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Interview mit Anne-Sophie Mutter

Interview mit Anne-Sophie Mutter

Am Tag der Deutschen Einheit zeigt das ZDF (Donnerstag, 3.10., 23.40 Uhr) klassische Musik: ein Open Air mit Anne-Sophie Mutter, die Filmmusiken von John Williams spielt, u.a. aus “Star Wars”. Wir haben die Violinistin getroffen.

"Es fegt dich weg!"

Stellen Sie sich vor, Sie sind eine Fee und könnten ein Kind mit drei Fähigkeiten ausstatten. Welche wären das? 

Anne-Sophie Mutter: Zuallererst eine große Empathie-Fähigkeit, dann … ach, bei Künstlern erwartet man ja immer …

Sie können ruhig sagen, dass es Geige spielen können soll … 

Anne-Sophie Mutter: Nee, nicht unbedingt. Ich sage: Durchsetzungsvermögen. Und ewige Gesundheit.

So nehmen wir das! Lassen Sie uns über Musik reden. Zu Gedenktagen wie etwa dem 3. Oktober greift man auf klassische Musik zurück. Ist sie in diesem feierlichen Rahmen gut aufgehoben? 

Anne-Sophie Mutter: Klassische Musik ist im Fernsehen immer super aufgehoben, wird viel zu selten gezeigt. Und wenn, dann zu Zeiten, zu denen man sich den Wecker stellen muss.

Ihr Konzert kommt um 23.40 Uhr. 

Anne-Sophie Mutter: Das ist wahnsinnig spät. Und zeigt natürlich, welchen Stellenwert oder Nicht-Stellenwert die klassische Musik inzwischen in Deutschland hat. Das war vor 30 Jahren, ich erinnere mich dunkel, noch ganz anders, als Karajan die Übertragung aus Salzburg hatte, die Ostern und Pfingsten mitten am Tag kamen …

Das Neujahrskonzert läuft immerhin am 1. Januar mittags …

Anne-Sophie Mutter: Der letzte Überlebende! Und natürlich auch die Wiener Philharmoniker, die nicht wanken und nicht wanken werden. Nun ist Österreich ein kleines Land und hat mit den Wiener Philharmonikern das bekannteste kulturelle Markenzeichen geschaffen und setzt das auch ein, das finde ich großartig. In Deutschland ist das nicht so. Da werden die Berliner Philharmoniker sicherlich auch sehr verehrt und geliebt, gehen aber im Konvolut von lauter tönenden Bespaßungsmechanismen eher unter.

In Deutschland sind Sie das Markenzeichen, oder?

Anne-Sophie Mutter: Zwanzig vor zwölf? Ich weiß nicht … (lacht)

rtv-Redakteur Andreas Herden und Anne-Sophie Mutter

Verzopfte Sache?

Sie spielen die eher populäre Musik des Filmkomponisten John Williams …

Anne-Sophie Mutter: … die man eigentlich lieber um acht Uhr abends hören würde. John Williams ist so populär, hat so viele Oscars gewonnen, er ist sozusagen der “Godfather” der Filmmusik. Er ist der Mann, der die guten Filmkomponisten auf den Weg gebracht hat. Filmkomponisten, die noch wissen, wie man orchestriert, wie man Filmcharaktere vom passenden Instrument verkörpern lässt. Das ist eine ganz große Kunst, eine Frage der Tondichtung. Hat mich schon immer fasziniert.

Bei welchem Film?

Anne-Sophie Mutter: Zum Beispiel “Star Wars”. Den habe ich 1978 im Schwarzwald gesehen und war begeistert. Aus “Star Wars” spielen wir “Yodas Thema” und auch das “Prinzessin Leia”-Thema.

Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen E- und U-Musik?

Anne-Sophie Mutter: Für mich es gibt einen Unterschied zwischen gut geschriebener Musik und beliebigem Tongeplänkel. Leider gibt es ja auch in der zeitgenössischen Musik vieles, das einfach nicht gut geschrieben ist. Filmmusik kann natürlich uninspiriert sein, kann aber auch große Musik sein.

Hängt es auch von der Musik ab, für welchen Film Sie ins Kino gehen? Haben Sie zum Beispiel “Bohemian Rhapsody” gesehen?

Anne-Sophie Mutter: Ja natürlich. Klar. Ich fand den großartig. Ebenso wie “A Star Is Born”. Was mich überrascht hat, weil ich bis dato überhaupt kein Lady-Gaga-Fan war, nichts über sie wusste.

Kann ein Open-Air-Konzert mit Filmmusik Leute begeistern, die sonst nichts mit klassischer Musik anfangen können?

Anne-Sophie Mutter: Unbedingt. Ich möchte die Leute, die meinen, es sei total verzopft und langweilig und doof, in die Konzertsäle zu gehen, davon überzeugen, dass die Geige das coolste Instrument ever ist und dass die klassische Musik eine ungeheure emotionale Kraft und Aktualität besitzt, die einen einfach hinwegfegt. Man muss halt nur mal hingehen und zuhören.

| Andreas Herden | 24. September 2019