Interviews » Interview mit “ZDF Wetter”-Team-Leitung Katja Horneffer
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Interview mit “ZDF Wetter”-Team-Leitung Katja Horneffer

Interview mit “ZDF Wetter”-Team-Leitung Katja Horneffer

Katja Horneffer ist seit über 20 Jahren im ZDF für das Wetter zuständig. Seit 2020 leitet sie das dortige Wetterteam und ist unter anderem in den Sendungen „heute“ und „heute-journal“ zu sehen. Beim Gespräch mit ihr wird schnell klar: Die Göttingerin machte ihre Leidenschaft zum Beruf!

Frau Horneffer, haben Sie eigentlich schon als Schulkind mit besonderen Augen auf das Wetter geschaut? 

Katja Horneffer: Wir haben in der 3. Klasse mal eine Wetterbeobachtung gemacht, aber das hat mich nur so mäßig interessiert. Das war ganz nett, aber ich war in der Schule sowieso recht umfänglich interessiert und es hat mich nicht mehr interessiert als andere Sachen. In den Ferien waren wir aber immer in den Alpen unterwegs und da hat mich das Wetter wirklich gepackt: Wenn Sie dort ein Gewitter erleben und Sie sehen, wie die Blitze von der Wolke zu den Gipfeln zucken. Das kracht dann ganz anders, weil Sie Echoeffekte haben. 

Außerdem hat mich fasziniert, wie schnell sich das Wetter in den Alpen ändern kann. Auch dass man, wenn man hoch genug hinausgeht, selbst im Sommer noch Schneeballschlachten machen kann. Das fand ich alles großartig. Trotzdem bin ich keine Meteorologin, die bereits mit fünf Jahren akribisch Wetterbeobachtung betrieben hat.

Wann haben Sie sich entschieden, das Wetter zu Ihrem Beruf zu machen? 

Katja Horneffer: Das ist eine lustige Geschichte: Gegen Ende der Schullaufbahn kam natürlich die Frage auf, was ich denn machen wolle, wenn ich fertig bin. Ich fand diese Frage immer etwas lästig, weil ich mich überhaupt nicht entscheiden konnte. Sprachen und Reisen machten mir Spaß und ich dachte erst daran, Französisch zu studieren oder Dolmetscherin zu werden. Allerdings bin ich nicht bilingual aufgewachsen und sah dann relativ wenige Chancen. 

Durch einen Zufall – meine Tante war Buchhändlerin – habe ich ein Buch gelesen. Da ging es um einen Meteorologen, der Radiosondenaufstiege durchgeführt hat. Das sind Messgeräte, die die Atmosphäre durchmessen und diese Aufstiege erfolgen häufig mit großen bunten Luftballons. Das hat mich fasziniert! Sich vorzustellen, beruflich Luftballons steigen lassen zu dürfen! Und weil ich das so grandios fand, sagte ich fortan, dass ich Meteorologin werden wolle. Nach meinem Abitur habe ich dann einfach mal mit Meteorologie angefangen, weil mir auch Naturwissenschaften immer Spaß gemacht haben. Seitdem bin ich dabeigeblieben.

"Trockene und dürre Sommer werden wir häufiger haben"

Sie wohnen in Bensheim, einem 40.000 Einwohner Ort in Hessen. Dort kennt Sie wahrscheinlich jeder. Werden Sie beim Bäcker öfter mal gefragt, wie denn das Wetter am Wochenende wird?

Katja Horneffer: Um ehrlich zu sein, hat da die Pandemie große Vorteile. Seitdem wir mit Masken herumlaufen, werde ich nicht mehr so oft angesprochen. Früher kam das aber tatsächlich häufiger vor. Meistens sind die Fragen aber eher verhalten. Manchmal kam zwar tatsächlich die Frage, wie denn das Wetter werde – aber mit einem verschämten Lächeln und nicht wirklich ernst gemeint. Die Leute wissen einfach, dass das Wetter mein Thema ist, wollen die Prognose an sich aber gar nicht wirklich wissen. 

So wie man sich auch sonst bei einem Small Talk über das Wetter unterhält. Dass man mich wirklich konkret fragt, kommt eher dann vor, wenn ich schon halbwegs eine Verbindung habe. Beispielsweise fragte mich ein Lehrer meines Sohnes, ob wir denn das Sportfest stattfinden lassen können und ich empfahl, es lieber abzusagen. Das kommt natürlich vor, aber da ist auch ein persönlicher Bezug dabei. 

Der Klimawandel sorgt für immer extremere Wetterlagen. Oder täuscht das? 

Katja Horneffer: Dieser Sommer ist eigentlich, abgesehen von der Flutkatastrophe, ein ganz normaler mitteleuropäischer Sommer. Die Tiefs wechseln sich in lockerer Folge ab. Das eine Tief in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen war aber besonders ausdauernd und wir beobachten tatsächlich, dass so etwas häufiger passiert. Das hängt mit dem Jet, dem Starkwindband in etwa 10 Kilometer Höhe, zusammen. 

Dieser sorgt prinzipiell dafür, dass wir abwechslungsreiches Wetter haben. Manchmal bildet der Jet aber auch große Schlingen, wir nennen es “mäandrieren”. Das sorgt dafür, dass Hochs und Tiefs für längere Zeit über einem Ort verharren. Genau so etwas ist Mitte Juli passiert, was zu enormen Regenmengen auf einem relativ engen Raum geführt hat.

Das Fatale daran war, dass es eine Mittelgebirgsregion wie die Eifel bzw. das Ahrtal getroffen hat und nicht Norddeutschland. Hätten wir dieselben Regenmengen im Flachland gehabt, wäre da gar nicht viel passiert. Das war ein unglücklicher Zufall, dass es gerade dort passiert ist. 

Hinter uns liegt ein eher enttäuschender Sommer. Zudem gab es Hitzewellen hier, Flutkatastrophen da. Müssen wir uns an diese Wetterkapriolen gewöhnen? 

Katja Horneffer: Dass wir diesen Sommer als “schlecht” empfinden, liegt vor allem daran, dass wir uns an die letzten drei Sommer erinnern, die sehr trocken und sehr dürr waren. Das war eigentlich das Ungewöhnliche. Wir werden das in Zukunft häufiger habe, dass wir solch trockene und dürre Sommer haben, aber drei Dürresommer in Folge waren schon sehr ungewöhnlich. Deswegen kommt der Sommer 2021 so vielen Menschen besonders durchwachsen und regnerisch vor. 

Um auf Ihre Frage zurückzukommen. Ja, mit Extremwettern müssen wir in Zukunft häufiger rechnen. Das hat damit zu tun, dass der Jet häufiger als noch vor 50-60 Jahren solche Schlingen macht. Und das liegt wohl daran, dass die Arktis immer wärmer wird. Wenn dort das Eis schmilzt, haben wir mehr offenen Ozean und wir sehen mehr dunkles Wasser. Dadurch nimmt der Luftdruckunterschied zwischen dem Pol und den Subtropen immer mehr ab. 

Wenn dieser Unterschied abnimmt, weiß der Jet nicht mehr so genau, wo er entlang ziehen soll. Denn dieser ist flankiert von den Tiefs auf unserer Welt und ist so etwas wie eine Leitplanke für unsere Tiefdruckgebiete. Und wenn der Jet ins Schlingern kommt, wissen auch die Tiefs nicht mehr, wo sie hinziehen sollen, und bleiben länger an Ort und Stelle. Das führt zu extremen Wetterlagen.

"Wetter ist nicht nur einfach ein Small-Talk-Thema"

Wird die Verantwortung der Wetterdienste, vor diesen Katastrophen rechtzeitig zu warnen, immer belastender? 

Katja Horneffer: Es wird vor allem immer wichtiger, dass wir vernünftig warnen. Die Situation Mitte Juli konnten wir beispielsweise fünf bis sechs Tage vorher absehen. Wir wussten, dass es sowohl enorme Hitze als auch kräftige Unwetter und extreme Regenmengen geben wird. Und unser Augenmerk liegt natürlich immer auf diesen Extremen. Das ist das Wichtige am Wetterbericht. Ob uns das beängstigen muss? Nein, gar nicht. Wir sollten uns nur bewusst werden, dass das Wetter nicht nur einfach ein Small-Talk-Thema ist, sondern so viele Gefahren birgt. 

Deswegen ist es wichtig, sich auch über seinen eigenen Wohnort genauer zu informieren. Wenn wir sagen, dass viel Regen fällt, muss jeder und jede Einzelne nachdenken, was das für einen selbst bedeuten kann: “Wohne ich nah an einem kleinen Fluss? Kann er vielleicht statt 70 Zentimetern plötzlich 7 Meter führen? Ist dann mein Haus noch sicher? Sollte ich von Anfang an schon die oberen Stockwerke aufsuchen? Wo kann ich mich da informieren?” Sich über solche Dinge zu informieren, die man nur lokal wissen kann, ist die Aufgabe eines jeden und einer jeden Einzelnen heutzutage. 

Sie sind seit über 20 Jahren im ZDF für das Wetter zuständig. Arbeiten Sie außer mit dem Deutschen Wetterdeinst auch mit anderen Wetterdiensten zusammen? 

Katja Horneffer: Ja natürlich! Allein schon für unsere Wettermodelle, um eine Wetterprognose zu machen. Dafür nehme ich amerikanische, britische, niederländische und viele weitere Wettermodelle. Das ist der Unterschied zu einer App, die immer nur genau ein Modell als Grundlage hat. Das ist eben auch ein Teil unseres Jobs, dass wir uns eben ganz viele verschiedene Wettermodelle anschauen und sehen, was machen die denn als Prognose für den nächsten Tag. Und das kann häufig sehr differieren. Da geht es dann nicht nur darum, dass die einen sagen, dass es um 10 Uhr regnet und bei den anderen um 11 Uhr. 

Manchmal sieht es auch komplett anders aus: Das eine Modell prognostiziert heftigste Gewitter und das andere gar keine. Da müssen wir dann vergleichen und uns letztendlich entscheiden. Da hilft dann auch die Erfahrung und es ist von Vorteil zu wissen, bei welchem Modell welche Vorhersage besonders zuverlässig ist. Bei bestimmten Wetterlagen wissen wir dann, dass dieses oder jenes Modell besonders gut ist. Es gibt auch Modelle, bei denen man immer ein bis zwei Grad dazurechnen muss.

"Ich mag es sehr warm und sehr sonnig"

Die Wetterkarte ist für Sie wahrscheinlich spannender als für einen Laien, aber würden Sie nicht auch mal gerne Sport ansagen oder eine Show moderieren? 

Katja Horneffer: Ich gucke sehr gerne über meinen eigenen Tellerrand, wie ich beispielsweise schon bei Quizsendungen gezeigt habe. “Montagsmaler” ist mir da zum Beispiel in Erinnerung geblieben, das war wirklich sehr lustig. Ich habe da zusammen mit anderen Meteorologen gegen eine Kindertruppe haushoch verloren. (lacht) Außerdem bin ich ja keine Moderatorin im Sinne von “ich lese nur etwas vor”. Deswegen wäre das Ansagen eines Sportberichts für mich nicht so reizvoll. Eher vielleicht wie gesagt Quizshows, aber lieber in der Rolle derjenigen, die alles weiß, als die, die dort gefragt wird. (lacht)

Aber von meiner Ausbildung her bin ich natürlich Naturwissenschaftlerin. Das andere im Fernsehen ist da nur ein Plus, ein Zusatz. Das, was mir am meisten Spaß macht, ist die Wettererklärung und nicht nur das Vorhersagen des Wetters des nächsten Tages. Da geht es dann um Fragen wie: “Wie funktioniert ein Tornado? Wie entsteht ein Regenbogen? Wie ist das mit dem Golfstrom?” 

Was war das Beste an diesem Sommerwetter 2021? 

Katja Horneffer: Also die Hochwasserkatastrophe war entsetzlich und furchtbar und definitiv das schlimmste an diesem Sommer. Aber gut war, dass es endlich mal wieder keinen Trockenstress gab. Die Pflanzen sind alle noch schön grün. In den vergangenen Jahren haben wir oft schon Mitte Juli braune Blätter gesehen. Die Bäume versuchen, wenn sie in Trockenstress geraten, Wasser zu sparen und deswegen werden die Blätter so schnell braun. Das hatten wir zum Glück diesen Sommer nicht. Für den Grundwasserspiegel, für die Bodenfeuchte, die Tiere und die Natur war dieser wechselhafte Sommer genau das Richtige. Das können wir auf jeden Fall unter positiv verbuchen. 

Mal privat betrachtet: Was ist eigentlich Ihr Lieblingswetter? 

Katja Horneffer: Ich traue es mich fast nicht zu sagen, aber ich mag es sehr warm und sehr sonnig. So 25 bis 30 Grad. Manchmal sage ich auch, dass ich erst ab 30 Grad anfange zu leben, aber das ist natürlich übertrieben. (lacht) Ich friere sehr leicht und deswegen ist es mir angenehm, wenn es schön warm ist.

| Steffen Rothhaupt | 20. September 2021