Was versteht man unter einer Zwangsstörung?

Kopf & Psyche

Was versteht man unter einer Zwangsstörung?

Ist die Haustür wirklich verschlossen? Die Herdplatte ausgeschaltet? Am besten lieber noch einmal nachsehen. Und noch mal. Und noch mal – obwohl Betroffene eigentlich wissen, dass alles seine Richtigkeit hat. Eine Zwangsstörung weckt immer wieder unangenehme Gedanken, Zweifel oder sogar Ängste. Doch es gibt Wege aus dieser Spirale der Anspannung, die den gesamten Alltag durcheinanderbringt.

Wer kennt das nicht: Nochmal schnell checken, ob die Autotür wirklich abgeschlossen ist. Ein solches Verhalten ist ganz normal, aber ab wann wird dieses ständige Kontrollieren pathologisch, also krankhaft? In der Regel gilt: Eine Zwangsstörung ist dann eine Krankheit, wenn das gesamte Leben zu sehr darunter leidet.

Wie äußert sich eine Zwangsstörung?

Die Symptome von Zwangsstörungen werden in zwei typische Gruppen zusammengefasst:

Zwangshandlungen

Betroffene verspüren etwa den Zwang, sich ständig die Hände zu waschen, um sich von „Schmutz“ zu befreien.  Oder sie müssen immer wieder kontrollieren, ob „alles in Ordnung ist“: Licht ausgemacht? Auto abgesperrt? Bügeleisen ausgeschaltet? Andere wiederum entwickeln einen Ordnungszwang – Bücher, CDs, Haushaltsartikel müssen nach festgelegten Regeln sortiert und angeordnet werden. Stimmt dann etwas in diesem System nicht, kann dies zu großer innerer Unruhe oder Verunsicherung führen. Auch der Zwang, bestimmte Dinge zu berühren oder nicht anzufassen, quält manche Betroffene.

Zwangsgedanken

Jeder von uns kommt einmal ins Grübeln oder Zweifeln. Bei den Betroffenen einer Zwangsstörung nimmt dies jedoch Formen an, die den Alltag stark negativ beeinflussen: So wird etwa der Herd nicht mehr benutzt, wenn man befürchtet, man könnte versehentlich vergessen, die Gasflamme abzudrehen. Oder man geht Menschen aus dem Weg – aus Angst, von diesen negativ beurteilt zu werden. Zuweilen entwickeln Patienten mit Zwangsstörung auch kaum mehr zu kontrollierende Befürchtungen, dass einem Angehörigen etwas zustoßen oder jemand ernsthaft erkranken könnte.

Zwangsgedanken können auch dazu führen, dass bestimmte Handlungen nach einem festen Ritual ablaufen müssen, um den vermeintlichen Druck aus der Situation zu nehmen. Ebenso verbreitet ist der Zwang, Dinge zu zählen, zum Beispiel Treppenstufen oder Bücher in einem Regal.

Wie kommt es zu Zwangsstörungen?

Bis in die 1960er-Jahre versuchte man, Zwangsstörungen vor allem auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Heute geht man davon aus, dass psychische Ursachen mit einer erblichen Veranlagung und Stoffwechselstörungen bei bestimmten Botenstoffen des Gehirns zusammenspielen. Eindeutig geklärt sind die Ursachen für Zwangsstörungen jedoch nach wie vor nicht.

In der Psychoanalyse wurden Zwangsstörungen früher als „Zwangsneurosen“ bezeichnet. Damals sah man unter andrem eine besonders strenge Erziehung als Grund für die Entwicklung von Zwangsneurosen. Dieser Erziehungsstil kann einem ausgeprägten Hang zum Perfektionismus schüren – ein „idealer“ Nährboden für Zwangsstörungen.

Zwangsstörung

Eine Zwangsstörung kann den Alltag stark beeinträchtigen. (c) Roman Bodnarchuk / Fotolia

Die Erbanlagen spielen eine Rolle

Neuere Studien legen jedoch vielmehr nahe, dass die erbliche Veranlagung eine große Rolle spielt. Schließlich sind Menschen, in deren Familien bereits Zwangsstörungen aufgetreten sind, selbst häufiger von der Erkrankung betroffen. Das zeigen zum Beispiel Studien, die mit eineiigen Zwillingen (identische Erbanlagen) durchgeführt wurden, um den Einfluss der Umwelt auf Zwangsstörungen zu erforschen.

Zwangserkrankungen lassen sich oft auch als individuelle Strategien zur Bewältigung von Ängsten und Stress verstehen. Auslöser hierfür können besonders belastende oder traumatische Ereignisse in der Biografie des Patienten sein, wie etwa der Verlust eines geliebten Menschen, ein Unfall oder schwerwiegende Probleme am Arbeitsplatz.

Wie werden Zwangsstörungen therapiert?

Generell gilt, dass eine Behandlung von Zwangsstörungen dann am erfolgreichsten ist, wenn sie möglichst früh einsetzt – also, wenn sich die problematischen Verhaltensweisen oder Gedanken noch nicht so stark verfestigt haben.

Diagnose

Bei der Diagnose muss die Zwangsstörung zunächst analysiert und von anderen Erkrankungen abgegrenzt werden – etwa von der Schizophrenie, bei der im Frühstadium ebenfalls Zwangssymptome auftreten können. Auch Hirnerkrankungen wie Parkinson gehen zuweilen mit Zwangsstörungen einher, ebenso depressive Störungen.

Gehirntätigkeit positiv beeinflussen

In der Regel werden in der Behandlung von Zwangsstörungen psychotherapeutische Verfahren mit der Gabe von Psychopharmaka kombiniert. Zum Einsatz kommen Mittel, die die Wirkung des Botenstoffs Serotonin verstärken und dadurch die Symptome abmildern. Diese Medikamente werden normalerweise gegen Depressionen verordnet und zeigen ihren Effekt erst nach sechs bis zehn Wochen. Zudem bringen Antidepressiva oft eine ganze Reihe von Nebenwirkungen mit sich – von innerer Unruhe und Übelkeit über Schlaflosigkeit bis hin zu einem verminderten Interesse an Sex und Erektionsstörungen.

Konfrontation mit dem Zwang

Neben der Gabe von Medikamenten wird gegen Zwangsstörungen häufig eine Verhaltenstherapie eingesetzt. Zunächst werden dabei die Symptome sowie die Situationen, in denen sie auftreten, analysiert. Im Anschluss leitet der Therapeut den Patienten dazu an, sich bewusst den kritischen Situationen auszusetzen, die bei ihm normalerweise zum Auftreten der Zwangsstörung führen. Ziel der Behandlung ist es, dem Betroffenen zu zeigen, dass seine Ängste unbegründet sind und er beispielsweise nicht von tödlichen Viren dahingerafft wird, wenn er sich nicht alle paar Minuten die Hände wäscht.

Zwangsstörungen vermeiden?

Jeder Mensch kann früher oder später im Leben von einer Zwangsstörung betroffen sein. Ein Vorbeugen gegen die Erkrankung ist aufgrund ihrer komplexen Symptomatik nicht möglich. Wer unter einer Zwangsstörung leidet, sollte die Ursachen in jedem Fall von einem spezialisierten Arzt abklären lassen.

Unterstützende Maßnahmen wie autogenes Training, Familien- oder Ehetherapie sowie die Schulung der Achtsamkeit zur besseren Steuerung der eigenen Emotionen können zum Erfolg einer psychotherapeutischen und/oder medikamentösen Behandlung beitragen.

Grundsätzlich gibt es aber die Möglichkeit der Resilienz: Die aktive Stärkung der eigenen Psyche gegen die Stürme des Lebens. Mehr zum Thema Resilienz erfahren Sie in diesem Artikel.