Startseite » Interviews » Interview mit Dieter Kehler
Startseite » Interviews » Interview mit Dieter Kehler

Interview mit Dieter Kehler

Interview mit Dieter Kehler

“Mit 17 hat man noch Träume” hieß Dieter Kehlers erster Fernsehfilm. Inzwischen ist der Berliner Regisseur 70 Jahre alt, hat Kultserien wie “Drei Damen vom Grill” inszeniert, “Das Traumschiff”, “Tatort” – und vor allem: zahlreiche Rosamunde-Pilcher-Filme. Wir haben mit ihm gesprochen. 

Herr Kehler, vor kurzem (am 26.2.2019) ist Rosamunde Pilcher verstorben. Sie haben bei zahlreichen Verfilmungen ihrer Bücher Regie geführt und kannten die Autorin persönlich. Was für ein Mensch war sie?

Dieter Kehler: Ich habe mehr als 35 Rosamunde-Pilcher-Filme inszeniert und dabei Rose, wie ihre Freunde und Familie Rosamunde Pilcher nennen, kennengelernt und es hat sich daraus eine Freundschaft entwickelt, die ich nicht missen möchte. Ich schätze ihren Humor, ihren Charme, ihr Können, ihren Familiensinn und ihre Bodenständigkeit. Sie bezaubert eigentlich jeden, der sie kennenlernte.

Wie schwer wiegt der Verlust in der Fernsehlandschaft?

Dieter Kehler: Mit Rosamunde Pilcher geht eine Epoche zu Ende, die Deutschland und England sehr verbunden hat, im Positiven wie im Negativen. Ihr Werk wird aber weiterhin Bestand haben. Ihre Vision und ihr Traum von einer heilen Welt, scheint mir heute wieder an Bedeutung zu gewinnen. Wahrscheinlich werden moderne Märchen, wie Rose sie schrieb, noch gefragter werden – denn unsere politische Realität auf der ganzen Welt sieht ja zur Zeit nicht so rosig aus.

Wie sehr ist Ihnen Cornwall bzw. Südwestengland ans Herz gewachsen?

Dieter Kehler: Die Südwestküste Englands – also Cornwall, Devonshire, Somerset, Dorset kenne ich seit meiner frühsten Jugend. Als Schüler, später als Student habe ich dort bei befreundeten Familien meiner Eltern alle Ferien verbracht, meinen ersten Kuss und die erste Liebe erlebt… und English Walz tanzen gelernt. So ist mir die Südwestküste Englands nicht nur durch meine mehr als 35 Pilcherfime ans Herz gewachsen: Sie gehört mit ihrem milden Klima und ihrer exotischen Flora zu den schönsten Landstrichen Europas.

Gibt es eine Art Pilcher-Lieblingsschauspieler/in für Sie?

Dieter Kehler: Ein klares NEIN, habe ich nicht. Als Regisseur ist für mich jeder gute und talentierte Schauspieler/in mein Favorit und ich versuche seine Fähigkeiten durch meine Regie zu optimieren. Das gilt übrigens für alle Schauspieler/innen, auch die weniger Begabten. Persönliche Sympathien oder Antipathien versuche ich jedenfalls meinem Berufsleben fernzuhalten.

Auch “Die drei Damen vom Grill” haben Sie ins Fernsehen gebracht. Welche Erinnerungen haben Sie an Brigitte Mira, Günter Pfitzmann oder Harald Juhnke?

Dieter Kehler: Die urberliner, damals noch westberliner Kultserie “Die drei Damen vom Grill” mit Pfitze, Harald Juhnke und Brigitte Mira war ein Hit und ein Straßenfeger zu ihrer Zeit: Fabelhafte Schauspieler, allesamt Publikumslieblinge, witzige Bücher und Dialoge. Nur die besten Erinnerungen verbinden sich mit den Damen vom Grill und natürlich mit ihren Herren. Mit Harald Juhnke und Brigitte Mira habe ich dann noch viele Filme gedreht, u.a. “Kasse, bitte”, “Zwei alte Hasen” (mit Heinz Schubert).

Sie sind auch einer der “Gründungsväter” der “Rosenheim Cops”. Stimmt es, dass Sie Marisa Burger als Frau Stockl besetzt haben? Obwohl, die Rolle war ja eigentlich schon vergeben …

Dieter Kehler: Sie haben recht, “Die Rosenheim-Cops” habe ich als Regisseur mit aus der Taufe gehoben. Als ich das Angebot bekam, habe ich sofort zugesagt. Mir gefiel diese Idee einer witzigen, bayerischen Krimiserie mit dem Urgestein Josef Hannesschläger vom Alpenvorland und dem schicken Münchner “Schnösel”  Markus Böker, der als sein Kontrahent nach Rosenheim versetzt wird. Die Rolle der Sekretärin Frau Stockl war bereits mit der wunderbaren Karo Guthke besetzt, die aber kein bayerisches Idiom hatte, was ich jedoch in dieser Rolle für absolut unabdingbar hielt. Karo Guthke hatte das sofort verstanden und eingesehen. Die Produktion arrangierte ein neues Casting und ich stieß sehr schnell auf Marisa Burger, von deren Charme, Humor und richtigen Mundart ich nach den ersten Probeaufnahmen fest überzeugt war.

Im Nachhinein ein Glücksgriff, oder?

Dieter Kehler: Es war die richtige Entscheidung und in Anbetracht der drängenden Zeit ein absoluter Glücksfall! Marisa Burger ist noch heute die Seele der Rosenheim-Cops. Darauf bin ich stolz.

Sie haben sehr viel fürs Fernsehen, aber auch fürs Theater gearbeitet. Gibt es Lieblings-Inszenierungen?

Dieter Kehler: Eigentlich sind meine Lieblingsinszenierungen immer gerade die, an denen ich  z.Z. arbeite. Aber um Ihnen ein paar Titel zu nennen: “Der Gartenkrieg”, eine Satire nach dem Drehbuch des Isländers Marteinnn Thorisson, die Spezialausgabe Traumschiff 40: “Las Vegas” und “Herzflimmern” nach dem Roman von Barbara Wood, in L.A. gedreht mit Maria Furtwängler oder auch mein Tatort “Finale am Rothenbaum” etc. Für das Theater waren u.a. “Treppauf, treppab” an den Hamburger Kammerspielen mit Wolfgang Völz, Evelyn Hamann und Lutz Mackenzy, “Revanche” mit Thomas Fritsch und Werner Schumacher und das Musical “Marlene” mit Heidi Brühl in der Titelrolle meine Favoriten, um auch hier nur einige zu erwähnen.

Was sehen Sie sich selbst heute noch im Fernsehen an?

Dieter Kehler: Ich schaue mir beruflich natürlich die neusten TV Produktionen an. Viele davon sind hervorragend gemacht, mit erstklassigen Schauspielern besetzt und von internationaler Qualität wie z.B. “Babylon Berlin” oder das Dokudrama “Kaisersturz” im ZDF mit der wunderbaren Sunnyi Melles .

Und wie oft gehen Sie ins Theater?

Dieter Kehler: Ins Theater gehe ich gerne und regelmäßig und bereite gerade eine neue Theater-Inszenierung vor, ebenso für das Fernsehen einen neuen Film.

Sie sind gerade 70 geworden, ein passendes Alter für die Rente…?

Dieter Kehler: Man sagt ja die 70er sind das neue 50! Und wissen Sie was, es stimmt, wenn man das Glück und die Gnade geschenkt bekommen hat, gesund und munter zu sein. Man fühlt sich wie 50, nur etwas reifer … und weiser, oder?

Was glauben Sie, wie lange wird es das lineare Fernsehen überhaupt noch geben?

Dieter Kehler: Fernsehen wird ein fester Bestand unseres Lebens und unserer Freizeit bleiben, ebenso wie Kino und Theater. Die Erscheinungsform und die Sehgewohnheiten werden sich aber weiterhin verändern, wie es durch YouTube, Netflix, Amazon, Sky, Mediatheken usw. immer stärker passiert. Das lineare Fernsehen wird durch “Video-on-demand” abgelöst. Dann ist alles, jeder Zeit und an jedem Ort abrufbar und ansehbar! Gehen wir goldenen Zeiten entgegen…? Ich kann mir gut vorstellen, dass es für Menschen, die Strukturiertheit im Leben suchen, wichtig ist zu wissen, dass die Tagesschau jeden Abend um 20 Uhr in der ARD Uhr läuft. Linear …

Interview: Andreas Herden

| rtv Redaktion | 11. Juli 2019