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Interview mit Günther Jauch

Interview mit Günther Jauch

"Man will wissen, wie viel man weiß"

Zum Jubiläum von “Wer wird Millionär” am 3. Juni haben wir mit RTL-Quiz-Koryphäe Günther Jauch gesprochen. Über seinen Erfolg, dessen Grenzen, über Spinner und darüber, wann Schluss ist. Diese Woche ist die 1500. Ausgabe der Quizshow zu sehen. Wie viel Anteil hat Günther Jauch daran, dass das simple Quiz so erfolgreich wurde?

Glückwunsch, Herr Jauch, zu 1500 Ausgaben von „Wer wird Millionär“. Dass die Sendung so erfolgreich ist, ist das Verdienst des Moderators zu … A) … 20 % B) … 50% C) … 77,3 % oder D) … 100%?

Günther Jauch: Sie sollten die Bedeutung eines Moderators nicht überschätzen. Aber auch nicht seine Bescheidenheit. Deshalb könnten wir uns auf 50% einigen.

Hans Rosenthal schreibt in seiner Autobiographie, dass er nach dem Krieg dem RIAS vorschlug, die US-Quizsendung „Twenty Questions“ in die deutschen Medien zu übertragen, und dafür „Stirnrunzeln“ erntete. Über 70 Jahre später ist Quiz der Renner. Warum?

Günther Jauch: Weil es einige Urbedürfnisse des Menschen erfüllt: Man will wissen, wieviel man weiß. Das funktioniert am besten, wenn man sich mit anderen messen kann. Bei “Wer wird Millionär” kommt der Reiz des Millionengewinns dazu. Das gute Gefühl als Zuschauer, wenn der Professor die Märchenfrage nicht beantworten kann, die für das 6-jährige Enkelkind kein Problem ist. Und das wichtigste: Man sollte niemals den Unterhaltungswert sogenannter „normaler“ Menschen unterschätzen.

Welche Frage/Antwort hat Sie in den 1500 Sendungen am meisten überrascht?

Günther Jauch: Oh, das waren zu viele überraschende Fragen oder Antworten. Eigentlich werde ich in jeder Sendung zum Staunen gebracht.

Und welcher prominente Kandidat? Womit?

Günther Jauch: Oliver Pocher war der erste Prominente, der die Million gewonnen hat. Damit hatte wohl niemand gerechnet. Eine arbeitslose Hausfrau war die zweite DM-Millionärin, der keiner diesen Gewinn zugetraut hätte. Hape Kerkeling als Horst Schlämmer hat einfach den Moderatorenstuhl geentert und mich zum Kandidaten gemacht. Und und und …

"Gottes großer Zoo"

„Wer wird Millionär“ läuft seit über 20 Jahren, mit demselben Konzept und demselben Moderator. Wie konnte das in unserer schnelllebigen Zeit passieren? 

Günther Jauch: Das müssen Sie die Zuschauer fragen. 22 Jahre sind für eine Unterhaltungssendung tatsächlich ein methusalemisches Alter. Aber “Wer wird Millionär” macht es einem auch leicht. Sie können 10 Minuten zu spät einschalten und sind trotzdem sofort im Thema. Sie können auch mal rausgehen, und eine halbe Stunde später sitzt dann eben ein neuer Kandidat oder immer noch dasselbe Nervenbündel. Da schaut man gern zu. Vielleicht auch aus dem Grund, den meine Schwiegermutter mal so beschrieb: „Bei Dir läuft wirklich Gottes großer Zoo auf“. 

Hatten Sie in dieser langen Zeit mal keine Lust mehr?

Günther Jauch: Nein, niemals. Natürlich gibt es Sendungen und Kandidaten, wo es sich zieht. Dann ärgere ich mich auch über mich, dass ich entweder zu nachsichtig war oder jemanden unter Umständen „ins Verderben“ geführt habe. Aber das Potenzial der Sendung ist im Prinzip unerschöpflich, weil das Reservoir an Kandidaten unendlich ist.

Millionen TV-Zuschauer können sich ein Leben ohne „Wer wird Millionär“ und den Moderator Jauch nicht mehr vorstellen. Sie können sie sicher beruhigen und hier versprechen, dass Sie nie, nie, nie damit aufhören. Oder?

Günther Jauch: Aber natürlich werde ich irgendwann mit der Sendung aufhören. Niemand lebt ewig, und die Friedhöfe sind voll von angeblich unersetzlichen Menschen. Ich hoffe, dass ich selbst spüre, wann es genug ist, und nicht gewaltsam aus dem Studio getragen werden muss. Aber im Moment macht die Sendung sowohl den Zuschauern als auch dem Sender Freude, und auch ich gehe immer sehr frohgemut in jede neue Ausgabe. Insofern ist für mich, Stand heute, kein Ende abzusehen.

Radio wirkt. In den 80ern habe ich nicht wenige Vorlesungen an der Uni geschwänzt, weil ich die Moderationsübergabe der „B3 Radioshow“ von Thomas Gottschalk auf Sie nicht versäumen wollte. Reizt es Sie manchmal, zum Radio zurückzukehren?

Günther Jauch: Ich hoffe, dass Sie dadurch nicht Ihren Uni-Abschluss verpasst haben! Was das Radio angeht: Ich habe das Glück, auf so viele und schöne Momente zurückzusehen.  Live aus dem Alabama, die Jugendsendung im Bayerischen Fernsehen, Das Aktuelle Sportstudio im ZDF, Stern TV, die Champions-League, Skispringen und der Polittalk in der ARD. Das Radio war sicher meine erste große Liebe. Aber wie im richtigen Leben: Man kehrt wirklich nur in Ausnahmefällen zu ihr zurück.

Ihnen gelingt alles: Radio, Quiz, Talk, Show, Magazin, Winzer, zudem „beliebtester Deutscher“. Sind Sie sich manchmal selbst unheimlich? 

Günther Jauch: Nein, das bin ich mir wirklich nicht. Weil ich nämlich weiß, wie schrecklich viel mir nicht gelingt und dass das auf der anderen Seite auch in Ordnung ist. Meine Erfahrung ist: Es gibt keine perfekten Menschen, denen alles gelingt. Zum Glück, denn diese Art der Perfektion wäre eigentlich unmenschlich und mir persönlich auch unheimlich.

Wie kommen Sie mit der Kehrseite des Ruhms zurecht, etwa den massiven Anfeindungen wegen Ihres Engagements für die Impfkampagne der Regierung? 

Günther Jauch: Das kratzt mich nur wenig. Ich glaube zu wissen, dass die Zahl der Spinner und Gestörten nicht größer ist als früher. Aber die Möglichkeiten, dass sich solche – es sind ja keine Quer-, sondern eher Nichtdenker – öffentlich Gehör verschaffen können, sind durch die Digitalisierung ins Unendliche gewachsen. Damit muss man leben, und das schaffe ich insgesamt ganz gut.

Sie machen ja, nicht nur bei „Denn Sie wissen nicht, was passiert“, manchen Quatsch mit. Was würden Sie vor der Kamera nie tun?

Günther Jauch: Das ist eine gute Frage, über die ich noch gar nicht näher nachgedacht habe. Da muss jeder seinen eigenen Kompass entwickeln. Einerseits wollen wir gerne alles über Menschen wissen und freuen uns, wenn sie möglichst „authentisch“ rüberkommen. Aber jeder Mensch sollte seine Abgründe – und die hat jeder – für sich behalten. Wirklich große Persönlichkeiten sind eigentlich immer etwas geheimnisumwoben. Der gläserne Mensch wird auf die Dauer ob seiner Durchsichtigkeit auch irgendwann langweilig.

Was ist Ihr größter Wunsch für die Zukunft? 

Günther Jauch: Kurzfristig für uns alle: Dass wir die Folgen dieses elenden Virus endlich hinter uns lassen. Langfristig für mich persönlich: Dass ich endlich mal etwas gelassener werde.

Sendetermin “Wer wird Millionär”-Jubiläum

  • Donnerstag, 3.6., 20:15 Uhr, RTL: Die vier Stunden lange Jubiläumsendung Nr. 1.500 “Wer wird Millionär”
  • Die Sendung kann im Anschluss auch bei “TV Now” angesehen werden. 
| Matthias Roth | 26. Mai 2021