Mund & Zähne

Parodontitis

Rotes, geschwollenes Zahnfleisch ist ein erstes, leises Warnzeichen für eine Entzündung des Zahnbetts. Auch ohne Schmerzen sollten Patienten mit diesen Symptomen sofort zum Zahnarzt. Denn wer bei einer Parodontitis zu lange ausharrt, riskiert erhebliche Schäden – im Mund und am ganzen Körper.

Was ist eine Parodontitis?
Was sind die Ursachen?
Wie entsteht eine Parodontitis?
Was sind die Symptome einer Parodontitis?
Wie erkennt der Arzt eine Parodontitis?
Wie wird eine Parodontitis behandelt?
Welche Folgen kann eine Parodontitis haben?
Wie kann man einer Parodontitis vorbeugen?

Was ist eine Parodontitis?

Parodontitis, umgangssprachlich auch Parodontose genannt, ist eine bakteriell bedingte Entzündung des Zahnhalteapparats (medizinisch: Parodont). Meistens tritt sie im höheren Alter auf – theoretisch ist das Gebiss aber in jedem Lebensalter gefährdet. Warten Betroffene zu lange ab, kann die Entzündung schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben: vom Abbau des Kieferknochens und massiven Zahnausfall bis hin zu Organschäden und Herzkrankheiten.

Zahnbettentzündung – ein Volksleiden

Medizinischen Schätzungen zufolge leiden etwa 50 Prozent der Erwachsenen in Deutschland unter einer moderaten Parodontitis. Zahnärzte gehen davon aus, dass etwa 20 Prozent von der schweren Form betroffen sind. Das Problem: Obwohl Parodontitis weit verbreitet ist, lassen sich nur wenige Betroffene zahnärztlich behandeln, weil die Erkrankung meist chronisch verläuft und nicht immer von schmerzhaften Symptomen begleitet wird.

Wie entsteht eine Parodontitis?

In unserem Speichel befinden sich Millionen verschiedener Bakterien – manche sind nützlich, manche schädlich. Gesundem Zahnfleisch und gepflegten Zähnen können auch schädliche Keime nichts anhaben. Setzen sie sich jedoch vermehrt als Zahnbelag (Plaque) in der Spalte zwischen Zahn und Zahnfleisch ab, verwandeln sich weiche Beläge in harten Zahnstein. Diese Bakterieninvasion alarmiert irgendwann das Immunsystem, denn ihre giftigen Stoffwechselprodukte greifen das umliegende Gewebe an. Das Zahnfleisch rötet sich und schwillt an. Zahnärzte nennen diese meist harmlose Entzündung des Zahnfleischs Gingivitis. Werden die festen Beläge durch eine zahnärztliche Reinigung entfernt, kann der kleinen Infektion schnell Einhalt geboten werden.

Geschieht das nicht, schreitet die Entzündung voran. Durch die Schwellung des Zahnfleischs bilden sich sogenannte Zahnfleischtaschen: Kleine Spalten, in denen sich Bakterien ungestört vermehren können. Je tiefer die Taschen, desto größer ist die Gefahr, dass die Erreger auf tiefer liegende Strukturen des Zahnhalteapparats übergreifen – auf die Wurzelhaut und den Knochen.

Das Immunsystem versucht dann mit allen Mitteln, die Bakterien abzuwehren und zerstört dazu im letzten Schritt sogar Eigengewebe. Unter anderem werden Enzyme freigesetzt, die das befallene Knochengewebe abbauen. Die Folge: deutlicher Zahnfleischrückgang und lockere Zähne. Bei fortgeschrittener Erkrankung kostet die Entzündung dem Patienten irgendwann Zähne.

Der Verlauf der Krankheit unterscheidet sich von Mensch zu Mensch. In den meisten Fällen handelt es sich aber um eine chronische Entzündung, die erst nach Jahren zu Zahnlockerungen führt. Seltener kommen auch aggressive Formen vor, bei denen der Knochenabbau im Gebiss rasch voranschreitet. Diese verschärften Varianten können im Kindesalter auftreten.

Was sind die Ursachen?

Eine Parodontitis entsteht aus dem Zusammenspiel bestimmter Bakterien der Mundflora und dem Immunsystem. Es gibt zahlreiche Faktoren, die das Risiko eines parodontalen Bakterienbefalls erhöhen oder den Krankheitsverlauf negativ beeinflussen. Hauptsächlich sind das:

Mangelnde Mundhygiene: Werden die Zähne falsch oder schlecht geputzt, haben Bakterien eine größere Chance, sich zwischen Zahn und Zahnfleisch als Belag und Zahnstein festzusetzen.

Rauchen: Menschen, die regelmäßig zur Zigarette greifen, haben ein vier- bis sechsfach erhöhtes Risiko, an Parodontitis zu erkranken. Zudem schlagen die Therapien bei Rauchern wesentlich schlechter an als bei Nichtrauchern. Außerdem verläuft die Parodontitis bei Rauchern schwerer.

Genetische Faktoren: Die bakterielle Infektion des Zahnhalteapparats ist vererbbar. Laut neueren Studien spielen bei Erkrankungen bis zu 50 Prozent genetische Faktoren eine Rolle.

Diabeteserkrankungen: Patienten mit einem erhöhten Blutzuckerspiegel haben ein dreifach erhöhtes Parodontitisrisiko, da der immense Zuckergehalt im Speichel das Bakterienwachstum positiv beeinflusst.

Geschwächtes Abwehrsystem: Patienten, deren Immunsystem geschwächt ist (zum Beispiel durch das HI-Virus), neigen stärker zu Entzündungen.

Psychischer Stress: kann sich ebenfalls negativ auf das Abwehrsystem auswirken. Der Körper des Betroffenen reagiert stärker auf Infektionen. Darüber hinaus leidet auch die Funktion des Zahnapparats unter den seelischen Belastungen, entzündliche Prozesse können sich verstärken.

Schwangerschaft: Durch hormonelle Umstellungen lockert sich das Bindegewebe – auch das im Mund. Bakterien können leichter in den Raum zwischen Zahnfleisch und Zahn eindringen und Entzündungen in die Tiefe tragen.

Was sind die Symptome?

Eine Zahnbettentzündung ist deshalb so tückisch, weil sie so schleichend vonstattengeht. Gerade zu Beginn der Krankheit treten nur selten Schmerzen auf. Der Betroffene registriert die Warnsignale des Körpers darum oft erst, wenn die Entzündung weit fortgeschritten ist und einfache Gegenmaßnahmen (Putzen!) nicht mehr ausreichen. Umso wichtiger ist es, auf kleinste Veränderungen im Mund zu achten.

Gesundes Zahnfleisch ist blassrosa und sitzt stramm am Gebiss. Ein erstes Alarmzeichen für entzündliche Vorgänge im Mundraum ist eine farbliche Veränderung des Gewebes. Das Zahnfleisch ist rot und geschwollen und reagiert extrem empfindlich auf Berührungen – mit der Zahnbürste zum Beispiel. Dazu kommen folgende Symptome:

  • Zahnfleischbluten
  • Verfärbter Zahnbelag
  • Mundgeruch
  • Optisch verlängerte Zähne/Freiliegende Zahnhälse
  • Änderung der Zahnstellung
  • Eitriger Geschmack
  • Wackelnde Zähne

Wie erkennt der Arzt eine Parodontitis?

Am Anfang steht das Gespräch. Dabei geht es in erster Linie darum, dem Zahnarzt die eigenen Beschwerden zu erläutern. Auch Fragen zu eventuellen Vorerkrankungen, zum Lebensstil und Hygieneverhalten gehören zum ersten Teil der Untersuchung.

Anschließend heißt es „Mund auf“. Der Arzt beurteilt den Allgemeinzustand der Zahngesundheit und misst die Zahnfleischtaschen mit sogenannten Parodontalsonden, auch Parodontometer genannt. Das sind spezielle Instrumente mit Längenmarkierungen und einer winzigen Halbkugel am Ende. Ähnlich wie mit einem Lineal kann der Zahnarzt damit die Tiefe der Taschen ablesen. Eins vorweg: Unter 3,5 Millimetern ist alles in Ordnung.

Das Sondieren ist Bestandteil der zahnärztlichen Routineuntersuchung aller Patienten. Dabei prüft der Arzt, wie tief die Tasche, wie empfindlich das Zahnfleisch und wie rau die Zahnoberfläche ist. Am Ende der Messung hat er den individuellen PSI-Wert (Parodontaler Screening-Index) des Patienten vorliegen. Ein Codewert, dessen Skala von null bis vier reicht.

PSI-Wert 0: Alles ist in bester Gesundheit.

PSI-Wert 1 und 2 : leichtes Bluten, Zahnbeläge vorhanden, aber die Taschen sind normal groß. Eine Zahnfleischentzündung ist wahrscheinlich. Ablagerungen müssen professionell entfernt und die Mundhygiene verbessert werden.

PSI-Wert 3: Verdacht auf eine leichte bis mittelschwere Parodontitis. Weitere Untersuchungen wie eine Röntgenaufnahme folgen, um die Schwere der Entzündung festzustellen. Die Zähne werden professionell gereinigt, der Arzt informiert über eine bessere Mundhygiene und erwägt je nach Befund eine Parodontitistherapie.

PSI-Wert 4: Verdacht auf eine mittelschwere bis schwere Parodontitis. Weitere Untersuchungen und Behandlung wie beim PSI-Wert 3. Die Parodontitistherapie ist zwingend.

 

Die Basis der Parodontitisbehandlung: eine gründliche Reinigung beim Arzt und zu Hause

Basis jeder Parodontitisbehandlung ist eine gründliche Reinigung – beim Arzt und zu Hause


Wie wird die Entzündung behandelt?

Die Behandlung einer bestehenden Parodontitis ist aufwendig und kann mehrere Sitzungen in Anspruch nehmen. Die systematische Parodontitistherapie umfasst in der Regel drei Schritte: die Hygiene, die Korrektur und die Nachsorge. Dazwischen sind immer wieder diagnostische Phasen notwendig, um den Stand der Therapie abzuklären und die Behandlung gegebenenfalls anzupassen.

Säubern:
An erster Stelle steht die komplette Beseitigung des Zahnbelags. Alle Zähne und jeder Zwischenraum wird im Zuge einer professionellen Reinigung vom Bakterienfilm befreit. Besonders wichtig: die Bereiche unterhalb der Zahnfleischgrenze. Der Zahnarzt reinigt die Wurzeloberflächen und Zahnfleischtaschen mit Ultraschall und speziellen Handinstrumenten und glättet die Zahnoberflächen anschließend, um erneutes Festsetzen von Plaque zu verhindern.

In der Regel genügen diese hygienischen Maßnahmen, um die Bakterienmenge erheblich zu reduzieren. Die Entzündung des Zahnhalteapparats geht zurück. Sind die Erreger sehr hartnäckig, kann der Arzt die Behandlung mit desinfizierenden Mundspülungen und Antibiotika verschärfen.

Korrigieren:
In manchen Fällen ist ergänzend ein kleiner chirurgischer Eingriff sinnvoll, um die Reinigung in den schwer zugänglichen Zahnfleischtaschen und Wurzelgabelungen zu wiederholen. Dabei ist es auch möglich, Defekte oder Schäden am Zahnhalteapparat zu reparieren, Knochen oder Gewebe chirurgisch also zu regenerieren – die Kosten für diese speziellen Behandlungsmethoden übernehmen Gesetzlichen Krankenkassen allerdings nicht.

Erhalten:
Nicht zuletzt hängt der Erfolg der Behandlung maßgeblich von der Mitarbeit des Patienten ab. Ihm gibt der Arzt eine Anleitung zur optimalen Zahnpflege mit auf dem Weg. Eine Neuinfektion kann nur verhindert werden, wenn der hygienische Zustand auch zu Hause aufrechterhalten wird. Und durch regelmäßige Nachsorge beim Zahnarzt natürlich.

Welche Folgen kann eine Parodontitis noch haben?

Eine Parodontitis verursacht eine großflächige Infektion im Mund, die – bleibt sie unbehandelt – auf Kosten des Herzkreislaufsystems geht, weil die Entzündung den Körper auf Dauer überlastet. Folglich steigen die Risiken für Herzerkrankungen wie Arteriosklerose, Herzmuskelentzündungen und Infarkte. Diabeteserkrankungen können unter einer Parodontitis verstärkt und Atemwegserkrankungen ausgelöst oder verschlimmert werden. In der Schwangerschaft kann eine Zahnbettentzündung zu Komplikationen führen – nach jüngeren Studien steigt das Risiko einer Frühgeburt um das Siebenfache. Außerdem steht Parodontitis mittlerweile in Verdacht, Krebserkrankungen, Rheuma und Alzheimer hervorzurufen.

Gibt es vorbeugende Maßnahmen?

Man kann im Vorfeld viel tun, um das Entzündungsrisiko zu minimieren und den Nährboden für Bakterien so gering wie möglich zu halten. Das Rezept der Wahl: Zähneputzen, Zähneputzen, Zähneputzen. Dazu gehört das Schrubben mit der Zahnbürste genauso wie der tägliche Einsatz von Zahnseide oder Zahnzwischenraumbürsten – um jede Ritze von Ablagerungen zu befreien. Regelmäßige Kontrollen beim Zahnarzt und professionelle Zahnreinigungen sind ebenfalls unerlässlich, um eine gesunde Mundflora zu erhalten und Entzündungen vorzubeugen.

Ansonsten gilt es, mögliche Ursachen auszuräumen. Da Experten Rauchen als Risikofaktor höher einstufen als eine unzureichende Zahnpflege, bedeutet das: Wer keine Parodontitis riskieren will, lässt die Zigaretten in der Schachtel.