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Interview mit Ingo Lenßen

Interview mit Ingo Lenßen

Anlässlich der TV-Show “Lenßen live” sprachen wir mit Anwalt und TV-Rechtsexperte Ingo Lenßen, der mit unseren Gerichten hart ins Gericht geht.

Herr Lenßen, Ihr neues Buch trägt den Titel “Ungerechtigkeit im Namen des Volkes”. Sprechen deutsche Gerichte ungerechte Urteile?

Ingo Lenßen: Ja, das tun sie. Aber ungerecht sind nicht nur die Urteile, die die Täter benachteiligen oder gar Unschuldige verurteilen. Es sind auch Urteile, die die Opfer benachteiligen, die für die Täter zu milde sind.

In Ihrem Buch stellen Sie die Opfer mehr in den Mittelpunkt als die Täter. Ungewöhnlich für einen Strafverteidiger …

Ingo Lenßen: Tue ich das? Es ist doch wichtig, dass Urteile, die im Namen des Volkes gesprochen werden, auch das Rechtsempfinden der Bevölkerung widerspiegeln. Nun sind in den letzten Jahren einige Urteile gefällt worden, bei denen die Opferinteressen nicht gerade im Vordergrund standen, ich erinnere an den Autoraser-Fall von Berlin. Ich glaube, hier sind die Opferinteressen sogar zu kurz gekommen.

Es gibt so etwas wie eine “gefühlte Gerechtigkeit”. Die verhängten Urteile werden dieser nicht immer gerecht. Wie wichtig ist eine gefühlsfreie Urteilsfindung?

Ingo Lenßen: Ich würde lieber mit einem abstrahierten Urteilsbegriff arbeiten. Richter dürfen nicht gefühlskalt sein, sie haben Emotionen zu verarbeiten, aber sie haben ihre Urteile ohne eine eigene Betroffenheit zu finden.

Können sich Gerichte von Gedanken an mögliche Reaktionen auf facebook und Co. frei machen?

Ingo Lenßen: Es sind nicht nur die sozialen Medien, es sind Medien aller Couleur, die Stimmung machen, teils sogar sehr undifferenziert. Davon können Richter sich nicht immer frei machen.

Ihr Buch referiert viele Fälle aus der Praxis. Wie wichtig ist Praxisbezug beim Thema Gerechtigkeit? 

Ingo Lenßen: Gerechtigkeit beschäftigt uns täglich, kleine Auseinandersetzungen mit Kindern, Freunden, Partnern – überall fällt einer ein Urteil über einen anderen. Deshalb muss Gerechtigkeit gelebt werden, ohne Praxisbezug ist sie im Koma.

Ihr neues Buch liest sich manchmal wie ein Krimi. Absicht oder unvermeidbar? 

Ingo Lenßen: Unvermeidbar. Das Leben ist spannend und faszinierend, ebenso die juristischen Ausreißer, und das sind die Verbrechen oder die Justizverfahren, die ich schildere.

Wen soll Ihr Buch ansprechen?

Ingo Lenßen: All die, die glauben, unsere Justiz wäre abgehoben und man könne sie nicht verstehen. Für die will ich nicht nur Urteile erklären, sondern auch den Weg dorthin.

Haben Sie eigentlich schon mal darüber nachgedacht, mit Ihrem Background literarisch zu schreiben? Ein Herr von Schirach ist damit ja nicht ganz unerfolgreich …

Ingo Lenßen: Und das macht doch Ferdinand von Schirach so außergewöhnlich gut, dass es keiner Ergänzung bedarf.

rtv-Interview: Matthias Roth

| rtv Redaktion | 11. Juli 2019