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Interview mit der Philosophin Dr. Rebekka Reinhard

Interview mit der Philosophin Dr. Rebekka Reinhard

Menschen sind Mängelwesen mit Herz. Warum diese Kombination gerade jetzt so wichtig ist, verrät die Philosophin Rebekka Reinhard im Gespräch mit rtv

"Wir haben Hirn und Herz!"

Philosophin und Bestsellerautorin – Rebekka Reinhard hat zusammengebracht, was vielen unvereinbar schien. Die promovierte Wissenschaftlerin zeigt in ihren Büchern und Vorträgen allgemein verständlich, wie uns die Philosophie heute helfen kann. In ihrem neuen Werk “Wach denken” (Edition Körber, 20 €, erscheint am 28.9.) plädiert sie dafür, in Zeiten, in denen so häufig vereinfacht wird, dem Vieldeutigen, Widersprüchlichen wieder Raum zu geben, der Lust am Spiel, am Ausprobieren, am Wagemut …

Frau Reinhard, Ihr neues Buch heißt “Wach denken”. Ein schöner Doppelsinn … Aber lechzt die Welt nicht nach dem Gegenteil: nach simplen Begriffen und eindeutigen Erklärungen, nach einfachen Lösungen, nach Trump und Bolsonaro, die von der Mehrheit der Menschen gewählt wurden? 

Rebekka Reinhard: Das ist eine sehr berechtigte und naheliegende Frage. Man könnte sich fragen: Was will Frau Reinhard mit dieser Ambivalenz-Freudigkeit? Was will sie damit, das Wache gegen das Dumpfe zu stellen, wenn doch so viele von vereindeutigenden “Entweder – Oder”-Gedanken narkotisiert sind: entweder Problem oder Lösung, entweder Erfolg oder Scheitern, entweder echt oder Fake, entweder Mann oder Frau. 

Aber ich denke, da ist eine Chance. Sie zeigt sich im 5. Kapitel, wo es um den “Thrill des Lebens” geht, die Angstlust. “Angstlust” ist die dominierende Stimmung unserer Zeit, und ich glaube, bewusst oder unbewusst spüren wir das alle. Angstlust ist per se zweideutig. Einerseits machen uns die Massen von Katastrophenmeldungen und Breaking News Angst, auf der anderen Seite erleben wir die Ereignisse auch wieder als spannend – ein bisschen wie im Kino.

Alles kommt ja durch die Medien zu uns. Ich meine, die Chance zum wachen Denken besteht dann, wenn wir uns nicht mehr von dieser Angstlust lähmen lassen, sondern sie aktiv nehmen als das, was sie auch ist: der “Thrill” unseres Lebens, den wir brauchen, um unser Dasein mutig zu gestalten. 

Das wäre also der Anreiz, sich dem Mehrdeutigen, dem Fragen, dem Probieren zu öffnen? 

Rebekka Reinhard: Ganz genau. Auch der leidenschaftlichste Verschwörungsgläubige wird sich fragen: In welcher Welt möchte ich leben? Welche Welt will ich meinen Kindern hinterlassen? Es geht jetzt um mehr als nur um die eigene Komfortzone, die Bequemlichkeit. Es geht auch darum, eine Verantwortung zu erkennen für die Menschheit. Es geht auch darum, Mensch zu sein und zu bleiben in dieser Zeit. Und das hat viel mehr mit “mehrdeutig” als mit “eindeutig” zu tun. 

Die aktuelle Einseitigkeit im Denken hat, wie Sie schreiben, Ähnlichkeit mit der Funktionsweise digitaler Systeme: 1 oder 0, Entweder – Oder … Die digitale Welt hat ja aber auch riesige Vorteile – müssen wir da nicht zwangsläufig die Nachteile in Kauf nehmen? 

Rebekka Reinhard: Mein Buch ist nicht digitalisierungsfeindlich! Wir sehen gerade in Corona-Zeiten, wie wichtig die Digitalisierung ist. Ich meine nur, dass das Problem im System liegt: 0 oder 1 – Computer ticken binär. Ich fürchte, dass wir uns durch den ständigen Umgang etwa mit Algorithmen selbst eine Computerdenke, eine Computerlogik angewöhnt haben, dieses Entweder – Oder, als gäbe es kein Drittes oder Viertes oder Fünfhundertachtundsiebzigstes … Auf Dauer wird uns binäres Denken nicht weiterbringen – um im modernen Effizienz-Jargon zu bleiben … 

Worin ist der Mensch besser als der Computer? 

Rebekka Reinhard: Der Mensch ist ein Mängelwesen, das aber sehr viele liebevolle Seiten hat, das vor allem ein Herz hat. Computer haben ein sehr großes Hirn, das wir ihnen gegeben haben. Aber wir haben ein Hirn und ein Herz! 

Computer sind schneller … 

Rebekka Reinhard: Ja – “schnell” ist das neue “schlau”. Aber diese Schnelligkeit macht uns einsam, sie drängt uns in unsere jeweiligen Filterblasen, es entfernt uns von den Menschen, von der Liebe und von dem, was uns wirklich wichtig ist.

Hilft uns die Kunst dabei, wieder dahin zu kommen? 

Rebekka Reinhard: Menschen, die in irgendeiner Form künstlerisch arbeiten, sehen das Chaos der Welt als Rohmaterial an, aus dem der Impetus kommt, eine Form zu schaffen. Diese Haltung kann uns dabei helfen, uns selbst immer wieder neu zu verwandeln. Und sie bringt eine Leichtigkeit mit sich, ein Schweben über den Dingen – eine unverkrampfte Gestaltungslust. 

Ein typisches Gegenstück dieser Leichtigkeit ist, wie Sie schreiben, der “männliche Erfolgsheroismus”… 

Rebekka Reinhard: Richtig. Wir leben in einer Erfolgsgesellschaft. Erfolg ist heute wichtiger als Leistung. Stets muss ich meine Leistung in Zahlen beweisen. Und Zahl gleich Geld. Ich muss mir immer wieder neue Ziele setzen, ich muss mich positionieren. Und das hat etwas sehr Heroisches. Ziel – und Sieg. Wir sehen das gerade in Corona-Zeiten. Alle müssen sich neu erfinden und sagen: Haha, ist ja gar nicht so schlimm, ich komm` da supererfolgreich wieder raus. Und das hat etwas Männlich-Heroisches – schon aus historischen Gründen, weil es traditionell eben die Männer waren, die sich den ökonomischen Erfolg eingeheimst haben. 

In diesem Zusammenhang fällt mir das Thema Volkswagen/Dieselbetrug ein. Ist dieses Desaster ein Ergebnis dieses verkrampften “Erfolgsheroismus”? Wäre das nicht passiert, wenn da mehr Mut zum Mangel gewesen wäre? 

Rebekka Reinhard: Eine sehr, sehr wichtige Frage. Ich möchte selbstbewusst und ein bisschen selbstironisch behaupten: Wenn die Vorstände damals die Thesen meines Buchs gekannt und danach gehandelt hätten, dann wäre das Risiko zumindest sehr viel geringer gewesen. 

Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb ich das Buch geschrieben habe. Der Zustand der deutschen Wirtschaft … alle reden von Innovation, alle wollen, sollen, müssen ins “Valley”, aber trotzdem sind wir wie erstarrt. Wir reden von VUKA-Welt, aber wir LEBEN es nicht. Ich glaube, dass wir mit einer Haltung, wie ich sie mit diesem Buch transportieren möchte – das Experimentieren, die Leichtigkeit – sehr viel in der Wirtschaft, Gesellschaft und Politik bewirken könnten.

Gemeinsam zum Systemwechsel

Würden Frauen das besser machen? Immerhin haben Sie Ihr Buch den Frauen gewidmet … 

Rebekka Reinhard: Frauen in Führungspositionen sind nicht immer die besseren Leader, die besseren Menschen, haben nicht immer die bessere Moral. Sie eignen sich oft genug den männlichen Erfolgsheroismus an. Nein: Der Grund, weshalb ich das Buch den Frauen gewidmet habe, ist, dass ich dieses Buch, das ja gar nicht explizit mit Frauenthemen zu tun hat – und das ist wieder paradox oder ambivalent oder absurd – eben doch auch als feministisches Buch verstanden wissen möchte. Die Botschaft: Es ist Zeit, dass Frauen in ihrer jeweiligen Expertise anerkannt werden – gerade bei Themen, die nichts mit Frauen zu tun haben. Ich möchte allen Frauen Mut machen, den Mund aufzumachen, zu zeigen und zu erleben, was sie bewirken können. 

Sind Frauen nicht per se resistenter gegen die “Verblödung der Vernunft”? 

Rebekka Reinhard: Nein. Das sage ich gar nicht. Wir sind alle verführbar, und da gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. 

Bietet uns die Corona-Situation in dieser Hinsicht auch Chancen? 

Rebekka Reinhard: Absolut. Die Chance von Corona ist, dass wir gemeinsam einen Systemwechsel vollziehen. 

Sie schreiben, Ihr Buch soll eine “Befreiungsaktion” starten. Das ist erfrischend selbstbewusst … 

Rebekka Reinhard: Das stimmt. Ohne Selbstbewusstsein kommt man auch nicht weiter. Das habe ich in meinem langen Leben gelernt. (lacht) Das ist auch eine Erfahrung aus acht Jahren in der Psychiatrie und fünf Jahren in der Onkologie als Konsiliarphilosophin. Wenn ich da nicht gesagt hätte: “Es ist wichtig, dass wir die Philosophie auch zu den stationären Patienten bringen, ich kann dazu etwas beitragen!”, dann wäre ich nicht weit gekommen. 

Wir brauchen also in der Krise nicht nur Mehrwertsteuersenkung und Kurzarbeit, sondern auch mehr Philosophie? 

Rebekka Reinhard: Eine sehr wichtige Frage! Auch da würde ich sagen: Ja und nein. Derzeit werden viele Philosophen gefragt, wie wir das “Problem” Krise “lösen” sollen. Ich meine, dass wir NICHT mehr Philosophen brauchen, die meinen, sie hätten qua akademischer Ausbildung mehr zu Corona zu sagen. Haben sie nicht! Weil sie nicht mehr Ahnung haben vom Leben. Philosophischen Expertise kann man nicht mit größerer Lebensnähe gleichsetzen. 

Auf der anderen Seite: Ja, wir brauchen mehr Philosophen in diesen Zeiten, wenn wir die Möglichkeit haben wollen zur inneren Umkehr, zum Innehalten. Wenn wir uns die Zeit nehmen, uns zu fragen “Wie wollen wir leben, wie soll es weitergehen?”, dann wäre es eine gute Option, sich von der Philosophie inspirieren zu lassen. Um sich dann zu fragen, wie man SELBST diese Fragen beantworten würde. Die Philosophie soll mehr als sokratische Stechfliege fungieren … 

Was würde uns denn Sokrates jetzt raten? 

Rebekka Reinhard: Er würde raten: “Ich weiß, dass ich nichts weiß.” Das verleiht uns Demut – idealerweise für einen Neuanfang. 

Wird die Welt nach Corona eine Welt mit mehr Philosophie sein? 

Rebekka Reinhard: Was mein Traum ist: dass wir ein “Beides” haben, ein “Sowohl als auch”. Dass wir eine Verbindung kriegen zwischen Praxis und Theorie, zwischen Philosophie und dem reinen Leben mit all seinen Unvollkommenheiten. Wir haben die Situation, dass die Welt der akademischen Philosophie total abgeschottet ist, während sich die Welt in alle möglichen und unmöglichen Richtungen weiterentwickelt hat. Wir brauchen da dringend einen Dialog!

"Es geht um die Verbindung"

Mit Ihren Büchern haben Sie diese Verbindung ja hergestellt, haben Philosophie in die Reihenhäuser und Vorstandsetagen gebracht. Sind Sie darauf stolz? 

Rebekka Reinhard: Stolz ist der falsche Begriff. Ich finde es einfach spannend, die Chance zu haben, so viele unterschiedliche Leute kennenzulernen und wenn die Philosophie im Gespräch mit ihnen eine wichtige Rolle spielen kann. Das verbindet. Es geht um die Verbindung. 

Haben Sie mir Ihrer Art der “Popularisierung” der Philosophie in der Welt der akademischen Philosophie an Reputation eingebüßt? 

Rebekka Reinhard: Auch das ist eine sehr gute Frage. Seit ich 2001 promoviert habe, hat sich viel verändert. Die typische Reaktion der akademischen Philosophie auf die Popularisierung der Philosophie reicht immer noch von Gleichgültigkeit bis hin zur Verachtung. Aber: Auch die akademischen Philosophen merken immer mehr, dass sie eine größere Rolle spielen sollten in der wirklichen Welt. Und so streben auch sie zunehmend nach einer Popularisierung. Markus Gabriel etwa ist ein international hochrenommierter akademischer Philosoph. Aber auch er weiß: Er muss sich neu erfinden. Und zwar mit populären Sachbüchern. 

Wie gehen Sie persönlich mit Vorurteilen um, die unterstellen, dass Philosophen männlich, alt und hässlich sein müssen? 

Rebekka Reinhard: Früher hab ich sehr darunter gelitten, auch in Diskussionen, Workshops und Seminaren. Wenn da oft sehr aggressiv vom männlichen Publikum gekontert wurde, habe ich das als Affront und Beleidigung empfunden. Mittlerweile genieße ich das. Ich nehme das als Kompliment. Ich ermutige regelmäßig junge Frauen, auch die, die sich fürs Philosophiestudium entscheiden: Seid anders! Macht Euren Mund auf! Wir brauchen viele Stimmen! Wenn ich angegriffen werde, zeigt mir das heute, dass ich ernst genommen werde. (lacht)

Mein schlauer “Weisheiten”-Tageskalender hat mir kürzlich dies vermittelt: “Man kann nur Philosoph werden, nicht es sein. Sobald man es zu sein glaubt, hört man auf, es zu werden.” (Schlegel). Wo verorten Sie sich zwischen “Philosophin sein” und “Philosophin werden”? 

Rebekka Reinhard: (lacht) Das ist wieder eine sehr, sehr gute Frage! Ich bin Philosophin, wenn ich mich positionieren und vermarkten will. Aber ich werde Philosophin, wenn ich mir selbst treu bleiben will. Genau so ist es! Ich weiß, dass ich nichts weiß. “Echte” Philosophen erkenne ich daran, dass sie eine Demutshaltung hat gegenüber der Wahrheit und eine nie abreißende Ehrfurcht gegenüber dem, was Philosophie eigentlich den Anspruch hat zu tun: uns zu helfen, ein gutes Leben zu führen, die Welt etwas klüger und, in einem inneren Sinn, reicher zu verlassen, als man sie betreten hat.

| Matthias Roth | 29. September 2020