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Interview mit Miriam Stein

Interview mit Miriam Stein

Macht und wie man damit umgeht: In der Juli-Zeh-Verfilmung “Unterleuten” spielt Miriam Stein Linda Franzen, eine junge Frau, die das Schicksal eines ganzen Dorfes in ihren Händen zu tragen scheint. Ein Gespräch über Dorfdynamiken, Frauen in Machtpositionen … und im Film.

Ebenfalls im rtv-Interview zum Film: Rosalie Thomass und Charly Hübner!

"So begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe"

Unterleuten ist die Verfilmung eines Juli-Zeh-Romans. Haben Sie das Buch gelesen?

Miriam Stein: Ja, ich habe es damals nicht nur gelesen, sondern regelrecht verschlungen. Ich bin nach wie vor ein großer Fan des Romans. Als ich gehört habe, dass ich Linda Franzen spielen darf, habe ich mich sehr gefreut, weil ich die Rolle auch im Buch sehr mochte.

Was mögen Sie denn an ihr?

Miriam Stein: Ich finde, dass es große Unterschiede zwischen Roman und Film gibt. Es war ein spannendes erstes Treffen mit Matti (Geschonnek), weil seine Sicht auf die Figur eine ganz andere war als meine nach dem Lesen des Romans. Ich habe sie im Buch als nicht so kalkulierend empfunden wie im Film. Im Roman ist sie eine junge, tatkräftige Frau, die viel Energie und Macht hat. Und im Film hatte ich das Gefühl, dass sie schon von Anfang an einen krassen Plan hat und gezielt Leute manipuliert. Das war dann auch spannend zu spielen.

Verändert sich Linda Franzen durch die Macht, die sie hat?

Miriam Stein: Sie gewinnt ihre Macht durch das Wissen um ihr Land. Zu ihrer Verteidigung muss ich aber auch sagen, dass ich glaube, dass sie andere nicht so ausnutzen würde, wenn sie selbst nicht erpresst würde. Linda hat einen klaren Plan. Sie möchte mit ihrem Pferd und den Weiden vor dem Haus leben. Das verfolgt sie ohne Rücksicht auf Verluste. Sie handelt aber auch nicht egoistischer als die anderen. Ich finde es gut, dass sie zu ihrem Freund sagt ‚Warum soll ich hier der Moralapostel sein – jeder arbeitet nur in seinem eigenen Interesse‘.

Ist es ein Vorteil für Linda, dass sie nicht aus Unterleuten kommt?

Miriam Stein: Einerseits ja, weil sie nicht so eingeschränkt denkt, aber ohne Gombrowskis Kontakte im Dorf hätte sie es nicht geschafft. Linda tut es schon leid, dass sie ihn in die Pfanne haut. Ich glaube, sie mag Gombrowski. Die beiden sind sich auch ähnlich.

Auf welche Art und Weise?

Miriam Stein: Beide haben Macht. So begegnen sich zwei Menschen auf Augenhöhe, die eigentlich auch sehr ehrlich miteinander reden. Er will das Beste für den Ort und sie will das Beste für sich. Man spürt eine Art Vater-Tochter-Beziehung. Ich denke Linda ist eine Person, die unheimlich gerne einfach nur geliebt werden will. Aber dann bekommt sie ja voll eins auf den Deckel.

Schauspielerin Miriam Stein mit rtv-Redakteurin Katharina Montada

Interessantes Gespräch zu einem klasse Film: Schauspielerin Miriam Stein mit rtv-Redakteurin Katharina Montada

"Wichtig, dass es eine Frauenfigur gibt, die sich nimmt, was sie will"

Nicht nur für Linda geht das Ganze schlecht aus. Hätte diese katastrophale Entwicklung verhindert werden können?

Miriam Stein: Für Matti war in der Inszenierung klar, dass es einen Zusammenhang zwischen all dem gibt, was sie tut, und zwischen dem, was am Ende passiert. Natürlich hätte alles durch andere Entscheidungen verhindert werden können. Im Nachhinein ist man dann oft klüger.

Glauben Sie, dass Schicksalsschläge dazu beitragen, dass man erkennt, was im Leben wirklich wichtig ist?

Miriam Stein: Ich hoffe für Linda, dass sie merkt, dass sie nicht alles alleine machen kann. Sie ist stark genug das zu tun, aber glücklich wird sie damit nicht. Ich hoffe, sie hat etwas daraus gelernt.

Inwiefern lässt sich eine Dorfdynamik, wie sie in Unterleuten herrscht für Sie als Städterin nachvollziehen?

Miriam Stein: Ich habe tatsächlich während des Drehs entschieden, dass ich auf dem Land wohnen möchte. Viele Kollegen haben gesagt “bist du wahnsinnig – wenn wir diese Geschichte drehen, willst du aufs Land ziehen”. Der Dreh hätte einen ja eigentlich eher davon abgehalten. Man fragt sich “Oh Gott, ist es dort wirklich so schrecklich”, aber Ich liebe und brauche die Natur. Jetzt wohne ich seit Sommer eine Stunde außerhalb von Berlin in einem Dorf.

Wie gefällt Ihnen das Dorfleben bislang?

Miriam Stein: Der Dreh von “Unterleuten” hat mir tatsächlich noch einmal gezeigt, wie viel besser es mir auf dem Land geht und wie wohl ich mich da fühle. Dinge aus der Stadt, von denen man meint, man würde sie vermissen, fehlen mir überhaupt nicht. Ich habe einen total netten Ort gefunden, in dem ganz viele interessante Leute leben. Ich finde es schön, noch mal neu irgendwo anzukommen, weil man sich selbst auch noch mal neu hinterfragen und positionieren kann. Ich habe in der kurzen Zeit eigentlich mehr Freunde gefunden als nach zehn Jahren Berlin. Berlin ist die unverbindlichste Stadt, die man sich vorstellen kann. Und auf dem Dorf musst du ja mit den Leuten klarkommen. Frederick hat im Film recht, wenn er sagt “Das Dorf vergisst nicht”.

Auch Linda zieht von der Stadt aufs Land – konnten Sie sich dadurch besser mit ihr identifizieren?

Miriam Stein: Sie hat den Drang, den ich auch verspürt habe. Raus aus der Drecksstadt, raus auf‘s Land. Ich habe seit ich auf dem Land wohne, wieder begonnen zu reiten. Da musste ich schon schmunzeln. Ich mag Tiere und kann verstehen, dass sie mit einem Tier eine enge Verbindung haben möchte. Die Figur war mir auf eine Art und Weise nah. Beim Lesen des Romans habe ich sie total verstanden und finde es auch toll und wichtig, dass es eine Frauenfigur gibt, die sich einfach nimmt, was sie will. Ich habe mir kurz vorgestellt, wenn das ein Mann wäre, würde man die gar nicht als so böse wahrnehmen, weil Männer sich oft einfach Dinge nehmen.

"Ich wünsche mir mehr Filme, die politische Themen aufgreifen"

Das Jahr ist noch jung – was steht 2020 bei Ihnen an?

Miriam Stein: Ich habe noch keine Ahnung. 2020 ist bei mir noch komplett offen.

Was würden Sie denn gerne machen?

Miriam Stein: Arbeitstechnisch oder privat? (lacht).

Bleiben wir mal beim Schauspielern.

Miriam Stein: Ich arbeite gern mit Regisseuren, die wissen, was sie wollen. Ich erzähle gerne spannende Geschichten. Auf jeden Fall hätte ich Lust, mal wieder mit einer Frau zu arbeiten. Das ist einfach etwas Anderes.

Inwiefern?

Miriam Stein: Frauen haben auf Frauenfiguren einfach einen anderen Blick.

Welche Rollen würden Sie gerne in Zukunft spielen?

Miriam Stein: Irgendetwas Verrücktes. Es hat mir gut gefallen, jemanden zu spielen, der intrigant ist oder einen Plan verfolgt. Ich könnte mir vorstellen, eine böse Politikerin zu spielen. Generell wünsche ich mir mehr Filme, die politische Themen aufnehmen. Aktuell bräuchte es einen Film, der den Klimawandel thematisiert. Es gibt so viele tagespolitische Themen, die man in Filme einbauen könnte, weil es wichtig wäre, darüber zu reden, abseits von Informationssendungen. Eine völlig skrupellose Politikerin, die den Klimawandel leugnet und nur Unsinn macht – wie es sie ja auf der Welt aktuell( allerdings eher männlich) gibt – das wäre mal eine spannende Rolle.

Hat sich Ihr Leben als Schauspielerin verändert, dadurch, dass es jetzt auch Projekte von z.B. Streaminganbietern gibt?

Miriam Stein: Ich habe das Gefühl, dass der Beruf aktuell sehr im Wandel ist. Es ist toll, dass gerade so viele Serien gedreht werden. Das ist tatsächlich relativ familienuntauglich, weil man dann oft monatelang weg ist.  Aber der Reiz von Serien ist, dass du länger mit einer Figur mitgehst und dadurch mehr Facetten zeigen kannst. Ich finde es toll, dass auch andere Anbieter Sachen produzieren, Konkurrenz ist immer gut für den Markt. Dadurch muss man selbst auch mutiger werden. Es gibt viele deutsche Serien, die ich sehr gerne geguckt habe.

Welche denn?

Miriam Stein: “Der Pass” habe ich sehr gerne geguckt. Dann “Das Verschwinden” – auch mit Julia Jentsch. “Bad Banks” war großartig. “Babylon Berlin” gucke ich natürlich auch.

Die Sendetermine von “Unterleuten”

  • Teil 1: Montag, 9.3.2020 um 20:15
  • Teil 2: Mittwoch, 11.3.2020 um 20:15
  • Teil 3: Donnerstag, 12.3.2020 um 20:15

Hier geht es zu den Interviews mit Charly Hübner und Rosalie Thomass.

| Katharina Montada | 3. März 2020