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Interview mit “Kommissarin Lucas” Ulrike Kriener

Interview mit “Kommissarin Lucas” Ulrike Kriener

"Es liegt an uns ..."

Mit „Männer“, Doris Dörries legendärer Kinokomödie, wurde sie berühmt. Ihre Filmografie ist lang und beeindruckend, ihre Preise füllen Regalbretter. Jetzt ist Ulrike Kriener zum 30. Mal als „Kommissarin Lucas“ zu sehen – im Film „Die Unsichtbaren“. Wir haben sie dazu befragt.

„Die Unsichtbaren“ – also ausgebeutete Leiharbeiter aus Osteuropa – sind durch die Coronafälle in der Fleischindustrie plötzlich sehr sichtbar geworden. Da war der Film bereits abgedreht. Nimmt der Film die Wirklichkeit vorweg? 

Ulrike Kriener: Letztendlich ist es ein Zufall, dass unser Film mit dem Thema Leiharbeiter im Baugewerbe zur gleichen Zeit ausgestrahlt wird, in der es jetzt auch in der Fleischindustrie hochgekocht ist. Aber präsent sind die Themen Leiharbeit und Ausbeutung schon lange. Wir alle wissen, wie wenig Geld wir für unser Fleisch bezahlen. Das ist, wie der Einsatz von Werkverträgen im Baugewerbe, keine neue Information. Wir vergessen nur immer wieder, auf wessen Rücken wir unseren Reichtum leben. 

Der Film benennt Missstände – kann er dazu beitragen, sie zu beseitigen?

Ulrike Kriener: Nein, ich glaube nicht, dass ein Film Missstände beseitigen kann. Mit Kunst können wir diese nur benennen und Fragen stellen. Letzten Endes liegt es aber an uns, unserer Empathie und Handlungsbereitschaft, die Missstände auch aus der Welt zu schaffen. 

Wollen Sie mit Ihrer Arbeit auf Missstände hinweisen? 

Ulrike Kriener: Mich interessieren Menschen. Und alles, was sie bereit sind zu tun, um glücklich zu werden. Ihre Motive, ihre Ansprüche, ihre Taten. Und auch Missstände sind letztendlich von Menschen gemacht. Und auch nur von Menschen abzuschaffen.

Im Film hat Tilo Prückner kurze, aber prägnante Auftritte. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?

Ulrike Kriener: Tilo Prückner ist mir einer der liebsten Kollegen in den letzten 18 Jahren geworden und wir haben uns jedes Jahr aufeinander gefreut, wenn „die Lucas“ gedreht wurde. Der Verlust von ihm für die Reihe, aber vor allem von ihm als Menschen ist für mich schrecklich und furchtbar traurig. Er ist unersetzbar.

30 Folgen "Kommissarin Lucas"

Der 30. Fall für „Kommissarin Lucas“ – hätten Sie das gedacht, als es 2003 losging?

Ulrike Kriener: Nein, das habe ich nicht. In den ersten Jahren mussten wir uns mit der Reihe auch immer wieder beweisen. Es waren letztendlich nur die Quoten, die Zuschauer, die entschieden haben, dass es weitergeht. 

Wie hat sich Ihr Verhältnis zur Figur Ellen Lucas verändert?

Ulrike Kriener: Ich habe sie immer lieber gewonnen und versuche ständig, neue Grenzen mit dieser Figur auszuloten. Sie ist  mir mehr und mehr in Fleisch und Blut übergegangen. Ich habe die kantige und etwas schroffe Ellen Lucas richtig gern.

Wie hat sich Ihr Verhältnis zum Drehort Regensburg verändert?

Ulrike Kriener: Regensburg ist wie eine kleine neue Heimat, und ich muss einmal im Jahr hinfahren. Auch privat besuche ich die Stadt mit meiner Familie. Das letzte Mal waren wir übrigens auf dem Christkindlmarkt. 

TV-Polizisten müssen heute weder jung sein noch männlich. Hat Ihre Kommissarin Lucas dazu beigetragen, dass das so ist?

Ulrike Kriener: Keine Ahnung. Auch die alten Zausel, die in München oder Köln für den „Tatort“ ermitteln, sind bei den Zuschauern beliebt. Vielleicht finden die Zuschauer die Lebenserfahrung und Unaufgeregtheit von uns älteren Ermittlerinnen und Ermittlern einfach gut. 

 

Grimmepreis, Deutscher Fernsehpreis, Bayerischer Verdienstorden – kaum ein Preis, den Sie noch nicht haben. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Ulrike Kriener: Ich freue mich darüber und kann gar nicht genug kriegen.

 

Ihre Filmografie ist höchst beeindruckend. Wie wichtig ist in dieser langen Liste „Männer“ – der Urknall deutschen Filmhumors in den 80er-Jahren?

Ulrike Kriener: Wie Sie so schön sagen: „Männer“ war ein Urknall. Der Film hat mir unheimlich viel ermöglicht in meiner Karriere.  

 

Sie spielen im heiteren und ernsten Fach. Was lieber?

Ulrike Kriener: Für mich ist immer die Geschichte entscheidend, in der ich spiele. Ob ernst oder heiter … ist mir im Endeffekt egal. Ich spiele beides gerne.

 

Welche Rollen würden Sie gerne noch spielen?

Ulrike Kriener: Alle, die noch kommen und die mir gefallen!

 

Was steht konkret als nächstes für Sie an?

Ulrike Kriener: Ich drehe im nächsten Jahr den Film, der dieses Jahr wegen Corona nicht gedreht werden konnte. Ein sehr witziger Weihnachtsfilm mit Maren Kroymann. Weiterhin stehe ich für „Kommissarin Lucas“ vor der Kamera, und ich habe ein Angebot für einen ernsten Film, der im Herbst in Berlin gedreht werden soll.

 

| Matthias Roth | 25. August 2020