Kopf & Psyche

Pornosucht – Wenn Sexfilme zur Obsession werden

Täglich stundenlang Pornos sehen und dabei masturbieren – wer an Pornosucht leidet, in dessen Leben dreht sich alles um die schnelle Befriedigung. Das geht so weit, dass Betroffene ihr übriges Leben vernachlässigen.

Nach Schätzung von Experten sind rund fünf Prozent der Männer und wenige Frauen in Deutschland pornosüchtig. Eine offizielle Erhebung existiert nicht: Aufgrund des gesellschaftlichen Tabus ist die Pornosucht noch weitaus schambehafteter als eine Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit.

Zudem mangelt es an einer klaren Definition für die Suchterkrankung. Doch wie viele Stunden Pornosehen pro Woche sind schon krankhaft? Sicher ist: Pornosucht gehört wie auch die Glücksspiel- oder die Computerspielsucht zu den nicht substanzbezogenen Süchten. Damit sind Zwänge und Abhängigkeiten gemeint, die nicht an psychoaktive Stoffe wie Alkohol, Heroin oder andere Drogen gebunden sind. Trotzdem zeigt sich das suchthafte Verhalten dadurch, dass

  • Betroffene Handlungen ohne rationale Motivation wiederholen,
  • sie diese nicht kontrollieren können,
  • die Handlungen ihren Interessen oder denen anderer Menschen schaden.

Zwanghaftes Sexualverhalten kann das Leben beherrschen und die sozialen, familiären, beruflichen oder materiellen Werte zerstören.

> Was Sie zur Sexsucht wissen sollten

Wer ist betroffen?

Die Sucht, sich über Sexfilme schnelle Befriedigung zu verschaffen, packt vorwiegend jüngere Männer. Dazu gehören beispielsweise Schüler oder Studenten, die viel Zeit vor dem Computer verbringen. Sie stehen unter Erfolgsdruck und holen sich durch sexuelle Reize schnelle Glücksgefühle. Manche sind frustriert, weil sie es nicht schaffen, mit einem Partner in der Realität ein sexuelles Verhältnis aufzubauen.

Dabei bekommen Jugendliche immer früher ersten Kontakt zu pornografischen Inhalten. Laut einer Studie der Jugendzeitschrift Bravo hat die Hälfte der 15-jährigen Jungen und ein Drittel der gleichaltrigen Mädchen bereits „echte Pornos“ gesehen. Dabei ist der einfache Zugang zu Pornografie insbesondere für Kinder und Jugendliche nicht ungefährlich. Denn: Je früher und öfter das Gehirn mit Pornofilmen in Kontakt kommt, desto nachhaltiger verändert es sich durch das Gesehene.

Aber auch Männer höheren Alters sind betroffen. Meistens sind sie allein oder leben in einer frustrierenden Beziehung, von der sie einen Ausweg suchen. Frauen gehören selten zu den Pornosüchtigen.

> Sucht: Wer ist anfällig?

Wie entsteht die Pornosucht?

Männer reagieren stärker auf visuelle Reize als Frauen. Sexfilme wirken wie Kokain auf das Belohnungszentrum ihres Gehirns: Sehen sie sexuelle Handlungen, schüttet ihr Körper einen Cocktail aus Dopamin, Serotonin und Endorphinen aus. Die Hormone sorgen für ein Gefühl von Lust und Glück. Mit dem Orgasmus (durch Selbstbefriedigung) kommt dann das Hochgefühl der Belohnung.

Doch das Gefühl ist flüchtig. Schnell entsteht der Wunsch, es zu wiederholen. Der Körper schüttet noch mehr Hormone aus, das Glücksgefühl steigt. Doch der Effekt nutzt sich ab. Es wird nötig, die Häufigkeit und die Dosierung der Droge Porno zu erhöhen. Von Softpornos gehen die Betroffenen zu Sexfilmen mit immer extremeren Inhalten über, sehen sich Sado-Maso-Filme oder Handlungen mit Tieren an.

Ein Mann Mitte 30 sitzt auf dem Sofa und schaut gebannt auf seinen Laptop. Er sieht einen Sexfilm, weil er pornosüchtig ist.

Der Pornokonsum ist für Süchtige das Wichtigste im Alltag. (c) markoaliaksandr / Fotolia

Die negativen Folgen der Abhängigkeit

Wie auch durch andere Süchte, dreht sich ab einem gewissen Punkt das ganze Leben nur noch um die Droge. Dabei wird es immer schwieriger, den sexuellen Kick zu erleben: Die ständige Überstimulation mit sexuellen Reizen hat das Belohnungszentrum und damit auch das sexuelle Verlangen abgestumpft. Sex mit realen Partnern wird immer uninteressanter. Das geht hin bis zu Erektionsstörungen. Bis zu 30 Prozent der Männer unter 30 Jahren haben überhaupt kein Interesse mehr an Sex mit einem realen Partner, zeigen Studien aus Frankreich und Japan.

Und nicht nur das Sexleben ist gestört, auch das normale Erleben. Die Aufgaben des Alltags fallen schwerer. Was früher Spaß gemacht hat, beispielsweise sich mit Freunden zu treffen, birgt keinen Reiz mehr. Die Sinne des Pornosüchtigen sind auf Überstimulation eingestellt. Frust, Stress, Langeweile lösen den Wunsch nach neuen sexuellen Reizen aus.

Dass sie in ernsten Schwierigkeiten stecken, merken Betroffene oft erst, wenn sich die Sucht massiv auf ihr Leben auswirkt. Wenn

  • die Beziehung zu Bruch geht,
  • soziale Kontakte verloren gehen,
  • der Arbeitgeber ihnen kündigt,
  • sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen können,
  • Haftstrafen wegen des Konsums illegaler Inhalte drohen.

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Wege aus der Sucht: Abstinenz und NoFap-Bewegung

Pornosucht ist heilbar. Allerdings benötigen Sie Unterstützung, um aus Ihrem Dilemma zu kommen.

  1. Schritt: Gestehen Sie sich das Problem ein! Wie bei jeder Form der Abhängigkeit, ist die Voraussetzung etwas zu ändern, dass Sie zugeben, dass Sie in Schwierigkeiten stecken.
  2. Schritt: Suchen Sie nach Unterstützung! Mit Hilfe eines Therapeuten oder einer Selbsthilfegruppe fällt der Weg aus der Abhängigkeit leichter. Dazu gehören beispielsweise die Anonymen Sexsüchtigen, die Anonymen Sex- und Liebessüchtigen. Im Internet hat sich die NoFap-Bewegung etabliert. Ihre Anhänger verzichten für eine gewisse Zeit auf die Masturbation, also darauf zu „fappen“. Ihr Ziel ist es, nach ein paar Wochen Enthaltsamkeit zu einer natürlicheren Form der Sexualität zurückzukehren. Zur Bewegung gehören einige Männer, die wegen ihres exzessiven Pornokonsums bereits gesundheitliche Probleme haben, etwa eine erektile Dysfunktion oder Orgasmusprobleme.
  3. Schritt: Lassen Sie die Finger von der Droge! Mit körperlichen Entzugserscheinungen müssen Pornosüchtige nicht rechnen. Allerdings fallen Sie vermutlich erst einmal in ein emotionales Loch, da ihr Belohnungszentrum auf normale Alltagsreize nicht reagiert. Auch hier können Therapie oder Selbsthilfegruppe helfen, den Gehirnstoffwechsel wieder zu normalisieren.

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