Nieren & Harnwege

Reizblase (überaktive Blase): Ständig auf dem stillen Örtchen

Das Gefühl ständig zu müssen – Menschen mit einer Reizblase kennen es nur zu gut. Übrigens sind das relativ viele: Jeder sechste Erwachsene ist von einer Reizblase (auch überaktive oder hyperaktive Blase) betroffen. Doch der ständige Harndrang muss kein dauerhafter Begleiter bleiben, denn gegen eine Reizblase gibt es wirksame Behandlungsmöglichkeiten.

Zehnmal täglich oder öfter  wer unter einer Reizblase leidet, sucht das stille Örtchen viel zu häufig auf. Den Grund dafür nennen Mediziner “imperativen Harndrang”: Der Drang zu urinieren kommt plötzlich und lässt sich nur schlecht beherrschen. Dabei werden trotzdem nur kleine Mengen Urin abgegeben (Pollakisurie), weil die Blase kaum gefüllt ist. Manchmal kann es zu einem ungewollten Wasserlassen kommen (Dranginkontinenz). Auch der Nachtschlaf wird durch eine Reizblase empfindlich gestört, wenn das Organ mitten in der Nacht meldet: “Ich bin prall gefüllt” – obwohl dies gar nicht der Fall ist.

Was sind die Ursachen einer Reizblase?

Unsere Blase kann zwischen 250 und 400 ml Flüssigkeit aufnehmen. Dafür müssen die sie umgebenden Muskeln aber elastisch und entspannt sein. Ist die Muskulatur um die Blase überaktiv, schlägt das Organ zu früh Alarm. Die Blasenmuskeln spannen sich an und wir merken: “Ich muss mal!” – obwohl die Blase selbst vielleicht nur halb gefüllt ist.

Laut medizinischer Definition hat eine Reizblase keine vom Arzt feststellbare Ursache. Manchmal reagiert die Harnblase zum Beispiel nur empfindlich auf innere Anspannung und Stress. Ursache für den ständigen Harndrang können auch andere Erkrankungen sein, wie Blasenentzündung, vergrößerte Prostata beim Mann, Blasentumor oder neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose. Diese Erkrankungen können ähnliche Symptome wie die einer überaktiven Blase auslösen. Deshalb ist es wichtig, vom Arzt abklären zu lassen, ob solche Erkrankungen vorliegen.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer. (c) highwaystarz / Fotolia

Obwohl beide Geschlechter von einer überaktiven Blase betroffen sein können, betrifft es mehr Frauen als Männer. Ein Grund dafür sind die hormonellen Veränderungen, die Frauen während der Schwangerschaft oder den Wechseljahren durchmachen.

> Blasenentzündung in der Menopause

Wie lässt sich eine Reizblase diagnostizieren?

Der Arzt (Urologe) muss zunächst andere Ursachen für das häufige Wasserlassen ausschließen. Dazu wird er eine Reihe von Untersuchungen anstellen. Zum Beispiel:

  • Untersuchung des Urins, um einen Harnwegsinfekt auszuschließen
  • Untersuchung der Harnwege mit Ultraschall
  • Messung des Restharns in der Blase
  • Blasenspiegelung, um Blasentumore oder Entzündungen der Blasenschleimhaut auszuschließen

Er untersucht darüber hinaus auch, welche Kapazität die Blase hat, wie hoch der Blasendruck ist, oder ob Blasen- und Schließmuskel normal funktionieren. Kann durch die oben genannten Untersuchungen eine Erkrankung ausgeschlossen werden, lautet die Diagnose “Reizblase”.

Reizblase: Was tun?

Eine überaktive Blase sollte zunächst ohne Medikamente behandelt werden. Zeigen diese Maßnahmen keinen oder nur geringen Erfolg, können Medikamente unterstützen. Manche Behandlungsmethoden zeigen allerdings erst nach einigen Wochen Wirkung.

Therapien ohne Medikamente:

Eine Therapieform ohne Medikamente ist das gezielte Training der Beckenbodenmuskulatur. Der Beckenboden unterstützt die Harnblase in ihrer normalen Funktion. Je kräftiger er ist, desto besser kann die Harnblase entspannen und der Harndrang kontrolliert werden. Der Urologe kann hierfür eine Behandlung bei einem Physiotherapeuten verschreiben, der das Beckenbodentraining mit dem Patienten einübt. Bei auftretender Inkontinenz kann ein Kontinenztraining zusätzlich unterstützen.

Beckenbodentraining ist die erste Wahl bei Inkontinenz. (c) Picture-Factory / Fotolia

Da häufiger Harndrang oftmals mit seelischen Ursachen verknüpft ist, können auch psychosomatische Behandlungen oder ein vom Arzt angeleitetes Verhaltenstraining helfen, die Symptome einer Reizblase zu lindern. Ziel ist es, zu lernen, den Harndrang auszuhalten und den Toilettengang hinauszuzögern. Viele Urologen empfehlen Betroffenen, ein sogenanntes Miktionstagebuch zu führen. Darin werden alle Toilettengänge und die Menge des jeweils gelassenen Urins notiert. Die Aufzeichnungen helfen, Therapieerfolge zu dokumentieren und den Körper an feste Toilettenzeiten zu gewöhnen.

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Therapien mit Medikamenten:

Bei einer medikamentösen Therapie einer Reizblase werden meist Wirkstoffe aus der Gruppe der Anticholinergika oder Spasmolytica gegeben. Sie blockieren Muskelrezeptoren und die Signalwege der Blasennerven. Das führt dazu, dass sich der Blasenmuskel nicht mehr so kräftig zusammenziehen kann  der starke Harndrang bleibt aus. Bei Frauen in der Menopause können östrogenhaltige Präparate die Symptome einer Reizblase lindern.

Falls die erste Wahl an Medikamenten nicht anschlägt, kann eine Therapie mit Botulinumtoxin A (umgangssprachlich: Botox) helfen. Der Wirkstoff, der eigentlich ein Nervengift ist, wird meist während einer Blasenspiegelung in die Harnblase injiziert. Er hemmt die Signalübertragung der Blase an den Blasenmuskel, der sich als Folge nicht mehr so stark zusammenzieht. Da Botulinumtoxin A vom Körper abgebaut wird, muss die Behandlung nach spätestens einem Jahr wiederholt werden. Eine negative Folge dieser Therapie kann ein sogenannter Harnverhalt sein: Die Blase ist prall gefüllt, kann jedoch nicht mehr willentlich entleert werden.

Natürliche Helfer bei Reizblase

Kürbiskerne helfen Männern nicht nur bei Beschwerden mit der Prostata, sondern auch bei einer Reizblase. Präparate mit Wirkstoffen aus Bärentraubenblättern, Cranberry oder Goldrute können sich ebenfalls günstig auf die Reizblase auswirken, denn sie wirken entspannend auf die Blasenmuskulatur. Ein Tee aus Goldrutenkraut ist zum Beispiel ein gutes Getränk für alle, die zu häufig zur Toilette müssen.

Kürbiskerne stärken die Prostata. (c) unpict /Fotolia

Empfehlungen für den Alltag

Wenig zu trinken ist keine Lösung für das Problem Reizblase  denn der Harndrang tritt unabhängig davon auf, wie viel Flüssigkeit sich tatsächlich in der Blase befindet. Die Devise lautete im Gegenteil: Viel trinken! Denn dadurch wird das Fassungsvermögen der Blase trainiert und ihre Überaktivität verringert. Wer vorbeugend zur Toilette geht, obwohl er gar nicht “muss”, tut sich nichts Gutes. Dadurch verhindert er, dass die Blasenregulation (neu) gelernt wird. Wer dagegen regelmäßig Sport treibt und Normalgewicht hält, unterstützt die Blase bei ihrer normalen Aktivität.