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Interview mit Marcel Reif

Interview mit Marcel Reif

"Nein, früher war nicht alles besser"

25 Jahre “Doppelpass” (Sonntag, 13.9., 11 Uhr bei Sport1) der DFB-Pokal beginnt, die Bundesliga startet, jede Menge los im Fußballleben des früheren Kommentators Marcel Reif, der jetzt ein Stammtischbruder ist. Ein Gespräch zum Saisonstart

Lieber Marcel Reif, seit 1995 gibt es den “Doppelpass”. Da war die Fußballwelt noch eine andere. Was ist besser, was ist schlechter geworden? 

Marcel Reif: Ältere Herrschaften sagen in der Regel: ‚Früher war alles besser‘. Nein, früher war nicht alles besser. Die Dinge haben sich einfach so entwickelt, wie sie sind. Ich möchte das nicht bewerten. Natürlich ist es kommerzieller geworden und es sind Summen im Spiel, die unvorstellbar sind. Aber so laufen die Dinge nun mal und meiner Meinung nach passiert alles zu seiner Zeit. Mir ist wichtig, dass der Fußball das geblieben ist, was er immer war: die schönste Nebensache der Welt.

Sie haben den Stammtisch früher selbst gern gesehen, manchmal fanden Sie ihn gut, manchmal ist er Ihnen auf den “Keks” gegangen. Was ist Ihr Beitrag, damit die Runde nicht auch anderen auf den Keks geht? 

Marcel Reif: Ich gehe gern dahin, weil ich finde, dass sich über Fußball kräftig streiten lässt. Andere dürfen ihre Meinung dabei genauso äußern wie ich meine. Außerdem muss ich ja nicht immer zustimmen. Ich sage im Doppelpass, was ich wirklich denke, und finde, ich kann mir das erlauben. Wenn das den Leuten nicht auf den Keks geht oder besser noch, wenn es ihnen gefällt und sie unterhält, dann umso besser.

Die Spiele ohne Fans haben den Heimvorteil so gut wie zunichte gemacht. Der aber ist gerade beim DFB-Pokal oft der entscheidende Faktor. Wird die Pokalspielzeit 2020/21 eine ohne typische Pokalsensation, in der ein Kleiner einem Großen ein Bein stellt? 

Marcel Reif: Die Sensationen sind bereits in den vergangenen Jahren zunehmend weniger geworden, weil die Schere so weit auseinandergegangen ist. Der größere Klub ist so viel besser als der kleine, dass selbst mit vielen Zuschauern dieser Nachteil nicht wettzumachen ist. Natürlich gibt es auch immer wieder Situationen, wo Fans ihren Klub als zwölfter Mann zum Sieg schreien. Aber das wird immer seltener – und ich glaube, das liegt nicht nur daran, dass keine Zuschauer im Stadion sind.

Im September startet die neue Bundesliga-Saison. Welcher Mannschaft trauen Sie eine positive Überraschung zu? 

Marcel Reif: Jeder, die sich traut, dem FC Bayern mal mit möglichst breiter Brust zu begegnen. Auf der einen Seite gibt es jede Saison Mannschaften wie Borussia Mönchengladbach, die aus ihren Möglichkeiten alles machen und überraschend weit vorne landen. Und auf der anderen Seite gibt es jede Saison auch die negative Überraschung, dass einer der größeren Klubs sich unten wiederfindet und plötzlich Abstiegskampf führen muss. All das wird es in der neuen Saison wieder geben und ich freue mich darauf.

"Meinung raus und bewerten"

In Ihrem Buch “Nachspielzeit” (das ich mit viel Vergnügen in einem Rutsch gelesen habe, kleine Anmerkung) beklagen Sie, dass viele Kommentatoren oft sehr gestelzt daherreden, nicht mehr einfach mal nur schweigen können und aus Angst vor Shitstorms ein Spiel nicht mehr kommentieren, sondern nur noch beschreiben. Sind Sie froh über Ihre heute viel bequemere Rolle des Stammtischbruders? 

Marcel Reif: Aber selbstverständlich. Trotzdem muss ich sagen, dass ich meinen Job als Kommentator früher auch sehr ernst genommen habe. Für mich hieß kommentieren immer Meinung raus und bewerten. Aber ich möchte hier nicht pauschal über alle Kommentatoren urteilen. Es gibt einfach manche, denen das schwerfällt oder die sich zu viele Sorgen machen, wie denn nun das Echo sein könnte. Da ist es natürlich einfacher, im Nachhinein im Doppelpass klug daherzureden als ein Spiel in Echtzeit zu kommentieren. Wer sich öffentlich äußert, muss allerdings immer davon ausgehen, dass der ein oder andere anderer Meinung ist und das auch kundtut.

Letzte Frage, apropos Bruder: Der “Doppelpass” ist meistens eine reine Männerrunde. Würden Sie sich wünschen, dass mindestens eine Frau an der Runde teilnimmt? 

Marcel Reif: Als Quotenfrau auf keinen Fall. Aber natürlich gibt es Frauen, die sehr viel vom Fußball verstehen und klug darüber sprechen können. Ich unterhalte mich immer gerne mit Frauen über Fußball, wenn sie es mögen. Und wenn sie sich da auskennen, sehr gerne auch im Doppelpass.

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| Andreas Herden | 8. September 2020