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Interview mit Anselm Grün

Interview mit Anselm Grün

"Ich glaube an die Menschen"

Wie wollen wir nach der Corona-Zeit leben? Wie gehen wir mit unseren Ängsten um? Welche Chancen bietet uns die Situation? Deutschlands bekanntester Ordensmann Anselm Grün hat ein Buch darüber geschrieben (“Was gutes Leben ist”). Mit rtv-Chefredakteur Matthias Roth hat er über existenzielle Fragen in besonderen Zeiten gesprochen. 

Die meisten coronabedingten Einschränkungen sind gelockert oder aufgehoben. Welche Lockerung hat Sie persönlich am meisten gefreut?

Anselm Grün: Mich hat am meisten gefreut, dass jetzt wieder Gespräche möglich sind. Während der Coronakrise haben wir Gespräche nur per Telefon angenommen. Jetzt sind die Seelsorgespräche und die Kurse wieder möglich.

Hat die Pandemiesituation Sie ganz persönlich verändert?

Anselm Grün: Persönlich nicht. Ich habe mehr Zeit gehabt zum Lesen – das war ganz gut. Und natürlich habe ich viel nachgedacht, wie es in Zukunft sein wird – wird es immer so weitergehen? Da war schon eine Nachdenklichkeit. Aber die Krise hat mich nicht verändert, weil ich ja ständig in Klausur lebe. Die Tätigkeit nach außen ist einfach eingeschränkt worden.

Wurde Ihr Beistand in der Pandemiezeit öfter angefragt als zuvor?

Anselm Grün: Ja – es waren mehr Leute, die Schwierigkeiten hatten mit sich selber, und auch Mails kamen häufiger als sonst.

Wird die Welt eine bessere sein nach dem Ende der Pandemie, oder werden die Gegensätze auf diesem Planeten noch krasser sein und zu Konflikten führen?

Anselm Grün: Ich bin natürlich kein Hellseher, aber ich habe die Hoffnung: Ich hoffe, dass sich diese Krise zum Positiven auswirken wird, dass die Menschen nachdenklicher werden, dass sie mehr über unsere Mobilität nachdenken – wo ist sie notwendig, und wo nicht – und dass wir solidarischer werden. Natürlich erleben wir jetzt auch unsolidarische Maßnahmen in verschiedenen Ländern, aber die Krise hat doch gezeigt, dass wir alle verbunden sind, und wir müssen achtsam umgehen mit dieser Verbundenheit auf der ganzen Welt – mit der Verantwortung, die wir haben, nicht nur für das eigene Land, sondern für die ganze Welt.

"Die Achtung des Lebens gehört zum Menschen"

Der Titel Ihres Buches lautet “Was gutes Leben ist”. Sieht nach der Pandemie “gutes Leben” anders aus als vorher, oder hat sich da nichts geändert?

Anselm Grün: Gutes Leben ist sicher das Gleiche. Die Philosophen haben Ähnliches geschrieben schon vor 2000 Jahren. Die Grundzüge sind die gleichen – Einklang mit sich selber – aber vielleicht ist die Verantwortung für andere durch diese Krise stärker geworden. Und die beeinflusst sicher auch das “gute Leben”.

Ordensleute ziehen sich – zumindest zeitweise – von der Welt zurück, um zu wissen, was die Welt braucht. Sind die Erfahrungen einer freiwilligen Quarantäne übertragbar auf die Situation einer erzwungenen Quarantäne?

Anselm Grün: Manches sicher schon. Ich denke, die Herausforderung der Quarantäne ist, sich selber aushalten zu können und seiner eigenen Wirklichkeit begegnen, Selbsterkenntnis, und nicht zu fliehen in 1000 Aktivitäten, zu spüren: Was ist der Sinn meines Lebens. Wie gehe ich um mit all den Gedanken und Emotionen, die in mir hochkommen. Das ist sicher eine Herausforderung, die jedem gilt.

Werden positive Erkenntnisse aus der Krisensituation – Besinnung auf wirklich Wichtiges, Verzicht auf Überflüssiges – nachhaltig unser Leben und Tun verändern, oder vergisst der Mensch zu schnell?

Anselm Grün: Gut, die letzten Krisen haben schon gezeigt, dass der Mensch sehr schnell vergisst und ins alte Gleis kommt. Diese Tendenz gibt es sicher beim Menschen. Ich kann, wie gesagt, nicht wissen, was in fünf Jahren ist. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen lernen davon. Wissen kann ich es nicht. Die Gefahr besteht, dass es genauso weitergeht wie vorher.

Angst, wie viele sie gerade erleben, kann zu einer positiven Ernsthaftigkeit der Lebensbetrachtung führen oder zu irrationaler Panik bis zur Aggression gegenüber bestimmten Gruppen. Gibt es diese beiden Tendenzen als Anlage in jedem Menschen, und was kann ich tun, damit die Angst in mir zu etwas wird, das mich weiterbringt?

Anselm Grün: Damit die Angst mich weiterbringt, muss ich mich mit der Angst anfreunden, mit ihr sprechen, was sie eigentlich bedeutet und wovor sie mich warnen will. Manchmal bewirken auch falsche Grundannahmen die Angst, zum Beispiel die Annahme “Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nichts wert, sonst werde ich abgelehnt.”. Da ist die Einladung der Angst, zu sagen: “Ich bin wertvoll in mir selber!” Gefährlich wird es immer, wenn ich mich den Emotionen oder den Ängsten nicht stelle, sondern sie ausagiere, ohne mit den Ängsten bewusst umzugehen. Die Krise hat gezeigt: Wir müssen uns den inneren Problemen stellen, ob es jetzt Ängste sind oder Ärger oder Depression, dann können wir sie verwandeln. Wenn wir sie ausagieren, werden sie destruktiv.

Sie sprechen den Wert an, den jeder Mensch hat. Nun gab es in der Krise Statements, die allen Ernstes ältere oder kranke Menschen als weniger wertvoll hinstellen. Ihr Buch lese ich als klares Plädoyer gegen eine solche Haltung.

Anselm Grün: Wenn wir einteilen und sagen, die Jungen seien wertvoller als die Alten, dann führt das zu einer Brutalität auch in der Gesellschaft, nach dem Motto “Die Alten sollen möglichst schnell verschwinden”. Es gibt ja heute auch schon die Tendenz zu sagen: “Kranke kosten uns zu viel, lassen wir die lieber schneller sterben.” Das sind gefährliche Tendenzen, deswegen: Die Achtung des Lebens gehört zum Menschen!

"Glaube hängt immer auch vom Dialog ab"

Sie berufen sich auf unterschiedliche Quellen: das Alte und das Neue Testament, aber auch auf die klassischen Philosophen und den Psychoanalytiker C. G. Jung. Mir scheint, Sie gehen heiter und gewinnbringend über das lutherische “Sola Scriptura” hinaus und nutzen diverse Quellen für die Menschen.

Anselm Grün: Ja, auf jeden Fall! Glaube hängt immer auch vom Dialog ab, vom Dialog mit der Wissenschaft, mit der Psychologie. Spiritualität und Psychologie hängen ja sehr eng miteinander zusammen. Wenn man die frühen Mönchsväter anschaut, die haben ja den Menschen auch sehr genau gekannt. “Sola Scriptura” finde ich etwas gefährlich, weil wir dann die Schrift absolut nehmen. Die Schrift verstehen können wir nur im Dialog mit unserem eigenen Wissen und dem heutigen Wissen. Dazu gehören die Psychologie, die Medizin, die Philosophie. Auch in der Bibel gibt es schon einen Dialog zwischen Philosophie und Bibel.

Kann Ihr Buch ein Beitrag dazu sein, dass wir aus der Krise als bessere, bewusstere Menschen hervorgehen?

Anselm Grün: Es war sicher ein Anliegen dieses Buches, dass wir nicht nur jammern über die Krise, sondern dass wir über das “gute Leben” nachdenken – und natürlich die Hoffnung, dass wir besser leben, gut leben, durch die Nachdenklichkeit, eine größere Offenheit haben für das, worauf es eigentlich ankommt, und für den Sinn unseres Lebens, für den Wert unseres Lebens.

Was ist Ihr Hauptmotiv fürs Bücherschreiben?

Anselm Grün: Ich möchte mit meinem Schreiben Antworten geben auf die Fragen der Menschen, die ich durch Nähe, durch Gespräche immer wieder höre. Und – ich bin ja Mönch – ich will die christliche Botschaft in einer Sprache heute verkünden, dass die Menschen berührt werden, bewegt werden. Die Kirche hat heute ja nicht so einen guten Ruf und erreicht oft viele Menschen nicht. Ich bin überzeugt vom Reichtum und der Weisheit der christlichen Religion – , und mir ist wichtig, dass ich das ausdrücke in einer Sprache, die die Menschen berührt.

Apropos Sprache: In Ihrem Buch spielt die Etymologie der Wörter eine große Rolle, deutscher Wörter, altgriechischer Wörter. Überfordert das vielleicht manche Leser in Zeiten der sozialen Medien, in denen die Wörter und die Sprache lax bis barbarisch behandelt werden?

Anselm Grün: Die Sprache ist mir sehr wichtig. Die Sprache hat ja auch eine Weisheit, gerade die deutsche Sprache. Wenn ich Wörter anschaue wie “stehen”, “verstehen”, “zu sich selber stehen”: Wenn ich mich verstehe und verstanden fühle, dann kann ich auch zu mir stehen und für mich einstehen.

Nicht zuletzt der Erfolg Ihrer Bücher beweist: Immer mehr Menschen besinnen sich auf Riten und Inhalte, die kirchlichem Leben und kirchlicher Erfahrung entspringen. Der Kirche selbst aber kehren immer mehr den Rücken. Wie erklären Sie diesen Widerspruch?

Anselm Grün: Ich glaube, dass die Menschen Sehnsucht haben nach Glauben, nach gesunder Spiritualität. Ich möchte diese Sehnsucht ansprechen. Wenn manche jammern, die Leute würden heute nichts glauben, dann ist das für mich immer Ausdruck des eigenen Unglaubens. Meine Aufgabe ist, an die Sehnsucht der Menschen zu glauben, und wenn ich an die Menschen glaube, dann kann ich sie auch ansprechen. Es ist sicher eine Herausforderung an die Kirchen, Sprache und Rituale zu finden, die die Menschen heute ansprechen.

Unser Buchtipp für Sie: "Was gutes Leben ist"

Nach “Quarantäne – eine Gebrauchsanweisung” legt Anselm Grün nun das Nachkrisenbuch vor. “Was gutes Leben ist” ermuntert uns, die Chancen zu nutzen, die das krisenbedingte Innehalten bietet. In einfacher, aber nie vereinfachender Sprache gibt er Orientierung. Eine spirituelle Vitaminspritze: rezeptfrei, aber wirkungsvoll.  (Herder Verlag, 22,00 €)

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| Matthias Roth | 14. Juli 2020