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Interview mit Adnan Maral

Interview mit Adnan Maral

"Offenheit ist Übungssache"

Spätestens seit “Türkisch für Anfänger” kennt ihn das Fernsehpublikum. Dabei spielte Adnan Maral auch viel auf der Bühne, u. a. am Deutschen Theater Berlin und an der Schaubühne. Der deutsch-türkische Schauspieler begleitete Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beratend bei dessen Reise nach Istanbul.

In “Servus, Schwiegersohn!” (Das Erste, Freitag, 11.10., 20:15 Uhr) spielt er Toni Freitag – einen Bayern aus ganzem Herzen. Die türkischen Wurzeln hat Toni verdrängt. Als seine Tochter Franzi ihm ihren neuen Freund Osman als ihren Zukünftigen vorstellt, fällt er aus allen Wolken: ein türkischer Schwiegersohn? Das geht für Toni gar nicht.

Herr Maral, der Deutschtürke “Toni Freitag”, den Sie spielen, ist bayerischer als jeder Bayer. Gibt es dieses Phänomen wirklich: eine Art Überanpassung von Menschen mit Migrationshintergrund?

Adnan Maral: Ja, das gibt es. Es gibt einige Schauspielkollegen, die urdeutsche Künstlernamen angenommen haben, um nicht in der Rollenbesetzung auf ihre Ursprungswurzeln reduziert zu werden. Ich denke, da gibt es viele Beispiele … wie unseren Toni. Das ist, denke ich, sehr menschlich. Der Mensch tut manchmal sehr viel, um dazuzugehören.

Osman wird nur aufgrund seines Aussehens als “Terrorist” bezeichnet, seine Treffsicherheit im Schützenheim weckt Misstrauen. Übertrieben oder die Wirklichkeit? 

Adnan Maral: Das gibt es. Ich habe vor zwei, drei Jahren einen TV-Film für das ZDF gedreht, in dem ich einen Familienvater und Zahnarzt gespielt habe. Während das Ensemble und ich geprobt haben, fragte ein älteres Ehepaar, das neugierig zugeschaut hat, ob in diesem Film auch Flüchtlinge mitspielen würden. Der Flüchtling in ihren Augen war ich. Die haben das nicht böse gemeint, aber diese Bilder im Kopf der Leute existieren. Wenn wir mit diesen Klischeebildern unreflektiert umgehen, entstehen Vorurteile. Je mehr man mit Situationen und Bildern in Berührung kommt, desto schneller werden die doch abgebaut, und es kann ein freieres Miteinander entstehen, wo der Mensch an sich zählt und nicht die Herkunft.

Vorurteile gibt es im Film bei traditionellen Bayern wie bei traditionellen Türken. War es wichtig, dieses Phänomen nicht nur auf einer der beiden Seiten zu verorten? 

Adnan Maral: Ja, das war uns sehr wichtig. Wie gesagt, es entstehen schnell Vorurteile, egal aus welchem Kulturkreis jemand kommt. Offen aufeinander zugehen ist, könnte man doch auch sagen, Übungssache. Bekanntlich entstehen da die meisten Vorurteile, wo am wenigsten Berührung mit dem Unbekannten stattfindet.

Begegnungen bereichern

Ihr Film spielt mit Klischees und konterkariert sie genüsslich. Ein Herzensanliegen von Ihnen, Vorurteile zu widerlegen?

Adnan Maral: Das ist wirklich ein Herzensanliegen! Vorurteile und Klischees aufzulösen bringt die Menschen doch näher zusammen, und man kann über die wirklich interessanten Dinge des Lebens sprechen, wie Liebe, Ängste, Höhen und Tiefen. Und wenn Menschen, auf welche Art auch immer, sich näherkommen, entstehen doch die wunderbarsten Geschichten, ob komische oder traurige, meistens auf jeden Fall berührend.

Wie kommen wir zu einem Miteinander der Kulturen?

Adnan Maral: Meine Eltern haben mir immer gesagt, sei offen gegenüber den Menschen, die du triffst. Du weißt nicht, was für einen Reichtum du von dieser Begegnung nach Hause bringen wirst. Ich denke, Offenheit, Respekt und jedem auf Augenhöhe begegnen sind sehr wichtige Dinge für ein gutes Miteinander.

Kann Ihr Film dazu beitragen?

Adnan Maral: Wir erzählen Geschichten mit unseren Filmen, die relevante Themen beinhalten. Genau das Miteinander in der Gesellschaft, das Wie und Warum, Wo und Weshalb. Wir wollen die Normalität des bunten Miteinanders der Gesellschaft widerspiegeln.

Kann Kunst dazu beitragen?

Adnan Maral: Auf jeden Fall. Kunst ist der Ausdruck der Gesellschaft. Zum Beispiel baut Musik unglaubliche Brücken. Ich beneide manchmal die Musiker. Die haben ja nicht die Sprache, die einem irgendwie im Wege steht. Musik berührt meist sofort und lässt uns zusammenkommen, und binnen Sekunden entstehen Spaß und etwas Gemeinsames. Natürlich kann auch darstellende Kunst viel Verbindendes schaffen.

Sie sind auch Buchautor. Ihr Verlag schreibt, Sie seien “Botschafter für den deutsch-türkischen Dialog”. Bringt dieser Job mehr Frust oder mehr Erfolgserlebnisse?

Adnan Maral: Hm … den Dialog zwischen den Welten kenne ich schon mein Leben lang. Ich fühle mich eigentlich als ein sehr glücklicher Mensch, daher kann es nicht nur frustrierend sein. Manchmal, wenn ich immer wieder mit Fragen oder Dingen konfrontiert werde, die mich und die Gesellschaft in einen Entwicklungsstand zurückfallen lassen, ärgert mich das, aber im Großen und Ganzen halte ich mich an die Worte meiner Mutter und sehe jede Begegnung als eine Bereicherung.

| Matthias Roth | 4. Oktober 2019