Kopf & Psyche

Mobbing: Jeder kann Opfer werden

Es kann jeden treffen. Überall, wo Menschen zusammenkommen, besteht die Gefahr, Opfer von Mobbing zu werden. Mobbing setzt die Betroffenen psychisch unter enormen Druck. Das Schlimme: Meist sind weder der Grund noch die Personen hinter den Attacken für den Gemobbten richtig greifbar – mit teilweise dramatischen Folgen.

Mobbing hat viele Gesichter: Kinder hänseln einen Klassenkameraden unablässig, weil er abstehende Ohren hat. Ein Teamleiter enthält einem Angestellten konsequent Informationen vor, die dieser für seine Tätigkeit braucht. Eine Gruppe von Mitarbeitern schließt einen Kollegen regelmäßig von gemeinsamen Aktivitäten aus. Jugendliche stellen einen Außenseiter in Sozialen Medien bloß – die Bandbreite der Schikanen, denen Betroffene ausgesetzt sein können, ist schier grenzenlos.

Was versteht man unter Mobbing?

Das Wort „Mobbing“ kommt vom englischen „Mob“, das eine aufgewiegelte Menschenmenge bezeichnet – und in der Tat gehen Mobbing-Angriffe häufig von mehreren Personen aus.

In der Regel spricht man von Mobbing, wenn Schikanen über einen längeren Zeitraum immer wieder eingesetzt werden. Die Angriffe können verbal oder nonverbal stattfinden. Auch physische Gewalt und Demütigung kann eine Rolle spielen.

Der Gemobbte befindet sich zudem immer in einer unterlegenen Situation – entweder geht der Angriff von einer ranghöheren Person (z. B. Vorgesetzter) oder einer zahlenmäßig überlegenen Gruppe aus. Das Opfer ist den Attacken meist hilflos ausgeliefert. Abwehr- und Verteidigungsmaßnahmen laufen nicht selten ins Leere, weil Grund und Urheber des Mobbings kaum klar auszumachen sind.

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Wen trifft Mobbing?

Statistiken besagen, dass etwa 15 Prozent der Berufstätigen in Deutschland laut eigenen Angaben schon einmal Opfer von Mobbing-Attacken am Arbeitsplatz geworden sind. Ganz oben auf der Skala der Mobbing-Methoden stehen dabei das Vorenthalten von Informationen (63 %), das Schlechtmachen vor anderen (62 %) sowie das Nicht-beachtet-werden (44 %).

Einige Forscher sind der Ansicht, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale manche Menschen als Mobbing-Opfer prädestinieren. So sollen Betroffene oft zurückhaltender, ängstlicher und konfliktscheuer als andere sein. Andere Experten wiederum sehen in der sozialen Dynamik einer Gruppe einen entscheidenden Faktor – hier spielen Aspekte wie Konkurrenzdenken, Neid und die Kanalisierung des Frusts über die eigene Situation eine Rolle, zum Beispiel im „Nach unten treten“ auf unterlegene „Prügelknaben“.

Frauen mobben häufiger

Eine Studie des US-amerikanischen Workplace Bullying Institute kam zu dem Ergebnis, dass Mobbing in 66 % der untersuchten Fälle von Frauen ausging. In etwa 75 % waren Vorgesetzte die Täter. Demnach mobben Frauen öfter als Männer, sind aber mit ca. 81 % auch wesentlich häufiger Opfer solcher Attacken. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ist hierzulande etwa jeder Neunte einmal im Lauf seines Arbeitslebens von Mobbing betroffen – am häufigsten die unter 25-Jährigen (3,7 %) und die über 55-Jährigen (2,9 %).

Die Dunkelziffer dürfte angesichts von Opfern, die ihr Schicksal still erdulden, deutlich höher sein. Bei den Mobbern handelt es sich häufig um Personen, die dem Betrieb schon länger angehören.

Mobbing

Mobbing geht an die Substanz. (c) Antonioguillem / Fotolia

Die Folgen – bis zur Zerstörung der Existenz

Für die Betroffenen hat Mobbing oft dramatische Auswirkungen: Die Folgen reichen von einem deutlich angeschlagenen Selbstwertgefühl über Jobverlust, dauerhafte Erwerbsunfähigkeit und ernsthafte Krisen in der Partnerschaft bis hin zu schweren Depressionen oder sogar Suizid. Gemobbte klagen oft über gesundheitliche Probleme wie Herzrasen, Magenschmerzen, Kopfweh und Schweißausbrüche, die ihre generelle Leistungsfähigkeit einschränken.

Sie entwickeln häufig ein starkes Misstrauen gegenüber ihren Mitmenschen und Versagensängste. Sie fühlen sich demotiviert, antriebslos und ohnmächtig, leiden unter Schlafstörungen und sozialer Isolation. Das sogenannte Mobbing-Syndrom wird manchmal sogar mit der Posttraumatischen Belastungsstörung gleichgesetzt.

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Wirtschaftlicher Schaden durch Mobbing

Mobbing am Arbeitsplatz trifft jedoch nicht nur die Opfer und ihre Familien schwer, sondern auch die Unternehmen selbst: Mobbing ist ein echter Motivations-Killer und schmälert die Arbeitsleistung der Betroffenen enorm.

Laut Mobbing-Report fallen fast 44 Prozent der Schikanierten zeitweise wegen Krankheit aus – beinahe die Hälfte davon für mehr als sechs Wochen. Fehlzeiten und erhöhte Fluktuation kosten die betroffenen Unternehmen nicht nur Geld, sondern nagen auch am guten Image des jeweiligen Betriebs.

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Cybermobbing – Psychoterror im Internet

Mit dem Internet, Social Media sowie der flächendeckenden Verbreitung von Smartphones und Messenger-Diensten hat Mobbing eine neue Dimension erreicht, die nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen und sogar Unternehmen zu schaffen macht. Das Problem: Das Publikum für Cybermobbing-Attacken kann schnell zu einer unüberschaubaren Größe anwachsen: Das Opfer erlebt durch die öffentliche Bloßstellung die maximale Demütigung. Zugleich agieren die Täter in der vermeintlichen Anonymität des Internet und gehen deshalb unter Umständen noch skrupelloser vor.

Mobbing

Besonders Jugendliche sind viel im Netz unterwegs. (c) oneinchpunch / Fotolia

In einer seit 1998 durchgeführten Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest gibt mittlerweile jeder dritte Befragte der Altersgruppe der Zwölf- bis 19-Jährigen an, dass ihm im eigenen Bekanntenkreis Fälle von Cybermobbing via Internet oder Handy bekannt seien. Als Motive kommen dabei Imponiergehabe, das „Kleinmachen“ potenzieller Konkurrenten oder die Angst infrage, selbst Opfer sozialer Ausgrenzung zu werden. Gerade unter Jugendlichen werden deshalb Cybermobbing-Opfer oft ihrerseits zu Tätern.

Besonders häufig betroffen von Cybermobbing sind Menschen, die auch sonst in der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden – aufgrund ihres Aussehens, ihrer Sprache oder ihrer Nationalität. Neben Jugendlichen können auch erwachsene Einzelpersonen oder Unternehmen zu Opfern werden, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen den Unmut der Web-Community zugezogen haben: Ärzte, Gastwirte, Politiker, Prominente aus den Medien, Sportler etc.

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Wie kann man sich gegen Mobbing wehren?

Anders als in anderen Ländern gibt es in Deutschland kein eigenes Gesetz gegen Mobbing oder Cybermobbing. Dennoch kann man strafrechtlich gegen Einzelaspekte des Mobbings vorgehen – zum Beispiel gegen üble Nachrede, Beleidigung, Verleumdung oder Körperverletzung.

Trotzdem bleibt es problematisch, die Merkmale von Mobbing klar zu bestimmen und abzugrenzen. Wer einmal von den Kollegen nicht zum gemeinsamen Mittagessen eingeladen wird, kann nicht gleich Mobbing geltend machen. Zudem ist es oft schwierig, etwa permanente kleine Sticheleien von Kollegen zu dokumentieren und nachzuweisen. Besonders heikel ist es zudem, sich gegen Mobbing von Vorgesetzten zur Wehr zu setzen, ohne den eigenen Job zu riskieren.

In Unternehmen fehlt es hier oft an effektiven Konfliktmanagement-Strategien, die Mobbing-Vorfällen Einhalt gebieten könnten. Der betroffene Mitarbeiter bleibt mit seiner Not oft sich selbst überlassen und findet bei Vorgesetzten und Kollegen nur unzureichenden Rückhalt.

Jugendliche Mobbing-Opfer sind mit ihrer Situation doppelt überfordert: Ihnen fehlen Strategien, wie sie sich gegenüber ihren gleichaltrigen Peinigern verhalten sollen. Gleichzeitig fällt es aus Scham oft schwer, die Eltern oder Lehrer ins Vertrauen zu ziehen.

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Nicht den Kopf in den Sand stecken – Hilfe in Anspruch nehmen

Für den Betroffenen ist es also meist ausgesprochen schwierig, alleine eine Lösung herbeizuführen. Hilfreich kann sein, Mobbing-Vorfälle genau zu dokumentieren und sich damit direkt an einen Vorgesetzten oder eine Vermittlungsperson zu wenden. Lokale und überregionale Selbsthilfegruppen bieten in vielen Städten oder auch im Internet Beratung und Unterstützung an. Ein klärendes Gespräch mit dem Mobber kann die Situation möglicherweise beenden.

In jedem Fall gilt es, sich möglichst schnell zur Wehr zu setzen, um die Situation in einer frühen Phase noch kontrollieren zu können. Viele Mobbing-Opfer sehen jedoch als einzigen Ausweg nur noch den Rückzug aus ihrem bisherigen Umfeld oder in der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz.