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Interview mit Klaus Maria Brandauer

Interview mit Klaus Maria Brandauer

"Der Zuschauer ist gefordert."

Im TV-Event “Feinde” (Sonntag, 3.1., 20:15 Uhr im Ersten und auf allen Dritten) nach Ferdinand von Schirach präsentiert sich rtv-Titelstar Klaus Maria Brandauer in Bestform. Im Interview spricht er über Recht und Gerechtigkeit, seine Paraderolle – und Sean Connery.

Als “Hendrik Höfgen” in István Szabós Klaus-Mann-Verfilmung “Mephisto” (1981) wurde Klaus Maria Brandauer zur Legende. Wenn der österreichische Ausnahmedarsteller eine Rolle in einem TV-Film annimmt, dann muss es schon ein besonderer sein. Wie das TV-Experiment “Feinde” nach Ferdinand von Schirach, das einen Entführungsfall aus zwei Perspektiven erzählt – in zwei Filmen. Brandauer spielt den Anwalt Biegler. Der vertritt einen Kindesentführer, dem ein Polizeibeamter Folter angedroht hat, um das Opfer zu retten. 

Herr Brandauer, zwei Filme, zwei unterschiedliche Perspektiven auf einen Fall, im Ersten und in den Dritten. Ein ungewöhnliches Projekt. Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an “Ferdinand von Schirach: Feinde”? 

Der Zuschauer ist an diesem Fernsehabend mehr gefordert, als er das üblicherweise kennt. Er muss sich auf zwei unterschiedliche Perspektiven einlassen und seinen eigenen Standpunkt finden. Das wird ihm ja ansonsten sehr häufig abgenommen, bei uns ist das diesmal nicht so. Ich wünsche mir sehr, dass sich viele darauf einlassen! 

Sie spielen den Anwalt Konrad Biegler, der einen Kindesentführer verteidigt, dessen Geständnis durch Folter erpresst wurde. Was ist Biegler für ein Mensch, und wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet? 

Die Vorbereitung für eine neue Rolle ist immer mein ganzes bisheriges Leben, das war auch in diesem Fall so. Ich kann mich da nicht rausnehmen, in jeder Figur, die ich spiele, muss ich selber auch ein Stück weit vorkommen. Für solche, wie den Biegler, die für ihre Werte einstehen, es aber auch verstehen, zu leben, habe ich große Sympathie. Bei ihm spürt man, was “Lebenskunst” ist.

"Gerechtigkeit kommt von innen."

Biegler ist rhetorisch ungemein stark. In einer Szene reagiert er auf eine Unterbrechung der Staatsanwältin mit einer scharfen Bemerkung: “Wir sind hier in einer Hauptverhandlung und nicht in irgendeiner Talkshow, wo jeder mal was sagen darf. Ich habe jetzt das Fragerecht und Sie schweigen”. Inwieweit führt unser hektischer Mediendiskurs zu einer vorschnellen Meinungsbildung? 

Aus meiner Sicht ist das ein riesengroßes Problem, weil fast alle Dinge komplexer sind, als man sie in neunzig Sekunden für die Nachrichten darstellen kann. Wenn Politiker nur noch um die Deutungshoheit über ein paar Schlagworte konkurrieren und zugleich davon ausgehen müssen, dass ihnen jeder unglücklich formulierte Nebensatz noch Jahre später vorgehalten wird, dann ist das nicht nur ein Medienproblem, sondern ein gesellschaftliches. Das höhlt unsere Demokratie aus. Und wir sind alle mitschuldig, weil wir zu gern immer nur demjenigen glauben, der als Letzter oder am Lautesten gesprochen hat. 

Die beiden Filme stellen unser Bedürfnis nach Gerechtigkeit der Notwendigkeit eines verlässlichen Rechtsrahmens gegenüber. Wie sehen Sie persönlich das Verhältnis zwischen Gerechtigkeit und Recht? 

Gerechtigkeit ist eine Sache des Empfindens, der Intuition, das kommt von innen. Das Recht wird im Außen festgelegt und durchgesetzt. Aber beides ist miteinander verbunden und beeinflusst sich gegenseitig, ob wir das wollen oder nicht. 

Hat sich ihr Blick auf das Verhältnis durch die Arbeit am Projekt verändert? 

Nicht so sehr, wie ich zunächst gedacht hätte. Der Rechtsstaat ist eine große zivilisatorische Errungenschaft und das er funktionieren kann braucht es gewisse Voraussetzungen. Willkür gehört genau nicht dazu – wenn es Regeln gibt, müssen die für alle gleichermaßen gelten, ohne Ausnahme. 

Wie ordnen Sie die Arbeit von Ferdinand von Schirach ein? Ist er mit seinen vielfach verfilmten Werken eine Art “Anwalt des Rechtsstaates”, wie man es auch von ihrer Figur im Film behaupten könnte? 

Er ist ein abwägender Mensch mit einem sehr feinen Gespür für gesellschaftliche Bruchlinien und ein sehr virtuoser Autor, der eine große Sachkenntnis in seine Werke einbringt, sich von dieser aber nicht ausbremsen lässt. Das macht seine Werke so spannend und so relevant.

"Wir hatten eine großartige Zeit miteinander."

Ihre Karriere ist reich an Höhepunkten und Auszeichnungen. Wenn jemand sagen würde, dass der “Mephisto” ihre Paraderolle ist, würden Sie das als Kompliment oder eher als Verengung ihres Schaffens sehen? 

Wenn das jemand sagen würde, dann hätte er Recht. Ich sehe das ganz genauso. Es war mein ganz großes Glück, dass ich diese Rolle damals angeboten bekam. Ich habe sofort zugesagt, noch während des ersten Telefonats, ganz ohne Nachdenken. Der Roman von Klaus Mann stand damals noch auf dem Index und war nicht frei erhältlich. 

Sean Connery ist im Herbst 2019 gestorben. Sie haben im Bond-Film “Sag niemals nie” Connerys Gegenspieler Maximilian Largo gespielt und waren auch im Spionage-Thriller “Das Rußland-Haus” an seiner Seite zu sehen. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Connery? 

Er war ein Mann, auf den man sich verlassen konnte, einer der zu seinem Wort stand. Wir hatten eine großartige Zeit miteinander. Ich wollte ja bei “Sag niemals nie” zunächst gar nicht dabei sein, aber Sean Connery überzeugte mich mit den hochkünstlerischen Argumenten “we will have a lot of fun and get a lot of money”. Damit hatte er Recht und ich bin ihm bis heute dankbar! 

Der 25. Bond-Film “Keine Zeit zu sterben” soll im Frühjahr 2021 in die Kinos kommen. Insofern die Corona-Lage es zulässt, werden Sie ihn sich anschauen? 

Das klingt, wie ein guter Plan. Ich gehe nicht so oft ins Kino, aber James Bond ist immer ein guter Grund. Wobei ich es aber auch mag, irgendwann spät abends beim Zappen in einen alten James Bond zu geraten und mich dann eine Stunde lang von Lotte Lenya oder Gert Fröbe in eine andere Zeit und in eine andere Welt tragen zu lassen. 

Herr Brandauer, wann werden wir wieder das Vergnügen haben, Sie im Kino oder TV zu sehen? 

Ich habe im letzten Jahre mit meinem Freund Istvan Szabo in Ungarn einen neuen Film gedreht, genau 35 Jahre nach “Mephisto”, es waren außer uns beiden auch noch ein paar weitere Kollegen von damals dabei. Wir hoffen alle sehr, dass dieser Film 2021 in die Kinos kommt.

Klaus Maria Brandauer in "Feinde"
| Björn Sommersacher | 29. Dezember 2020