Gesundheit kompakt

Magersucht (Anorexia nervosa)

Ein gesunder Lebensstil und ein bewusster Umgang mit Nahrungsmitteln ist prinzipiell eine gute Sache. Wenn sich die Gedanken jedoch immer mehr um Schlanksein, Abnehmen oder zwanghafte Gewichtskontrolle drehen, ist eine Magersucht nicht mehr weit entfernt. Oft entwickelt sich die Krankheit unbemerkt und schleichend. Sich davon zu befreien, ist schwer. Die Folgen können fatal sein. Wir erklären, was hinter dem Begriff steckt und klären auf über verschiedene Ursachen, Symptome, Behandlung und Therapie.

Was ist Magersucht?
Was sind die Ursachen von Magersucht?
Welche Symptome löst die Krankheit aus?
Wie erkennt der Arzt Magersucht?
Welche Behandlungsmöglichkeiten und Therapien gibt es?
Wie kann ein Ausweg aus der Magersucht gefunden werden?
Wie kann man der Erkrankung vorbeugen?

Was ist Magersucht?

Magersucht (Anorexia nervosa) zählt zu den seelisch bedingten Essstörungen und ist eine psychosomatische Krankheit: Psychische Vorgänge stehen hierbei in engem Zusammenhang mit dem körperlichen Leiden. In Deutschland ist etwa eine von 100 Personen an Anorexia nervosa erkrankt. Frauen sind deutlich häufiger von der Krankheit betroffen als Männer, wobei der Anteil an männlichen Magersüchtigen jedoch steigt. Mädchen und Frauen zwischen 14 und 24 Jahren sind besonders anfällig, „süchtig“ nach Hungern und Gewichtsabnahme zu werden.

Äußerlich zeichnet sich eine magersüchtige Person durch ein extrem geringes Körpergewicht und ein gestörtes Essverhalten aus. Obwohl sie fast nichts isst, beschäftigt sie sich gedanklich ständig mit Nahrungsaufnahme, sie kennt den Kaloriengehalt zahlreicher Lebensmittel auswendig oder bekocht ihre Familie, ohne selbst zu essen. Mediziner sprechen hierbei von einem „restriktiven Subtyp“.

Eine noch stärker ausgeprägte Form der Erkrankung weist der „Purging-Typ“ auf: Er betreibt verschiedene Maßnahmen, um noch mehr Gewicht zu verlieren, wie etwa exzessiven Sport. Im Winter setzt er sich, leicht bekleidet, bewusst großer Kälte aus, um durch das Frieren Kalorien zu verbrennen. Manche „Purging-Typen“ nehmen Schilddrüsenhormone ein, um ihren Stoffwechsel anzuregen, oder schlucken Entwässerungstabletten (Diuretika), um weiter abzunehmen. Hunger wird mit dem Kauen von Eiswürfeln oder Schlucken von Wattebäuschen abgemildert.

Abzugrenzen ist Anorexia nervosa von Bulimie (Bulimia nervosa), einer Ess-Brech-Sucht. Das zwanghafte Überessen mit anschließendem, selbst herbeigeführtem Erbrechen ist eine andere Form der Essstörung, kann sich aber zu einer Magersucht entwickeln.

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Magersüchtige erkennen Anorexie wegen einer Körperschemastörung häufig nicht: Eine verzerrte Selbstwahrnehmung sorgt dafür, dass sie sich bei starkem Untergewicht immer noch zu dick fühlen. Eine enorme Selbstbeherrschung und die zwanghafte Kontrolle über das eigene Körpergewicht nimmt die erkrankte Person derart ein, dass sich Außenstehende kaum Zugang verschaffen können. Hinzu kommt oft, dass die Anorexie im Internet, auf sogenannten „Pro Ana“ Seiten, als anzustrebender Lebensstil angepriesen wird, was Essgestörte dazu ermutigt, immer weiter abzunehmen – bis zur akuten Lebensgefahr.

Um weiter an Gewicht zu verlieren, treiben viele Magersüchtige extrem viel Sport.

Viele Magersüchtige können keinen Tag ohne exzessiven Sport verbringen. (c) Monet / Fotolia

Was sind die Ursachen von Magersucht?

Die Ursachen sind vielfältig. Sowohl soziale, gesellschaftliche und psychologische als auch erblich bedingte Faktoren können ursächlich sein. Modetrends, Werbung, mediale Einflüsse (z.B. durch Model-Castingshows), Einflüsse durch das soziale Umfeld, wie beispielsweise Mobbing in der Schule, sind häufig Gründe für eine Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Traumatische Erlebnisse wie Gewalt, sexueller Missbrauch oder der Tod eines geliebten Menschen können das Gefühl hinterlassen, die Kontrolle über das eigene Leben verloren zu haben. Mit zwanghafter Gewichtskontrolle versuchen Betroffene dann, zumindest in diesem Lebensbereich selbstbestimmt zu sein.

Die Pubertät ist eine Zeit, in der sich viele Jugendliche ihrer aktuellen Lebensphase nicht gewachsen fühlen. Der kindliche Körper entwickelt sich zu dem eines jungen Erwachsenen. Manche Teenager fühlen sich für diese Veränderungen nicht bereit. Eine selbst herbeigeführte, rasante Gewichtsabnahme kann die Folge sein. Durch die Abnahme von Körperfett kann der unterbewusste Wunsch, die kindliche Figur beizubehalten, erreicht werden.

Oft beeinflusst auch das familiäre Umfeld das Verhalten von jungen Essgestörten. So setzen etwa manche Eltern hohe Erwartungen an ihren Nachwuchs und üben einen starken Leistungsdruck auf diesen aus. Sie sind sehr vereinnahmend und versuchen, das Mädchen oder den Jungen nach ihren eigenen Vorstellungen zu formen (Vermaschung). Bei Enttäuschung reagieren sie mit emotionaler Kälte und scheuen die offene Auseinandersetzung mit negativen Gefühlen wie Ängste oder Wut. Infolgedessen kann es geschehen, dass betroffene Jugendliche versuchen, über starkes Abnehmen und Gewichtskontrolle mehr Unabhängigkeit zu erlangen.

Großer Ehrgeiz kann ebenso eine Magersucht-Ursache sein. Häufig sind betroffene Personen besonders perfektionistische Menschen, die ihr Selbstwertgefühl an das Erreichen bestimmter Leistungen koppeln. Durch die eigene Selbstkasteiung kann das Gefühl von Macht und Stärke entstehen. Ein Gefühl, welches die Sucht mit jedem verlorenen Kilo vorantreibt. Sportarten oder Berufe, die ein niedriges Körpergewicht erfordern, können ebenso großen Druck ausüben und hierdurch das Risiko erhöhen, an der Essstörung zu erkranken.

Untersuchungen weisen auch nach, dass Verwandte von Betroffenen (besonders Zwillinge) ein deutlich höheres Risiko haben, an Magersucht zu erkranken. Welches Gen dafür verantwortlich ist, konnte bislang aber noch nicht genau identifiziert werden.

Welche Symptome löst die Krankheit aus?

Die Essstörung kann zahlreiche psychische und physische Symptome auslösen. Hier finden sie die häufigsten Auswirkungen im Überblick:

  • Oftmals ist eine gewünschte soziale Isolation durch die betroffene Person auffällig, verursacht durch eine Depression.
  • Ein typisches Merkmal bei jungen Frauen ist das häufiges Ausbleiben der Periode (Amenorrhoe) – außer, sie nehmen die Antibabypille ein. Grund für die Unfruchtbarkeit ist der gestörte Hormonhaushalt. Meist ist eine Schwangerschaft unter diesen Bedingungen nicht möglich. Bei Männern sinken Potenz und Libido.
  • Bei Jugendlichen kommt es zu Entwicklungsstörungen, wie etwa ein Wachstumsstopp oder eine fehlende oder verzögerte Geschlechtsreife (Pubertas tarda).
  • Der aus der Unterernährung folgende Nährstoffmangel führt zu trockener Haut, brüchigen Nägeln und Haarausfall.
  • Der Nährstoffmangel kann auch zu Störungen des Knochenstoffwechsels führen. Brüchige Knochen (Osteoporose) und Zahnausfall sind daraus resultierende Gefahren.
  • Herzrhythmusstörungen (häufig aufgrund eines Kaliummangels), ein verlangsamter Herzschlag oder ein niedriger Blutdruck, die im schlimmsten Fall zu einem plötzlichen Herztod führen können.
  • Der Magen-Darm-Trakt wird träge, es kommt zu Verstopfung und Krämpfen.
  • Eine niedrige Körpertemperatur, weil wärmedämmendes, subkutanes Körperfett fehlt und sich der Stoffwechsel verlangsamt hat. Infolgedessen wachsen oft flaumartige Haare (Lanugohaare), um den Körper vor Kälte zu schützen.
  • Hirnschwund, sowie Funktionsstörungen von Nieren und Leber können auftreten.
Der Anteil an männlichen Magersüchtigen steigt.

Magersucht betrifft auch immer mehr junge Männer. (c) Africa Studio / Fotolia

Wie erkennt der Arzt Magersucht?

Da sich Magersüchtige ihre Krankheit häufig nicht eingestehen, suchen nur wenige von sich aus ärztliche Hilfe auf. Angehörige können zumindest versuchen, Erkrankte mit viel Fingerspitzengefühl zu einem Arztbesuch zu überreden.

Erster Ansprechpartner ist meistens der Hausarzt. Er überprüft in einem ausführlichen Diagnosegespräch zunächst den allgemeinen Zustand des Patienten und stellt zum Beispiel folgende Fragen:

  • Wie viel wiegen Sie?
  • Empfinden Sie sich als zu dick?
  • Wollen Sie abnehmen?
  • Haben Sie körperliche Beschwerden?
  • Haben sie Zyklusstörungen? (bei weiblichen Patienten)

Danach misst der Allgemeinmediziner Körpergröße und -gewicht. Diese zwei Werte werden in Relation zueinander gesetzt und der Body-Mass-Index ermittelt. Bei einem BMI unter 17,5 kg/m² beginnt Untergewicht, hochgradiges Untergewicht liegt unter 16 kg/m² (Grad I) und akut lebensbedrohliches Untergewicht bei unter 13 kg/m² (Grad II) – hier sollten Betroffene sofort stationär behandelt werden. Bei Kindern und Jugendlichen, die sich um Wachstum befinden, wird statt des BMIs mittels sogenannter BMI-Perzentiltabellen gemessen, ob ein Untergewicht vorliegt.

Außerdem kann der Arzt den Blutdruck und Puls überprüfen, misst Blut- und Leberwerte, überprüft den Salzhaushalt des Körpers und testet die Herzleistung. All diese Untersuchungen sind wichtig um beispielsweise zu sehen, ob schon organische Schäden durch die Anorexia nervosa entstanden sind.

Sinnvoll ist auch ein Gespräch mit einem Facharzt für Psychiatrie oder Psychotherapie. Er kann mittels spezieller Diagnose-Fragebögen einen psychopathologischen Befund erstellen und diagnostizieren, ob eine psychische Erkrankung vorliegt.

Welche Behandlungsmöglichkeiten und Therapien gibt es?

Häufig erfordert die Heilung eine stationäre Magersucht-Therapie in einer Spezial-Klinik. Nur selten kann eine kurze Behandlung die Betroffenen vollständig heilen. Mittlerweile gibt es jedoch auch immer mehr Kliniken, die eine ambulante Therapie anbieten, welche ebenfalls Aussichten auf Erfolg hat. Diese muss jedoch langfristig erfolgen.

Bei lebensgefährlichem Untergewicht ist natürliche eine rasche Gewichtszunahme (oft mittels Zwangsernährung) unabdingbar. Jedoch sollte es immer das Ziel sein, die gestörte Selbstwahrnehmung zu korrigieren und die psychische Sucht zu behandeln. Eine Gewichtszunahme sollte bestenfalls dem Willen des Patienten entsprechen. Experten wie Psychotherapeuten, Psychologen, Ernährungsberater und auch Physiotherapeuten können dabei helfen, zu einem gesunden Essverhalten zurückzufinden. Wichtig ist, dass die Betroffenen ihren Körper nicht mehr als Gegner ansehen und ein neues Körpergefühl entwickeln.

Hilfreich ist zudem eine fokale psychodynamische Therapie, bei der die Patienten lernen, ihre Emotionen besser zu bewältigen, negative Erlebnisse zu verarbeiten und an ihren sozialen Fähigkeiten arbeiten. Bei jüngeren Essgestörten kann auch eine systemisch-familientherapeutische Behandlung sinnvoll sein: Hier lernt die ganze Familie zum Beispiel, neue Familienregeln festzulegen und offener mit Konflikten umzugehen. Dies kann sich positiv auf eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung auswirken.

In manchen Fällen werden Antidepressiva verschrieben, da die Essstörung oft mit Depressionen oder sozialen Ängsten einhergeht.

Generell ist bei der Magersucht-Behandlung immer wichtig, sich zu vergegenwärtigen: Die Heilung beginnt im Kopf! Umso bedeutsamer ist es, den Auslöser der Krankheit genau ergründen und auszuschalten.

Ungelöste Konflikte in der Familie können Essstörungen begünstigen

Ungelöste Konflikte in der Familie können Essstörungen begünstigen. (c) JackF / Fotolia

Wie kann ein Ausweg aus der Magersucht gefunden werden?

Es kann mehrere Monate, ja sogar Jahre dauern, bis Betroffene die Anorexie überwunden haben. Etwa die Hälfte aller Magersüchtigen kann dauerhaft geheilt werden (nach 5 Jahren gelten sie als erfolgreich behandelt), rund 20 Prozent erhalten jedoch immer wieder Rückfälle. Bei ihnen ist das Sterberisiko erheblich erhöht. Insgesamt sterben rund 15 Prozent aller Erkrankten infolge von Magersucht-Komplikationen oder durch Suizid.

Viele Betroffene müssen, ähnlich wie andere Suchtkranke, ein Leben lang gegen ihr Suchtverlangen ankämpfen. Sie können häufig nicht mehr unbefangen essen. Regelmäßige Sitzungen bei Psychotherapeuten und ein offener Austausch in Selbsthilfegruppen können dazu beitragen, ein erneutes Abrutschen in die Essstörung zu vermeiden und die Krankheit langfristig in den Griff zu bekommen.

Wie kann man der Erkrankung vorbeugen?

Da Anorexia nervosa viele Ursachen haben kann, ist Vorbeugen nicht immer möglich. Das familiäre Umfeld kann jedoch dazu beitragen, das Risiko für Magersucht zu verringern. So sollten Eltern zum Beispiel nicht zu viel Leistung von ihrem Nachwuchs verlangen, sondern ihm vorleben, dass Liebe nicht an Perfektion und Äußerlichkeiten gebunden ist.

Oft beginnt eine Essstörung schleichend. Zu Beginn steht eine harmlose Diät, die aber zunehmend immer radikaler durchgeführt wird. Mütter und Väter sollte ihre Kinder daher nicht eigenhändig zu einer Diät ermutigen, sie nicht unter Druck setzen, sondern ihnen einen freudigen, unverkrampften Umgang mit Lebensmitteln und eine ausgewogene Ernährung vorleben. Dies ist effektiver und gesünder als jede Diät. Kinder und Jugendliche, die tatsächlich sehr übergewichtig sind, sollten mit ihren Eltern einen Arzt aufsuchen, und nicht eigenhändig eine radikale Abnehmkur starten.

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