Gesundheit kompakt

Kinderlähmung

Kinderlähmung kennen die meisten heutzutage nur vom Impfpass. Denn seit Jahrzehnten gilt die Viruserkrankung bei uns als ausgerottet. Doch früher waren Epidemien keine Seltenheit, mit teilweise folgenschweren Auswirkungen für die Betroffenen.

Was ist Kinderlähmung?
Was sind die Ursachen von Kinderlähmung?
Was sind die Symptome von Kinderlähmung?
Wie erkennt der Arzt Kinderlähmung?
Wie wird Kinderlähmung behandelt?
Wie kann ich Kinderlähmung vorbeugen?
Wie sind die Heilungschancen bei Kinderlähmung?

Was ist Kinderlähmung?

Die Kinderlähmung ist eine Infektionskrankheit, die einen sehr unterschiedlichen Verlauf nehmen kann. In den meisten Fällen bleibt sie ganz ohne größere Beschwerden. Wer sich mit Polio infiziert, musst jedoch auch mit schwerwiegenden Spätfolgen rechnen. Lähmungen, die lebensbedrohlich sein können oder zumindest dauerhaft bestehen bleiben, gehören zum Krankheitsbild. Der Fachbegriff für Kinderlähmung lautet Poliomyelitis oder einfach nur Polio. Das Wort „Kinderlähmung“ ist sogar irreführend, denn die Krankheit betrifft nicht nur Kinder. Auch Erwachsene können sich mit den Erregern anstecken.

Früher weit verbreitet, heute fast ausgerottet

Früher breitete sich die Infektion jedoch vor allem unter Kindern schnell aus. Damals kam es immer wieder zu Epidemien, oft endete die Erkrankung sogar tödlich. Durch die Entdeckung des Polio-Impfstoffs Mitte der 50er Jahre kommt die Krankheit heutzutage jedoch kaum noch vor. Polio konnte inzwischen weltweit in vielen Gebieten so gut wie ausgerottet werden. Seit 1988 gingen die Neuerkrankungen um 99 Prozent zurück. Deutschland und auch ganz Westeuropa gelten laut Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) als poliofrei. Dort trat die Infektionskrankheit in den letzten Jahrzehnten nur noch in Einzelfällen auf.

Was sind die Ursachen von Kinderlähmung?

Die Ursache ist eine Ansteckung mit Polio-Viren. Diese Viren werden unterteilt in Typ I, Typ II und Typ III. Sie befallen vor allem das Zentralnervensystem, also das Gehirn und Rückenmark, und werden über den Stuhl ausgeschieden. Der sogenannte „Wildvirus“ Typ II ist derjenige, der am weitesten verbreitet war. Seit 1999 gilt er jedoch als ausgerottet.

Dennoch kann bei ungeimpften Menschen jederzeit wieder eine Infektion mit Polio-Viren stattfinden, denn die Viren sind hochansteckend. Sie werden durch fäkal-oralen Kontakt über Schmierinfektion übertragen. Das heißt: Um sich anzustecken, müssen die Viren von den Ausscheidungen des Erkrankten zum Mund gelangen. Das kann ganz ungewollt geschehen, zum Beispiel durch verunreinigtes Trinkwasser oder verunreinigte Nahrungsmittel. Außerhalb des Körpers überleben die Erreger jedoch nicht lange, auch eine Tröpfcheninfektion durch Husten oder Niesen ist sehr unwahrscheinlich.

Was sind die Symptome von Kinderlähmung?

Die Symptome der Kinderlähmung können von nicht vorhanden bis lebensbedrohlich sein. Etwa 95 Prozent der Erkrankungen verlaufen völlig ohne Beschwerden. Doch bei 5 Prozent können die Symptome und Spätfolgen dramatisch ausfallen.

Nach einer Inkubationszeit von etwa sechs bis zehn Tagen nach der Infektion mit dem Polio-Virus treten dann die ersten Anzeichen auf:

  • Halsschmerzen
  •  Schluckbeschwerden
  • Appetitlosigkeit
  • Kopfschmerzen
  • Fieber
  • Übelkeit
  • Durchfall

Die Symptome ähneln einer Grippe, die Folgen sind aber schwerwiegender. (c) Gorodenkoff/Fotolia

Die Phasen der Kinderlähmung

Die erste Phase der Erkrankung wird als abortive Poliomyelitis bezeichnet. Die Symptome ähneln denen einer normalen Grippe und sind noch kein eindeutiger Hinweis. Erst im weiteren Verlauf entwickelt sich die Kinderlähmung in zwei verschiedene Arten, die zu den typischen Symptomen führen:

Nicht-paralytische Polio: 

Nach weiteren drei bis sieben Tagen kann die Erkrankung in eine nicht-paralytische Polio übergehen. Dabei kommt es nicht zu den typischen Lähmungserscheinungen, allerdings entsteht eine Hirnhautentzündung (Meningitis), die sich durch diese Symptome äußert:

  • steifer Nacken
  • Fieber
  • Rückenschmerzen
  • Reizsensibilität
  • Muskelschmerzen

> Was ist eine Meningitis?

Paralytische Polio:

Die paralytische Polio ist die klassische Form der Kinderlähmung und führt zu den typischen Lähmungen. Dieser schwere Krankheitsverlauf ist mit einer Häufigkeit von 1 von 1.000 aller Polio-Fälle äußerst selten, dafür umso gefährlicher. Denn die Lähmungen können lebensbedrohlich sein und sogar tödlich enden. Meist kommt es ein Leben lang zu Spätfolgen der Krankheit:

  • Lähmung der Arme und Beine
  • Lähmung der Atemwege
  • Lähmung der Schluckmuskulatur
  • Lähmung der Augen

Außerdem leiden Betroffene meist ein Leben lang an starken Rücken- und Muskelschmerzen.

Spätfolgen auch bei beschwerdefreien Verlauf

Oft kommt es Jahre oder Jahrzehnte nach der Infektion zu Spätfolgen, die unter dem Begriff Post-Polio-Syndrom (PPS) zusammengefasst werden. PPS kann manchmal sogar diejenigen betreffen, die eine Kinderlähmung ganz ohne Symptome überstanden haben. Zu den Spätfolgen zählen unter anderem:

• Erschöpfung und Schwäche
• Muskelschwund
• Atemprobleme
• Schluckbeschwerden

Wie erkennt der Arzt Kinderlähmung?

In der Anfangsphase lässt sich Polio kaum von einer normalen Grippe oder Erkältung unterscheiden. Deshalb muss der Arzt für die Diagnose noch weitere Untersuchungen durchführen.

Da Kinderlähmung heute äußerst selten vorkommt, wird er zuerst andere Krankheiten mit ähnlichen Symptomen ausschließen. Eine Hirnhautentzündung kann beispielsweise ganz andere Ursachen wie FSME oder Diphterie haben, die durch verschiedene Tests abgeklärt werden müssen.

> Was ist FSME?

Um den Polio-Virus eindeutig nachzuweisen, gibt es folgende Möglichkeiten:

• Bluttest
• Stuhluntersuchung
• Abstrich des Rachensekrets
• Untersuchung der Gehirnflüssigkeit (Liquor)

Polio gilt seit 30 Jahren als ausgerottet. (c) Tobias Arhelger/Fotolia

Wie wird Kinderlähmung behandelt?

Um die Polio-Viren zu bekämpfen, gibt es derzeit keine Medikamente. Die Krankheit ist also nicht heilbar. Die Behandlung der Kinderlähmung konzentriert sich deshalb darauf, die Symptome und Lähmungen zu lindern. Hierfür werden Schmerzmittel verabreicht und Bettruhe verordnet.

Um beim Auftreten von Atemlähmungen rechtzeitig zu reagieren, können Betroffene an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden. Treten die Lähmungen an Armen und Beinen auf, hilft Krankengymnastik, die Beweglichkeit zu fördern. Gelegentlich wird eine Operation durchgeführt, um beispielsweise Muskelgewebe zu ersetzen.

Bis in die 50er Jahre wurden Kinder mit Polio in eine sogenannte „eiserne Lunge“ gesteckt. Das war ein Kasten, in den die Betroffenen zur künstlichen Beatmung gesperrt wurden. Dadurch konnte vielen Kindern bei einer Atemlähmung das Leben gerettet werden. Heute sind die Behandlungsmethoden jedoch weit fortgeschrittener.

Wie kann ich Kinderlähmung vorbeugen?

Kinderlähmung ist eine der wenigen Krankheiten, denen jeder ganz einfach vorbeugen kann: durch eine Polio-Impfung. Diese Impfung wurde von 1955 bis 1998 als Schluckimpfung mit einem Stück Würfelzucker verabreicht.

Allerdings enthielt der Stoff damals Lebendviren, die über den Stuhl nach der Impfung ausgeschieden wurden. Beim Kontakt mit diesem Stuhl haben sich gelegentlich Menschen mit Polio angesteckt.

Um das Ansteckungsrisiko zu mindern, wird die Impfung gegen Kinderlähmung inzwischen mit einer Spritze durchgeführt. Der neue Impfstoff enthält inaktivierte Viren und macht eine Ansteckung ausgeschlossen.

Kinderlähmung-Impfung weiterhin wichtig

Auch wenn Polio in Deutschland und Europa fast ausgerottet ist, ist eine umfassende Prävention weiterhin nötig. Denn nur wer geimpft ist, ist immun gegen den Erreger. Polio-Viren können nämlich aus anderen Gebieten eingeschleppt werden. Für ungeimpfte Menschen besteht dadurch eine große Ansteckungsgefahr.

In der Regel wird die Impfung heute als Kombinationsimpfung durchgeführt. Gleichzeitig werden Impfstoffe gegen Tetanus und Diphterie, manchmal auch gegen Keuchhusten (Pertussis) verabreicht. Säuglinge erhalten die Impfung in mehreren Dosen zur Grundimmunisierung. Etwa zehn Jahre später folgt eine Auffrischung der Polio-Impfung.

Bei der Reise in eines der Risikogebiete, zum Beispiel einige Länder in Afrika, Asien oder Osteuropa, können sich auch Erwachsene erneut impfen lassen, um den ausreichenden Schutz gegen Kinderlähmung abzusichern.

> Keuchhusten: Für Säuglinge lebensbedrohlich

Wie sind die Heilungschancen bei Kinderlähmung?

Kinderlähmung ist nicht heilbar. Hat die Krankheit nach der Infektion in den sehr seltenen Fällen einen schweren Verlauf genommen, können einzig die Beschwerden durch Medikamente und Physiotherapie behandelt werden.

In der Regel bleibt eine lebenslange Behinderung bestehen, die sich oft durch ein unsicheres Gangbild zeigt. Manche Betroffene sind den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen.

Da eine Polio-Infektion in den allermeisten Fällen jedoch keine Beschwerden verursacht, können manchmal erst Jahrzehnte später erste Symptome auftreten. In Deutschland leiden etwa 50.000 bis 60.000 Menschen unter den Folgen der Krankheit. Auch hier ist eine Heilung nicht möglich, nur die Therapie der körperlichen Beschwerden.