Kopf & Psyche

Resilienz: Was die Psyche stark macht

Den Stürmen des Lebens nicht nur trotzen, sondern gestärkt daraus hervorgehen. Das klingt für viele Menschen fast wie ein Märchen. Schön, aber unmöglich. Dabei können wir aktiv psychische Stärke aufbauen, weiß Dr. Mirriam Prieß. Wir haben mit der Ärztin und Expertin für Psychosomatik gesprochen.  

Eine schwere Krankheit, der Verlust eines geliebten Menschen, eine Scheidung – Schicksalsschläge gehören zum Leben dazu. Wer resilient ist, kann damit aber besser umgehen als andere. Er meistert traumatische Erlebnisse oder belastende Lebensumstände, statt sich daran aufzuarbeiten oder psychisch krank zu werden.

Resilienz geht aber über das reine „Überstehen“ einer Krise hinaus. „Resiliente Menschen sehen darin eine Chance zur Weiterentwicklung,“ erklärt Dr. Mirriam Prieß*. Die Spezialistin für Psychsomatik behandelte jahrelang Menschen, die unter Depressionen oder Burn-out litten.

Voraussetzung für Resilienz: Dialog

Die Voraussetzung für innere Stärke, so Dr. Prieß, ist ein ständiger Dialog mit sich selbst und dem Leben. Damit ist in diesem Zusammenhang nicht ein Zwiegespräch gemeint, sondern „die Fähigkeit, die Realität anzunehmen, um als nächsten Schritt das Bestmögliche daraus zu machen.“

Daraus lässt sich ableiten, was Resilienz nicht ist. Resignation zum Beispiel. Wer resigniert, streckt alle Viere von sich und verharrt regungslos. Resilienz bedeutet aber: annehmen und handeln.

Resilienz ist auch kein Kampf gegen etwas oder jemanden. „Viele glauben, dass psychische Widerstandskraft durch Widerstand entsteht“, sagt Dr. Prieß, „aber das Gegenteil ist der Fall. Resiliente Menschen kämpfen weder vergebliche Kämpfe, noch verharren sie in aussichtslosen Situationen. Sie nehmen die Realität an, machen das Beste daraus und gehen weiter.“

Annehmen, statt kämpfen

Die Realität annehmen – was heißt genau? Zum Beispiel, wenn wir schwer krank werden oder unsere Partnerschaft zerbricht? Dr. Prieß: „Annehmen heißt, zu akzeptieren, dass etwas ist, wie es ist – denn erst dann können wir einen Weg finden, damit richtig umzugehen.“

Im Falle einer Krankheit beginnt Resilienz mit der Einsicht: „Es ist so. Ich bin krank.“ Das klingt simpel, fällt aber vielen Betroffenen ungeheuer schwer. Doch Akzeptanz ist die Voraussetzung dafür, dass das Problem gelöst oder die Krise gemeistert werden kann.

Wer resilient ist, hat den Gedanken verinnerlicht: „Ich kann nur gewinnen, wenn ich das, was ist und was ich nicht ändern kann, annehme.“

Im Dialog mit sich selbst

Aus ihrer psychosomatischen Praxis weiß Dr. Prieß: „Viele Menschen erschöpfen sich, weil sie einer Vorstellung von sich nachjagen, weil sie perfekt sein wollen.“ Die Grundvoraussetzung für Resilienz ist aber, sich selbst anzunehmen und zu erkennen: „Ich bin nicht perfekt. Ich bin, wie ich bin. Und das ist gut so.“

Aus demselben Grund bitten resiliente Menschen auffallend häufiger um Hilfe, als Menschen mit geringerer Resilienz. Sie wissen, dass es keinen Sinn hat, eine starke Fassade nach außen hin aufrecht zu erhalten, sondern gestehen sich ihre Schwäche ein – um anschließend an einer Lösung ihres Problems zu arbeiten.

Resilienz: Wer resilient ist, sucht aktiv nach Lösungen.

Resilienz: Wer resilient ist, sucht aktiv nach Lösungen.

Resilienz beginnt in der Kindheit

Der Grundstein für innere Stärke wird in der Kindheit gelegt. Dabei sind weniger einzelne Erlebnisse entscheidend, sondern eine Atmosphäre der Annahme. Wurde dem Kind vermittelt: „So wie du bist, bist du gut – unabhängig davon, was du leistest“, kann es einen Blick auf sich selbst entwickeln und sich selbst annehmen.

Auf dieser Grundlage ist es dafür gerüstet, als Erwachsener die Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Dialog mit den eigenen Gefühlen

Eine schlechte Ehe oder ein belastendes Arbeitsverhältnis: „Viele verharren in Situationen, in denen sie spüren, dass sie ihnen nicht guttun“, sagt Dr. Prieß. „Dadurch schwächen sie sich und belasten gleichzeitig ihre Beziehung zu anderen“. Um innerlich stark zu bleiben, müssen wir uns also bewusst werden, was uns schwächt und was uns stärkt.

Resiliente Menschen hören dabei auf ihr Bauchgefühl. Sie „fühlen“, was ihnen guttut, und wo Widerstände oder Störungen auftreten, die sie schwächen. Doch damit begnügen sie sich nicht. Sie handeln auch entsprechend und bringen den Mut auf, sich zu verändern – sei es durch eine Scheidung oder eine Kündigung.

Das machen nicht-resiliente Menschen falsch

Sie verdrängen, statt etwas zu lösen

„Menschen, die nicht resilient sind, verstecken alles, was unangenehm ist – vor anderen, aber vor allem vor sich selbst“, sagt Dr. Prieß. Das heißt: Probleme oder Konflikte werden verdrängt. Das ist gefährlich, denn „alle verdrängten Dinge kommen früher oder später wieder hoch und holen uns ein.“

Sie kämpfen, statt anzunehmen

Vielen Menschen handeln nach dem Motto: Augen zu und durch. Sie kämpfen sprichwörtlich „blind“ gegen das an, was sie belastet. Das kostet sie enorme Kraft und bringt dennoch keine Lösung oder Verbesserung.

Sie folgen inneren Überzeugungen

Die größten Feinde von Resilienz sind Erlebnisse, die nicht verarbeitet wurden. Sie verfestigen sich zu Überzeugungen, die schädlich für uns sind. Warum? Weil sie bewirken, dass wir in belastenden Situationen oder Krisen falsch reagieren und uns dadurch selbst schwächen.

Das machen resiliente Menschen richtig

Auch wenn Resilienz in der Kindheit angelegt wird und vieles, was wir tun, uns innerlich schwächt: Jeder kann an seiner Resilienz arbeiten – in jedem Alter und völlig unabhängig vom Bildungsgrad.

Akzeptieren Sie, was Sie nicht ändern können

Nehmen Sie Erfahrungen oder Umstände, die Sie nicht ändern können, an. Das stärkt Sie und befreit Ihre Gedanken, sodass Sie von diesem Standpunkt aus nach Lösungen suchen können.

Gefühle als Orientierung nutzen

Entwickeln Sie ein Gefühl dafür, was Ihnen guttut und was nicht. Das betrifft auch Ihre Beziehung zu anderen Menschen. Lernen Sie, was Sie in den einzelnen Lebensbereichen wie Beziehung, Beruf oder soziale Kontakte, brauchen, um innerlich stark zu sein oder zu werden.

Zu sich stehen

Nehmen Sie sich an – mit all Ihren Schwächen und Stärken, Vorzügen und Fehlern. Das gibt Ihnen die Kraft, sich in die Richtung zu verändern, die Sie sich wünschen. Aber denken Sie daran: Sie müssen nicht perfekt sein!

Machen Sie sich Ihr Inneres bewusst

Machen Sie sich bewusst, welche Erfahrungen und Überzeugungen Sie prägen – und befreien Sie sich dadurch von Gedanken und Gefühlen, die Sie schwächen. Auf dieser Grundlage können Sie eine echte Beziehung zu sich selbst und anderen aufbauen. Sie werden fähig zum Dialog mit sich und Ihrer Umwelt.

Verdrängen Sie nichts mehr

Verdrängen Sie Unangenehmes nicht mehr, sondern setzen Sie sich damit auseinander. Alles, was Sie vor sich und anderen verstecken, schwächt Sie.

Verurteilen Sie nicht

Um resilient zu werden, müssen Sie Verantwortung für sich übernehmen. Geben Sie nie anderen oder dem Schicksal die Schuld dafür, dass Sie in einer Situation sind, die Sie belastet. Wenn Sie andere verurteilen, sabotieren Sie Ihre eigene Widerstandskraft.

Begegnen Sie sich selbst und Ihrer Umwelt stattdessen auf Augenhöhe. Fragen Sie sich: „Was habe ich dazu beigetragen, dass es so gekommen ist?“ Das ist der Teil der Situation, an dem Sie arbeiten können. Überlegen Sie, was Sie selbst für eine Lösung oder Verbesserung tun können und handeln Sie entsprechend.

Auf diese Weise arbeiten Sie aktiv an Ihrer persönlichen Entwicklung und gewinnen innere Stärke.


*Unsere Expertin: Dr. med. Mirriam Prieß war als Ärztin und Psychotherapeutin lange Jahre in einer psychosomatischen Fachklinik tätig. Ängste, Depressionen und Burn-out zählten dabei zu ihren Behandlungsschwerpunkten. Seit 2005 arbeitet Sie als Coach und berät Unternehmen und Führungskräfte im Bereich Konflikt und Stressmanagement.

Mehr Informationen zu Dr. Mirriam Prieß finden Sie hier.

Mehr Informationen zu ihren Bücher (erschienen im Südwest Verlag) lesen Sie hier.


Depression und Burn-out: immer mehr Menschen sind betroffen

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