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Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen

Interview mit Dr. Eckart von Hirschhausen

"Homo sapiens und andere Rindviecher"

Kein Arzt kann besser moderieren als er, kein Moderator hat mehr medizinische Kenntnisse. Aber Eckart von Hirschhausen ist mehr als ein gebildeter Entertainer. Vehement setzt er sich ein für die Zukunft dieses Planeten. Unter anderem bei “Entwicklung wirkt”, einer Initiative verschiedener Hilfsorganisationen, die Armut und Krankheiten als Folge des Klimawandels bekämpft.

Herr Doktor, wie krank ist unsere Erde?

Eckart von Hirschhausen: Die Erde hat Fieber, und das Fieber steigt. Sie gehört auf die Intensivstation. Sie hat “Multiorganversagen”, wenn man die Symptome zusammenzählt, und das ist ein echter Notfall.

Die Lunge im Amazonas wird abgefackelt für unseren Fleischkonsum, die Meere sind verstopft mit Plastik und können bald keine Wärme mehr aufnehmen, das “ewige Eis” schmilzt schneller als erwartet.

Wenn man darüber noch lachen könnte, könnte man sagen die Erde hat eine schwere Infektion mit Homo sapiens und anderen Rindviechern. Die Erde braucht uns nicht. Wir brauchen die Erde! Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten.

Was kann jeder tun, um dem Patienten zu helfen?

Eckart von Hirschhausen: Politischer werden! Die Veränderungen, die anstehen, brauchen neue verbindliche Rahmenbedingungen für alle. Klar kann ich als einzelner weniger Fleisch essen, weniger Fliegen und mehr Radfahren. Aber ich kann als einzelner keine neuen Hochgeschwindigkeits-Bahnstrecken bauen, keine Kohlekraftwerke stilllegen und C02-Preise festlegen.

Die Menschen in Deutschland sind meiner Meinung nach im Kopf schon viel weiter als die Politik. Und hierzulande nicht schnellstens 100% erneuerbare Energie einzuführen ist eine Beleidigung der Intelligenz unserer Ingenieure. Und eine Gefährdung aller Menschen.

Denn Klimakrise macht krank. Das Verbrennen von Kohle, Diesel und Benzin belastet nicht nur die Atmosphäre, sondern auch massiv die Atemwege. Deshalb engagiere ich mich ja auch als Arzt für das Thema.

Jetzt mal ehrlich: Wo fällt Ihnen das CO2 Sparen schwer/worauf verzichten Sie besonders ungern?

Eckart von Hirschhausen: Käse! Ich kann gut auf Fleisch verzichten, aber ein guter Parmesan hat leider auch einen hohen CO2 Abdruck. Eine Studie hat gezeigt, dass Menschen sich beim Lebensmittelkauf anders entscheiden, wenn sie wissen, wie viel Kohlendioxid dort drinsteckt.

Wenn ich eine Fleischsuppe statt einer Gemüsesuppe kaufen will, die aber eine zehnmal schlechtere CO2-Bilanz hat, überlege ich mir noch mal, ob sie wirklich zehnmal so gut schmeckt. Ansonsten habe ich eine Bahncard 100, beziehe Ökostrom und fahre wo ich kann mit dem Rad. Das ist gesünder für mich – und den Planeten. Ein echtes Win-Win.

"Die Welt ist globaler geworden"

Bei welcher Aktion haben Sie diese Woche am meisten CO2 verbraucht, und wie machen Sie das wett?

Eckart von Hirschhausen: Leider bei einem Flug. Für jeden meiner Flüge mache ich aber konsequent einen CO2-Ausgleich. Ich bin auch Botschafter von Atmosfair. Ich fände es wichtig, dass man bei Suchmaschinen, wenn man einen billigen Urlaubsflug sucht, neben der Kostenaufstellung noch eine CO2-Angabe bekommt. Wenn ich sehe, dass ein Flug bei gleichem Preis eine höhere Bilanz hat, wäre es ein gutes Kriterium, den zu nehmen, der weniger schadet.

Wo steht klimafreundlich drauf, ist aber nicht klimafreundlich drin?

Eckart von Hirschhausen: Beim Klimakabinett.

Klimawandel betrifft uns alle – wo sind die Auswirkungen in Deutschland am schlimmsten?

Eckart von Hirschhausen: Dass die Hitze schlimmer wird, hat schon jetzt konkrete Folgen. Ältere Leute sterben, weil sie den Kreislaufbelastungen nicht standhalten können. Da die Winter milder und kürzer werden, werden auch Allergien wie Heuschnupfen viel extremer.

Dann werden sich Infektionskrankheiten verschlimmern und auch nach Deutschland kommen. West-Nil-Fieber, Malaria, Dengue-Fieber oder Gelbfieber zum Beispiel. Es leben jetzt schon asiatische Tiger-Mücken in Baden-Württemberg, die solche Erreger übertragen können. Die Welt ist globaler geworden.

©WDR/Ben Knabe

Welche Auswirkungen hat die Klimakrise heute in anderen Teilen der Welt?

Eckart von Hirschhausen: Über den Film, den ich für “Brot für die Welt” und die Initiative “Entwicklung wirkt!” gedreht habe, lernte ich Catherine Mwangi aus Kenia kennen. Sie erzählte mir, wie besonders der Wassermangel sich verschärft. Und daran hängen natürlich ganz viel lebenswichtige Dinge: Trinken, Kochen, Essen und Hygiene.

Wenn die Temperaturen weiter steigen wie bisher, werden viele Menschen ihre Heimat verlassen müssen und das birgt viel Konfliktstoff. Deshalb ist Entwicklungsarbeit auch Friedensarbeit. Und es ist unglaublich wichtig, dass wir Entwicklungsarbeit weiter unterstützen und Menschen in der Welt dabei helfen mit den Folgen der Klimakrise effektiv umzugehen.

Kann das Medium Fernsehen dazu beitragen, das Bewusstsein der Menschen im Sinne einer lebenswerten Zukunft zu verändern?

Eckart von Hirschhausen: Ja – seit 1969. Was war denn die entscheidende Botschaft der Mondlandung? Die Gesteinsproben? Die Teflonpfanne? Nein – der Blick vom Mond zurück auf die Erde, auf den blauen Planeten. Der einzige Ort im kalten und lebensfeindlichen Universum mit Wasser, Sauerstoff und Schokolade!

Klimaschutz ist wohl eine Existenzfrage für den homo sapiens. Schaffen wir Menschen das?

Eckart von Hirschhausen: Das entscheidet sich die nächsten 10 Jahre, ob die Erde bewohnbar bleibt. Bei der Frage muss ich intensiv an meine Begegnung mit Jane Goodall denken, die ich für ein Interview beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis getroffen habe.

Diese Dame von über 80 Jahren ist eine der charismatischsten Menschen, denen ich je begegnet bin. Sie ging als junge Frau in den Dschungel und revolutionierte unser Bewusstsein für Menschenaffen.

Sie stellte mir eine Frage, die genau in diese Richtung geht: Wenn der Mensch die intelligenteste Art auf dem Planeten ist – warum zerstört er dann sein eigenes Zuhause?

Politiker wie Donald Trump oder Parteien wie die AfD leugnen den Klimawandel. Verzweifelt man da manchmal?

Eckart von Hirschhausen: Diesen Gefallen sollten wir keinem der gefährlichen Populisten tun. Sicher wären wir heute schon weiter, wenn rechtmäßig Al Gore Präsident geworden wäre. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich behalte meinen Humor und habe in meinem Bühnenprogramm “Endlich!” auf Tour jeden Abend Menschen vor mir, die sich auch auf ernstere Themen einlassen.

Ich durfte vor 270.000 Menschen am globalen Klimastreik vor dem Brandenburger Tor sprechen zusammen mit den “Fridays” und den “Scientists for Future”. Die ganze Fanmeile voller Fans der Erde, die zum Teil sehr witzige Plakate dabeihatten: “Klima ist wie Bier – wenn es zu warm wird ist es Scheiße!”

Wenn ich sehe, was allein im letzten Jahr in Deutschland alles passiert ist, gibt mir das Hoffnung. Es braucht jetzt keine Panik, sondern Priorität. Keinen Generationenkonflikt, sondern einen Konsens: Wir können es schaffen – aber nur gemeinsam.

| Matthias Roth | 8. Januar 2020