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Interview mit Ina Weisse

Interview mit Ina Weisse

“Der Anfang von etwas” (3. Oktober, 20:15 Uhr ZDF) ist die dritte Siegfried-Lenz-Verflmung, in der Ina Weisse eine der Hauptrollen spielt. Wir haben mit der Schauspielerin über den Film und den 2014 verstorbenen Autor gesprochen.

"Siegfried Lenz erzählt mit großer Menschlichkeit"

Frau Weisse, in “Der Anfang von etwas” spielen Sie die Witwe eines Mannes, der vermeintlich bei einem Schiffsunglück stirbt und dann plötzlich wieder auftaucht. Wie fühlt sie sich?

Ina Weisse: In ihren Augen ist sie mitverantwortlich für seinen Tod. Sie fühlt sich schuldig. Sie hat versucht, eine Rechtfertigung für ihr damaliges Handeln zu finden. Aber der Kampf mit dem Gewissen belastet sie. Wenn sie ihren Mann bei der Trauerfeier plötzlich sieht, weiß sie erst nicht, ob es sich nicht um ein Trugbild handelt, ausgelöst durch das Gefühlschaos, in dem sie sich befindet.

Eine extreme Situation. Wie nah lässt man so eine Rolle an sich heran?

Ina Weisse:So nah wie möglich. Aber trotzdem bleibt es immer nur ein Versuch der Annäherung an die Figur.

Der Ehemann war stets aggressiv, eifersüchtig und gewalttätig, warum stellt sie sich trotzdem schützend vor ihn?

Ina Weisse:Weil sie innerlich zerrissen ist, ambivalent. Sie fühlt sich nicht nur mit verantwortlich dafür, dass ihr Mann umgekommen ist, sondern auch dafür, dass die Gewalt eskaliert ist. Sie glaubt,  sie ist mitschuldig.

Welche Rolle spielt die Erzählung von Siegfried Lenz im Film?

Ina Weisse: Man kann immer nur hoffen, dass man es schafft, der Atmosphäre seiner Geschichten gerecht zu werden. Da es sich hier um eine Kurzgeschichte handelt, mussten Erzählstränge dazu erfunden werden. Bei Siegfried Lenz geht es um große Themen, um Verrat, Auflehnung, Freundschaft und – wie in unserer Geschichte – um Schuld. Er erzählt mit großer Menschlichkeit und Wärme. Er ist seinen Figuren sehr zugewandt und versucht, sie mit Zuneigung verständlich zu machen.

Es ist ja auch nicht ihre erste Lenz-Verfilmung – sind Sie Fan?

Ina Weisse: Ich schätze ihn sehr. Einmal habe ich ihn kennengelernt, nachdem er ‘Die Flut ist pünktlich’ bei der Premiere in Hamburg gesehen hat. Die Wärme, die man in den Geschichten spürt, hatte er auch als Mensch.

War er mit der filmischen Umsetzung denn zufrieden?

Ina Weisse: Er hat gesagt, er sei ‘sehr einverstanden’. Einverstanden, dass Menschen einen anderen Blick auf die Geschichten haben, als er selbst.

©rtv

Ina Weisse (rechts) traf rtv-Mitarbeiterin Katharina Montada zum Gespräch

Was bedeutet „Neuanfang“ für Sie?

Ina Weisse: Es fällt mir schwer, an den Neuanfang zu glauben.

Warum?

Ina Weisse: Ich denke, es ist eher ein Weitermachen mit einer vielleicht neuen Perspektive. Neuanfang hört sich natürlich schön an, aber die Figur der Anne im Film bleibt ja doch dieselbe Person.

Was ist es dann, wonach die Figuren im Film streben?

Ina Weisse: Ihr Mann fährt zur See, sie blickt auf das Meer. Hier löst sich der Titel des Films ein. Es ist die Wunschvorstellung, dass die Erinnerung an ihren Mann vielleicht verblassen wird und Anne ein anderes Leben beginnt. Es ist schwer, Abschied zu nehmen, deshalb glaube ich eher, es ist ein offenes Ende.

Das ist aber eine sehr pessimistische Sicht …

Ina Weisse: Eher realistisch (lacht).

Der Film heißt “Der Anfang von etwas” – Wofür steht “etwas”?

Ina Weisse: Der Film beginnt dort, wo die Kurzgeschichte aufhört. In der Kurzgeschichte ist die Hauptfigur der Mann. Er beschließt, nachdem sein Schiff untergegangen ist und seine Frau annehmen muss, dass er tot ist, ein anderes Leben anzufangen. Es bleibt ein Rätsel.

Sie sind auch Regisseurin. Worauf können wir uns in nächster Zeit freuen?

Ina Weisse: Ich habe letztes Jahr einen Film gemacht, in dem Nina Hoss die Hauptrolle spielt – ‘Das Vorspiel – l´audition’. Es ist eine deutsch-französische Koproduktion, die jetzt im Oktober in Frankreich und im Januar in Deutschland ins Kino kommt. Im Zentrum der Geschichte steht eine Geigenlehrerin, die gegen den Willen anderer Lehrer einen Schüler aufnimmt, sich für ihn einsetzt, und deren Leben aus der Bahn gerät.

| Katharina Montada | 24. September 2019