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Interview mit Charly Hübner

Interview mit Charly Hübner

In “Unterleuten” spielt Charly Hübner “Schaller”. Wir haben mit dem Schauspieler über Schlägertypen, DDR-Historie und die Zukunft von Improfilmen gesprochen. Außerdem haben wir Miriam Stein und Rosalie Thomass zum Interview getroffen.

"Probleme mit der Faust lösen statt mit Worten"

Sie spielen in “Unterleuten” Schaller. Was ist das für ein Typ?

Charly Hübner: Schaller gilt als der Mann für’s Grobe. Ein bisschen untergebildet, sozial gar nicht gut geschult, aus einfachsten Verhältnissen. Er ist einfach ein Mann der kurzen Strecken. Probleme müssen am besten sofort gelöst werden, mit wenigen Worten und wenig Feingefühl.

Mit wenigen Worten ist ein gutes Stichwort – Schaller redet nicht sonderlich viel den Film über, wie bereitet man sich dann als Schauspieler auf so eine Rolle vor?

Charly Hübner: Sprache ist ja immer nur ein Teil unseres Seins. Wenn Sie den Raum betreten, dann erzählen wir uns schon ganz viel voneinander, ohne dass wir irgendetwas sagen. Nur in der Art, wie wir uns bewegen, was wir anhaben. Da ist ja schon ganz viel Kommunikation und Erzählung, ohne dass ein Satz gefallen ist. Das ist bei Schaller auch so.

Haben Sie sich aus dem Roman von Juli Zeh noch mehr über die Figur “Schaller” herausziehen können?

Charly Hübner: Ich habe erst den Roman gelesen und ahnte gleich, dass es verfilmt wird. Für mich habe ich da gar keine Rolle gesehen und dachte deshalb, das wird super für die, die das spielen. Als Matti mir den Schaller dann anbot, musste ich schmunzeln, weil ich dachte ‚ach guck mal‘, dann machen wir also Schaller. (lacht)

Wie entwickelt man dann so eine Figur?

Charly Hübner: Mit Matti spricht man über ähnliche Typen, die einem so einfallen. In dem Fall so Clint-Eastwood-Typen, die so komisch rauchen, klassische Schläger, die Probleme mit der Faust lösen statt mit Worten. Und so entstand diese Figur.

Macht es Ihnen Spaß solche Typen zu spielen?

Charly Hübner: Ja, na klar. Es ist auch gar nicht so, dass man das aus der Hüfte spielt, sondern diese Typen vermeiden ja ganz viel. Ich bin ein hektischer Mensch und verlier mich ab und an im Grübeln. Jemanden zu spielen, der das nicht tut, macht total Laune, weil man denkt ‚boah ist das Leben einfach‘ (lacht). Es kommt jemand und guckt mich blöd an, dann sagst du ‚Was gibt‘s da zu glotzen‘. Und das am besten so, dass die Person auch wieder geht. Ist doch geklärt die Sache. (lacht)

"Viel größer als eine Post-DDR-Erzählung"

“Unterleuten” geht nicht sonderlich gut aus …

Charly Hübner: Ja, für die alten Strukturen. Die alten Strukturen gehen unter. Die neuen bleiben.

Was heißt das?

Charly Hübner: Die jungen Frauen übernehmen die Zukunft. Die alten Männer gehen. Gombrowski, Kron, Fließ, Schaller, der Bürgermeister.

Welche Rolle spielt da noch die DDR-Vergangenheit?

Charly Hübner: Das sollte bei dem Projekt nicht so nach vorne gestellt werden. Ich finde, dass das, was da erzählt wird, viel größer ist als eine Post-DDR-Erzählung. Diese Familien Kron und Gombrowski sind miteinander verfeindet, weil Krons die kleinen Bauern waren und Gombrowski der Abkömmling eines preußischen Junkergeschlechts, dem das Ganze mal gehörte. Jeder hatte sein kleines Stück Land und der Großbauer hatte alles andere. Dann kam die DDR und hat alle gleichgemacht und nach dem Ende der DDR hat dann der Großbauer aus so einer alten Tradition gesagt ‚Nö das ist doch unser alles‘ und dann sagt der Kleinbauer ‚Nee warte mal, da oben am Waldrand, das gehört uns‘. Und dann ist der Zwist wieder da, zwischen dem kleinen Mann, der nix hat und dem großen Mann, der alles hat. Und plötzlich ist das eine Geschichte über reich gegen arm. Vielleicht auch arm gegen reich, aber durch das Kapital in Form der Geldsegen versprechenden Windräder schon sehr reich gegen arm.

Ist der Ausgang der Geschichte die logische Konsequenz als historische Entwicklung?

Charly Hübner: Es ist eine konstruierte Geschichte, aber das Interessante bei Juli Zeh ist, dass zwei Punkte zeitgleich passieren. Die Figur Schaller kommt wieder ins Dorf zurück, die personifizierte Schuld aus den alten Tagen, der Mann, dem man den Tod von Erik Kessler an den Haken hängt. Der alte ungelöste Fluch der Nachwendezeit steht in Form dieses Mannes wieder im Raum. Am selben Tag taucht die Frau der Zukunft auf, die Windmühlenvertreterin – im Roman ist es ja ein Mann. Also Vergangenheit als Trauma versus Zukunft als Versprechen! Am Ende ist es dann wie nach einer Unwetterkatastrophe.

Schauspieler Charly Hübner mit rtv-Redakteurin Katharina Montada

Angeregtes Gespräch zu einem tollen Film: Schauspieler Charly Hübner mit rtv-Redakteurin Katharina Montada

"Das ist sowas wie das perfekte Spiel"

Sind tragische Ereignisse manchmal notwendig, um zu erkennen, dass es einen solchen Neuanfang braucht?

Charly Hübner: In einer ausgewogenen Gesellschaft geht es auch ohne.

Kommen wir zum Schauspielerischen zurück. Was sind die Pläne für 2020?

Charly Hübner: Ich drehe gerade die Serie “Hausen” für Sky, die kommt im Herbst. Dann habe ich mit Matti einen Film für’s Zweite gemacht “Verhör in der Nacht” mit Sophie von Kessel. Und Jan Georg Schütte und ich machen mit ein paar Kollegen wieder einen Improfilm.

Haben Sie an diesen Filmen Gefallen gefunden?

Charly Hübner: Jaaa. Weiter geht’s.

Was ist das Besondere an diesen Improfilmen?

Charly Hübner: Das Feld ist offener, was ich sehr genieße, weil du das Spiel viel mehr beeinflussen kannst.

Wie denn?

Charly Hübner: Es stellt sich immer die Frage, wie bekommst du eine Dramaturgie komplett manipuliert, dass am Ende ein Film entsteht, der eigentlich gar keine Dramaturgie hat, also keinen Plot oder keine Story und trotzdem spannend ist. Das ist sowas wie das perfekte Spiel.

Inwiefern?

Charly Hübner: So wie wenn man Kinder beim Spielen auf dem Spielplatz beobachtet. Nach einer Stunde ertappt man sich dabei, dass man schon eine Stunde lang zuguckt, was die da eigentlich machen. Das ist das Tolle am Improvisieren. Das gelingt nicht immer. Aber das macht total Laune.

Wie läuft so ein Drehtag denn ab?

Charly Hübner: In Schüttes Kopf muss das aussehen wie der Schaltplan vom Hauptbahnhof von London. Er entscheidet, wem er wann welches Signal wofür gibt. Ich selber habe eine Idee, was in einer Szene sein könnte, welche Kollegen mir begegnen. Ich nehme mir auch für jeden Kollegen etwas vor. Und dann geh ich da so rein. Dann ist das wie im Leben. Anja Kling hat in “Klassentreffen” nicht damit gerechnet, dass sie von hinten vollgekotzt wird, aber ich wusste, dass das passiert (lacht).

Welche Projekte stehen denn sonst noch an?

Charly Hübner: Ich mache mit Studio Braun wieder ein Theaterstück in Hamburg. Dann mache ich mit Frank Castorf ein Theaterstück, auch in Hamburg. “Polizeirufe” werden wieder zwei gedreht. Immer was los.

Gibt es Dinge, die du noch nie gemacht hast, die du aber unbedingt gerne mal machen würdest?

Charly Hübner: Die gibt’s bestimmt, man weiß nur nicht immer wie die dann heißen oder wie das so aussieht. “Hausen” war jetzt auch sowas. So eine Serie habe ich auch noch nicht gemacht. Eine Horrorserie und kein bürgerliches Fernsehformat.

Welche Rollentypen würden Sie gerne noch in Ihr Rollenportfolio aufnehmen?

Charly Hübner: Portfolio klingt ja wie Messebau. Als Spieler freue ich mich doch, wenn eine Superrolle von einer Superregie mir angeboten wird und ich dann nur ja sagen kann, weil es das Brot ist, was ich Spieler am liebsten verschlinge. Da ist alles vorstellbar!

Die Sendetermine von “Unterleuten”

  • Teil 1: Montag, 9.3.2020 um 20:15
  • Teil 2: Mittwoch, 11.3.2020 um 20:15
  • Teil 3: Donnerstag, 12.3.2020 um 20:15

Hier geht es zu den Interviews mit Miriam Stein und Rosalie Thomass.

| Katharina Montada | 3. März 2020