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Interview mit Idil Üner

Interview mit Idil Üner

"Mein Metier ist die Kunst"

Seit 1993 spielt Idil Üner Fernseh- und Kinorollen. Bekannt wurde die gebürtige Berlinerin unter anderem durch Fatih Akins “Im Juli” und Thomas Arslans “Dealer”. Sie führt auch Regie, singt und inszeniert für die Bühne. Mit dem Film “Nachtschicht – Blut und Eisen” tritt sie nun die Nachfolge von Barbara Auer an. Am Montag, den 29. März, ist der neue Film von Regisseur und Drehbuchautor Lars Becker im ZDF zu sehen.

Frau Üner, Sie sind oft in Kriminalfilmen und -serien zu sehen. Wie lange mussten Sie überlegen, als man Ihnen die Rolle für “Nachtschicht” anbot?

Idil Üner: Ich habe die Rolle nicht direkt angeboten bekommen, sondern war klassisch beim Casting. Dort haben sie auch alle weiteren Neuzugänge wie zum Beispiel Sabrina Ceesay gecastet. Aber dass ich überhaupt ein Angebot dafür bekommen habe, war natürlich super. Ich kenne Lars Becker schon seit Mitte der 90er-Jahre und wollte schon lange ‘mal mit ihm zusammenarbeiten. Außerdem ist “Nachtschicht” eine besondere Reihe für mich – von den Geschichten, von den Leuten, die mitmachen, aber auch vom Look.

Wie verlief Ihr Einstieg in das Team von “Nachtschicht”? Half es Ihnen, dass sie nicht der einzige Neuzugang waren?

Idil Üner: Ich wusste ehrlich gesagt anfangs gar nicht, dass noch jemand neu dazukommt. Mir war nur klar, dass ein Ersatz für Barbara Auer gesucht wird. Aber ich fand das toll, weil Sabrina Ceesay eine ganz hervorragende Schauspielerin und eine sehr nette Person ist. Auch Lars Becker und Armin Rohde sind supercool und eingespielt – ich wurde wirklich ganz herzlich empfangen.

Sie spielen die Kommissarin Tülay Yildirim. Wäre ein Job im Kriminaldauerdienst auch im echten Leben etwas für Sie?

Idil Üner: In der Nacht schon mal gar nicht. (lacht) Ich bin zwar nicht besonders ängstlich oder zimperlich, aber so hart gesotten bin ich nun auch wieder nicht. Mein Metier ist die Kunst, und diese Richtung habe ich auch bewusst eingeschlagen.

"Wenn man will, findet man immer einen Sündenbock"

Inhaltlich geht es um einen rechtsextremen und seit Monaten arbeitslosen Koch, der ankündigt, den Chef eines Burger Restaurants umzubringen, falls ihn dieser nicht einstellt. Was können wir aus diesem Film für den Umgang mit Rechtsextremisten lernen?

Idil Üner: Das ist eine schwierige Frage. Wenn man einmal die Gesinnung komplett beiseitelegt, kann man ja sogar Verständnis dafür aufbringen, dass jemand frustriert ist, wenn er monatelang keinen Job bekommt. Aber eine Ideologie auf “komischen” Herkunfts- und Rassenverständnissen aufzubauen und auch bereit dazu zu sein, sie gegen Menschen, die man hasst, auszuüben, ist vollkommen inakzeptabel. Egal gegen welche Minderheit es geht. Wenn mal will, findet man immer einen Sündenbock oder Feind. Das hat dann aber mehr mit einem selbst zu tun als mit der Gruppe, gegen die es sich richtet. 

Wie sollte man damit umgehen? 

Idil Üner: Indem man versucht, diese Leute zu erreichen und die Gesellschaft so gestaltet, dass alle daran teilhaben und mitgestalten können. Damit sie einen Sinn darin finden, Teil der Gesellschaft zu sein. Und es ist natürlich auch wichtig, Zeichen zu setzen und diese Vergehen streng zu ahnden: Um zu zeigen, dass Gewalt gegen Minderheiten in allen Institutionen, die es gibt, nicht erlaubt ist, weil es gegen die Demokratie und unsere Grundwerte verstößt.

“Nachtschicht” hat dezidiert gesellschaftskritische Ansätze. Auch in “Blut und Eisen” gibt es deutliche Hinweise auf Verbesserungsfähiges in Deutschland. Wie sehr freut es Sie, wenn Künstler in ihren Filmen Stellung beziehen?

Idil Üner: Das ist sehr wichtig – aber nicht nur im Filmbusiness. Dass es Künstler gibt, die kritisch sind, liegt ja in der Natur der Sache. Sich künstlerisch mit etwas auseinanderzusetzen, bedeutet ja schon fast, kritisch zu sein. Es wäre wünschenswert, dass aber auch Menschen aus vielen anderen Bereichen so präsent Stellung beziehen.

"Da muss sich was ändern"

Wie war die Zusammenarbeit mit “Nachtschicht”-Urgestein Armin Rohde?

Idil Üner: Super! Wir haben uns schon beim Casting gut verstanden. Armin Rohde ist ein Schauspiel-Schwergewicht, von dem man nur profitieren kann. Da muss man sich selbst gar nicht so viele Gedanken machen, wie man es am besten macht, sondern lässt sich einfach darauf ein. Er ist ein offener Typ und hat Sabrina Ceesay und mich herzlich aufgenommen.

Wie hat die Corona-Pandemie die Dreharbeiten beeinflusst? Gab es Komplikationen?

Idil Üner: Zum Glück nicht. Da die Kunstbranche maximale Flexibilität sowieso gewohnt ist, wussten wir mit den Veränderungen umzugehen. Wir haben sofort Hygienemaßnahmen erarbeitet und angewandt: von Hygienebeauftragten am Set über regelmäßige Tests bis hin zur ständigen Desinfektion von Toilettenhäuschen. Natürlich hat das Tragen einer Maske manche auch genervt, aber die Freude darüber, zu drehen, zu arbeiten und weiter Kunst zu machen, hat absolut überwogen.

Was wünschen Sie sich für die Zeit nach der Pandemie? Haben Sie schon etwas vor?

Idil Üner: Ich freue mich zum Beispiel darauf, wenn Menschen ihre Läden wieder eröffnen und damit der Existenznot entrinnen können. Aber ich versuche auch ein bisschen das große Ganze zu sehen: Wie behandeln wir Menschen uns als Gesellschaft selbst? Und was lehrt uns diese Zeit für den Umgang mit der Natur? Da muss sich grundsätzlich etwas ändern. Ich persönlich versuche noch bewusster mit mir und der Umwelt umzugehen und zu schauen, was nötig und was überflüssig ist.

"Seitdem gibt es einen anderen Blick auf mich"

Der Film “Kurz und schmerzlos” von Fatih Akin wird 2021 in einer restaurierten Fassung noch einmal in die Kinos kommen. War dieser Film für Sie der persönliche Durchbruch?

Idil Üner: Das kann ich selbst gar nicht so gut beurteilen. “Kurz und schmerzlos” haben wir 1997 angefangen zu drehen, meinen ersten Film schon 1993 – einen Tatort mit Günter Lamprecht, wo ich auch eine Hauptrolle gespielt habe. Aber da “Kurz und schmerzlos” so für Furore gesorgt hat, gibt es seitdem einen anderen Blick auf mich. Auch heute noch bin ich so stark mit diesem Film verbandelt, dass man ihn doch meinen Durchbruch nennen könnte.

Auch auf der Theaterbühne sind Sie – das erste Mal seit 10 Jahren wieder – aktiv: Aktuell proben Sie für das Stück “Blick von der Brücke”. Worum geht es darin?

Idil Üner: “Blick von der Brücke” ist ein Stück von Arthur Miller, das im New York der 1950er-Jahre spielt. Es geht um eine Familie, die Nachkommen italienischer Einwanderer sind: Eddie und seine Frau Beatrice ziehen Catherine, die Tochter von Beatrices verstorbener Schwester groß. Als zwei illegal eingewanderte Verwandte bei den Dreien einziehen, verliebt sich ihre Nichte Catherine in einen der beiden Neuankömmlinge, was Eddie auf die Palme bringt. Das schaukelt sich so lange hoch, bis einer stirbt. Davon handelt das Original – wir haben natürlich eine Umsetzung in die heutige Zeit erarbeitet. Das Datum der Premiere steht noch nicht fest.

Sie sind ebenfalls Regisseurin von Theaterstücken. Wann werden wir wieder ein Stück aus Ihrer Feder sehen?

Idil Üner: Da stehe ich mit dem Thalia Theater in Hamburg im Gespräch. Die Idee ist es, im dortigen Ballsaal ein Stück anzubieten mit Liedern, Musik, Gesang und Geschichten. Wir tauschen uns gerade aus, ob ich auch was Kleines einrichte. Aktuell ist es für den Herbst dieses Jahres geplant – als Teil eines ein- bis zweiwöchigen Festivals. Wenn es – aufgrund der Pandemie weiß das leider noch niemand – realisiert werden würde, wäre es meine nächste kleine Regiearbeit. Da würde ich mich sehr darüber freuen.

| Steffen Rothhaupt | 17. März 2021