der Aufmerksamkeit sein. (c) koldunova_anna / Fotolia

Was sind die Symptome der Störung?

Die ersten Symptome einer histrionischen Persönlichkeitsstörung zeigen sich meist im Jugendalter oder der frühen Adoleszenz. Typisch ist eine übermäßige Emotionalität, ein rasch wechselnder Gesichtsausdruck, eine leichte Beeinflussbarkeit und das permanente Streben nach Aufmerksamkeit. Um Beachtung zu finden, legen viele Betroffene großen Wert auf ihr Äußeres und/oder pflegen wechselnde sexuelle Kontakte.

Steht der Histrioniker bzw. die Histrionikerin nicht im Mittelpunkt, fühlt er bzw. sie sich unwohl. Zahlreiche Betroffene empfinden Beziehungen und Freundschaften als enger als es tatsächlich der Fall ist und verhalten sich gegenüber Kollegen oder platonischen Freunden unangemessen sexuell und verführend. Diese Persönlichkeiten beschreiben sich selbst, ihre Gefühle und Erlebnisse übertrieben dramatisch, ohne dabei jedoch wirklich ins Detail zu gehen. Ein solch wenig präziser Denk- und Sprachstil wird “impressionistisch” genannt.

Dazu können weitere Verhaltensweisen kommen wie Egozentrik und Narzissmus, eine erhöhte Kränkbarkeit und anhaltende Versuche, andere zu manipulieren. Es gibt Histrioniker, die Selbstmordversuche unternehmen oder andeuten, um die ersehnte Aufmerksamkeit zu erhalten. Nicht selten geht die histrionische Persönlichkeitsstörung mit weiteren gesundheitlichen Problemen einher, etwa einer Angststörung, einer Dissoziation, einer Depression oder psychosomatischen Beschwerden. Man spricht dann von einer Komorbidität. Auch gemeinsam mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wird die HPS häufig beobachtet.

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Wie erkennt der Arzt eine histrionische Persönlichkeitsstörung?

Betroffene empfinden ihr Verhalten selbst typischerweise nicht als krankhaft oder problematisch. Dennoch suchen sie im Durchschnitt öfter als Menschen mit anderen Persönlichkeitsstörungen einen Arzt oder einen Therapeuten auf – allerdings nicht wegen ihrer HPS, sondern wegen anderer Leiden wie zum Beispiel einer (vermuteten) Depression. Schließlich gehört es zu ihrem Persönlichkeitsbild, nach Unterstützung und Anerkennung zu streben.

Seine Diagnose stellt der Psychiater oder der Psychotherapeut anhand standardisierter Tests. Dabei wird mithilfe von Fragebögen oder Interviews zunächst das Vorliegen einer Persönlichkeitsstörung ermittelt und diese anschließend genauer bestimmt. Wichtig ist, die histrionische Persönlichkeitsstörung von anderen Störungen wie einer Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS, und einer dissoziativen Bewusstseinsstörung zu unterscheiden. Aufgrund der ähnlichen Symptomatik kommt es hier immer wieder zu Fehldiagnosen.

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Wie wird eine histrionische Persönlichkeitsstörung behandelt?

Die Therapie einer histrionischen Persönlichkeitsstörung ist aufwendig und langwierig. Dabei ist es unabdingbar, dass der Betroffene Einsicht zeigt und zusammen mit dem Therapeuten an einer Verbesserung seiner Situation arbeiten will. Infrage kommen eine kognitive Verhaltenstherapie und/oder eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Ziel jeder Behandlung ist es, dem Betroffenen ein stabileres Selbstbild zu vermitteln und ihm Werkzeuge für eine effektive Selbstkontrolle an die Hand zu geben.

Langfristig soll der Patient lernen, feste zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, sein sprunghaftes, manipulatives Verhalten abzulegen und sich persönliche Lebensziele zu stecken. Außerdem soll der Betroffene seine Bedürfnisse gegenüber anderen zurückschrauben und dadurch ein Stück Autonomie gewinnen. Spezielle Medikamente gegen eine histrionische Persönlichkeitsstörung gibt es nicht. In manchen Fällen kommen jedoch Psychopharmaka zum Einsatz, um Begleiterscheinungen wie Depressionen und Angststörungen zu behandeln.

Die Gefühlsausbrüche der Patienten, ihr Wunsch zu gefallen und ihre Tendenz, Probleme zu dramatisieren, erschweren die Behandlung. Der Therapeut muss dem Betroffenen klare Grenzen aufzeigen und Regeln aufstellen, damit die Zusammenarbeit funktioniert. Nicht selten kommt es trotzdem zu Rückschlägen oder Therapieabbrüchen. Umso wichtiger ist es, die Angehörigen in die Psychotherapie miteinzubeziehen. Im Umgang mit dem histrionisch-narzisstischen Charakter müssen Partner und Familienangehörige lernen, Geduld und Empathie zu zeigen. Dazu bedarf es einer detaillierten Aufklärung über die Ursachen und Symptome der histrionischen Persönlichkeitsstörung.

Eine HPS kann in fünf verschiedene Typen aufgeteilt werden. (c) lassedesignen / Fotolia

Wie kann ich der Störung vorbeugen?

Als Erwachsener einer histrionischen Persönlichkeitsstörung vorzubeugen, ist nicht möglich. Da die Ursachen vermutlich in der Kindheit liegen, sollten Eltern versuchen, ihrem Kind die Liebe und Anerkennung zu geben, die es braucht, um ein starker Charakter zu werden.

Eine wichtige Rolle spielt hierbei eine stabile Mutter-Kind- bzw. Vater-Kind-Beziehung, die es dem Nachwuchs ermöglicht, eine eigene Identität zu entwickeln.

Wie sind die Heilungschancen bei einer histrionischen Persönlichkeitsstörung?

Vollständig heilbar ist eine histrionische Persönlichkeitsstörung nicht. Es ist jedoch möglich, durch eine langjährige Therapie Verhaltensauffälligkeiten in den Griff zu bekommen. Dabei kann es sinnvoll sein, einige Jahre nach Abschluss der ersten Therapie eine erneute Psychotherapie durchzuführen, um die Fortschritte des Patienten zu überwachen.

Das Ziel jeder Behandlung ist es, den Patienten erfolgreich ins Arbeits- und Privatleben zu reintegrieren. Je nach Schwere und Ausprägung der histrionischen Persönlichkeitsstörung kann es notwendig sein, dem Betroffenen lebenslang psychotherapeutische Hilfe anzubieten.

Grundvoraussetzung für jeden Therapieerfolg ist die Krankheitseinsicht des histrionischen Charakters. Da diese anfangs meist fehlt, sind die Betroffenen auf das Urteil ihrer Partner oder ihrer Angehörigen angewiesen. Wer in einer Partnerschaft mit einem Histrioniker oder einer Histrionikerin lebt oder eine familiäre Verbindung zu einem Menschen mit histrionischer Persönlichkeitsstörung hat, trägt also eine große Verantwortung: Die Angehörigen sollten versuchen, das Vertrauen des Betroffenen zu gewinnen und ihn behutsam zu einem Arztbesuch anregen, damit der erste Schritt für eine erfolgreiche Behandlung gelingt.