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Interview mit Andreas Kieling

Interview mit Andreas Kieling

"Es kommt darauf an, wie man eine Geschichte erzählt"

Andreas Kieling ist seit Jahren bekannt für seine Naturfilme. In “Terra X: Kielings wilde Welt” ging der 61-Jährige erneut auf weltweite Expedition. Er filmte Koalas in Australien, Bullenhaie vor den Fidschi-Inseln – und Honigbienen auf der Schwäbischen Alb. Im Gespräch spürt man seine Leidenschaft für die Natur – und ihren Erhalt.

Herr Kieling, gibt es denn überhaupt noch Orte auf der Welt, an denen Sie noch nicht waren?

Andreas Kieling: Ich war noch nie auf Mallorca und den Galapagos-Inseln. Sonst fehlt glaube ich nichts mehr. Beides ist aber auf meiner Wunschliste. Ich könnte mir durchaus mal vorstellen, einen Tierfilm auf “Deutschlands” beliebtester Urlaubsinsel zu machen. Was passiert da Spannendes? Was ist in den Bergen los? Es kommt darauf an, wie man eine Geschichte erzählt.

Ihre neuen Folgen tragen den Titel “Kielings wilde Welt”. Warum passt gerade das Wort “wild”?

Andreas Kieling: Wild heißt eine Region oder Landschaft heutzutage, wenn der Einfluss des Menschen auf die Tierwelt relativ gering ist. Da gibt es nicht mehr viele von. In der Regel sind es Nationalparks, Hochgebirge oder eben nordisch gelegene Gebiete.

Sie waren unter anderem in Island, den USA und auf den Fidschi-Inseln. Wie lange gingen die Dreharbeiten für diese Staffel?

Andreas Kieling: Zweieinhalb Jahre. Das liegt daran, dass wir fast alles selbst drehen und nur ein dreiköpfiges Team sind: neben mir ein zweiter Kameramann und meine Partnerin, die zum Beispiel die Drohnenaufnahmen macht. Das Gute an einem kleinen Team ist, dass man schnell reagieren kann, wenn sich neue Sachen ergeben. Das war zum Beispiel im Yellowstone-Nationalpark so: Dort tauchte etwas außerhalb ein Wolfsrudel auf, was jeden Vormittag an einer Herde von Wapiti-Hirschen jagte. Da ist es natürlich toll, wenn man sofort seinen Standort verlegen kann und dadurch die entscheidenden Aufnahmen bekommt.

"Einmal ging ein Schlag gegen meine Kamera"

Was war für Sie diesmal am spannendsten?

Andreas Kieling: Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich vorher nicht viel über Hyänen wusste. Auch wenn es keine Sympathieträger sind, ist der Lebensraum Ngorongoro-Krater in Tansania sehr spannend, da er die höchste Wildtierdichte auf der ganzen Erde hat. Insofern war es ein riesiges Privileg, da drei Wochen drehen zu können. Aber es war genauso lehrreich, mit zwei jungen Insektenforschern von der Uni Würzburg auf der Schwäbischen Alb unterwegs zu sein und Bäume hochzuklettern – um zu sehen, ob in den alten Spechthöhlen tatsächlich noch wilde Honigbienen drin sind. Eine Geschichte, die mich selbst total fasziniert hat.

Auch die Fidschi-Inseln haben Sie bereist. Wie sind Sie auf dieses Fleckchen Erde gekommen?

Andreas Kieling: Weil es der einzige Ort auf der Welt ist, wo Bullenhaie filmbar sind. Wie wir in der Dokumentation zeigen, werden sie dort auch angefüttert. Um das zu filmen, waren wir nicht etwa in einen Käfig eingesperrt, sondern ganz frei. Da muss man schon ein bisschen aufpassen. 

Hand aufs Herz: Hatten Sie beim Tauchen mit den Bullenhaien denn gar keine Angst?

Andreas Kieling: Eigentlich nicht, da ich die ganze Zeit auf meine schwere Unterwasserkamera konzentriert war. Trotzdem ging einmal ein Schlag gegen meine Kamera, die mir dadurch fast aus der Hand fiel. Ein anderes Mal wurde mir mit der Flosse die Tauchermaske vom Gesicht geschlagen. Trotzdem weiß ich, dass wenn ein Hai wirklich in deiner Nähe nach dir schnappt, es dem Fisch vor mir im Wasser gilt und nicht mir selbst. Doch dieses Wissen muss man erst mal haben.

"Die Menschen wollen mehr informiert werden"

Wie wichtig ist es Ihnen, auf der ganzen Welt so viele engagierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu treffen?

Andreas Kieling: Ich kann von diesen Menschen wahnsinnig viel lernen. Viele von ihnen besitzen sehr viel Idealismus, weil diese Feldforschung ganz schlecht bezahlt wird. Wissenschaftlern, die neue Medikamente erforschen, geht es da beispielsweise deutlich besser. Feldbiologen haben kein so einfaches Leben – insofern finde ich das toll. In der Regel merkt man auch, dass das Gleichgesinnte sind und sie mit ganz viel Neugierde, Enthusiasmus und Passion arbeiten. Das steckt nicht nur mich an, sondern auch den Zuschauer, der in die Geschichte mit reingezogen wird.

Glauben Sie, dass die Menschen sich stärker für Klima- und Tierschutz einsetzen würden, wenn sie mehr über die unglaubliche Artenvielfalt der Erde wüssten?

Andreas Kieling: Sie tun es ja. In der westlichen Welt hat sich in den letzten zehn bis zwanzig Jahren viel getan. Ich glaube, die Menschen wollen mehr informiert werden. Schon mit schönen Bildern, aber nicht mehr mit martialischen Tierszenen, wo einer über den anderen herfällt. Abgesehen davon halte ich es für wichtig, häufiger in die Natur zu gehen und einfach mal für eine halbe Stunde nicht auf das Smartphone zu schauen. Es reicht, sich einfach mal irgendwo ruhig hinzusetzen und zu beobachten, was um einen herum in der Natur so passiert. Viele Menschen wären erstaunt, was da alles kreucht und fleucht. In dem Moment, in dem man sich für Dinge interessiert, findet man sie auch schützenswert.

"Auf eine Reise mitnehmen"

In welcher Rolle sehen Sie sich selbst bei Terra X? Wollen Sie mit Ihren Filmen aufklären?

Andreas Kieling: Ich versuche, mit meiner eigenen Faszination und Neugierde für die Natur den Zuschauer anzustecken und ihn auf eine Reise mitzunehmen. Ich hatte als Kind auch meine eigenen Helden, die mich motiviert und begeistert haben. Ich versuche das heute, auf eine andere, aber gar nicht mal so unähnliche Art und Weise zu vermitteln. Zum Beispiel geht es bei mir oft um eine Art “Making-of”: Also, dass man sieht, wie wir eigentlich arbeiten, wie wir so nahe an die Tiere herankommen und was es manchmal für Schwierigkeiten gibt.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Wo wollen Sie noch hin?

Andreas Kieling: Ich verabschiede mich von vielen Orten auf der Erde mit dem “Versprechen” wiederzukommen, wenn ich Zeit habe und es eine neue Geschichte zu erzählen gibt. Das würde ich gerne umsetzen. Zum Teil mache ich das auch schon, um zu sehen, was sich alles verändert hat.

Die Sendetermine von “Terra X: Kielings wilde Welt”:

  • Sonntag, 11. April 2021, 19.30 Uhr im ZDF: Zurück zur Natur
  • Sonntag, 18. April 2021, 19.30 Uhr im ZDF: Kreislauf des Lebens
  • Sonntag, 25. April 2021, 19.30 Uhr im ZDF: Wilde Nachbarn

Ab Mittwoch, 7. April sind die Folgen in der ZDF-Mediathek verfügbar.

| Steffen Rothhaupt | 30. März 2021