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Interview mit Natalia Wörner

Interview mit Natalia Wörner

Die Stuttgarterin Natalia Wörner (seit 2016 mit Außenminister Heiko Maas liiert) ist seit 1992 regelmäßig in deutschen Filmen zu sehen. In der Krimireihe “Unter anderen Umständen” etwa spielt sie die Hauptrolle der Kommissarin Jana Winter. Nun sehen wir sie in “Um die 50” erneut als Fotomodell Tina Schneider.

"Ich finde es so, wie es ist, schön und stimmig"

Frau Wörner, was ist Ihrer Meinung nach das “bessere” Alter? 30 oder 50? 

Natalia Wörner: Ich würde mich, wenn Sie mir die Wahl geben, nicht wo anders hinbewegen. Weder nach vorne noch nach hinten. Ich finde es so, wie es ist, schön und stimmig. Grundsätzlich stört es mich, wenn das Alter oder der Prozess des Älterwerdens immer mit einer Problematik verbunden wird. Natürlich ist es eine Herausforderung. Nicht jedes Alter ist in sich vergleichbar und nicht jeder Mensch ist mit einem anderen Menschen, der im gleichen Alter ist, vergleichbar. Und vor allem ist es auch ein individueller Prozess. Ich würde meine 50er heute nicht so gutheißen, wenn ich meine 30er nicht so gelebt hätte, wie ich sie gelebt habe. Gerade diesen Prozess finde ich total schön. Wie wäre es, wenn wir das Älterwerden nicht vorrangig mit Verlust gleichstellen, sondern auch mit Veränderung und Wachstum und Weisheit? Man verliert vielleicht an Sehkraft, aber man blickt besser durch. (lacht) 

Was war Ihr erster Gedanke als Sie von einer Fortsetzung von “Um die 30” erfahren haben? 

Natalia Wörner: Freude! Als wir “Um die 30” damals drehten, war immer der Wunsch da, dass wir das im zehnjährigen Rhythmus fortführen – egal ob in Einzelformaten oder in Mehrteilern. Es war zwar nicht final geklärt und es gab unterschiedliche Bedürfnisse, aber dass wir in dieser Konstellation irgendwann und irgendwie mal weitermachen würden, war keine Überraschung. Es gab aber unterschiedliche Gründe, warum es bis jetzt nicht funktioniert hatte. Jetzt vor zwei Jahren war es dann klar, dass wir drehen können und das Ensemble sowie natürlich Ralf Hüttner unser Regisseur und Autor wieder mitmachen wollen.

"Wir schreien nur alle so vor Naivität"

Wird der aktuelle Film der einzige bleiben oder wird es wie bei “Um die 30” mehrere Episoden geben? 

Natalia Wörner: Die Möglichkeiten sind auf jeden Fall da. Es sind einige Ideen und auch fertige Bücher in der Schublade. Der Wunsch, dass in dieser einmaligen Konstellation weiter zu erzählen, ist schon da. Ob das dann aber noch für “Um die 50” oder vielleicht schon “Um die 60” wäre, kann ich Ihnen gar nicht sagen. Der Wille ist auf jeden Fall da und man wird jetzt erst einmal sehen, ob der aktuelle Film seine Heimat findet. 

1995 standen Sie noch am Anfang Ihrer Film-Karriere. Wie war das damals für Sie im Vergleich zu heute? Sind Sie gelassener geworden? 

Natalia Wörner: Das Interessante für mich war, als ich mir zur Vorbereitung “Um die 30” nochmals anschaute, dass ich unsere Naivität in den Gesichtern gesehen habe. Ich würde mich selbst nie als naive Person beschreiben, aber wir schreien nur alle so vor Naivität und das habe ich so nicht in Erinnerung gehabt. Diese Diskrepanz war interessant – auch dieses Nicht-Wissen, was es heißt, diesen Beruf zu leben. Für uns alle war es ein Meilenstein, weil uns der Film einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht hat. Der Film stand für etwas, eine Generation, ein Lebensgefühl und es entstand ein ganz spezieller Fanklub für “Um die 30”. Gleichzeitig weiß ich heute aber auch, dass ich keine Idee davon hatte, was es bedeutet, diesen Beruf, in den ich mich sehr verliebt hatte, zu leben. Welchen Schritt man zu tun hat, mit wie viel Fremdbestimmung, mit wie viel Talent, Glück oder Schicksal man sich verbindet. Von all den Dingen, die diesen Beruf ausmachen und eine Karriere formen, hatte ich keine Ahnung.

Worüber können Sie persönlich in Ihrer Freizeit so richtig herzhaft lachen? 

Natalia Wörner: Über alles Mögliche, ich habe da kein Ausschlussverfahren. Ich merke, dass mich der Humor meines 15-jährigen Sohnes sehr zum Lachen bringt – ich bin also noch anschlussfähig über die Generationen hinweg. Ich mag Humor, der eine gewisse Ironie und Selbstironie besitzt. Schadenfreude ist dagegen nicht so mein Ding.

Um die 50: Carlo (Jürgen Tarrach, l.), Carola (Susanne Schäfer, 2.v.l.), Tina (Natalia Wörner, 3.v.l.), Frank (Dominic Raacke, 3.v.r.), Sabrina (Catherine Flemming, 2.v.r.) und Olaf (Bruno Eyron, r.)
©ZDF und API / Michael Tinnefeld

"Wie bei einem Klassentreffen"

In “Um die 50” werden viele alte Wunden wieder aufgerissen, wie etwa die Ex-Beziehung Ihrer Figur Tina mit Frank. Trügt der Schein, dass der neue Film einen ernsteren Touch hat als die alten Episoden? 

Natalia Wörner: Wenn man sich die Figuren und die jeweiligen Biografien anschaut, ist es meiner Meinung nach eine sehr angemessene Tonlage. Sie hat eine sehr charmante und eine spielerische Komponente. Und natürlich gibt es auch melancholische Augenblicke, da Themen wie die Kinderlosigkeit und die gescheiterte Ehe einfach ernster sind. Wenn man diese näher an sich heranlässt, verursacht das selbstverständlich eine gewisse Melancholie. Und ich finde das sehr schön, weil es den Figuren und dem Alter gerecht wird. Gleichzeitig gibt es einen charmanten Raum für einen neuen und frischen Blick – auch untereinander: Das, was zwischen Tina und Frank passiert, ist eher ein Erspüren von noch vorhandenen Gefühlen zueinander. Ich finde in einer Welt, die so flüchtig ist und so von scharfen Zeit-Taktungen dominiert wird, ist es schön, in eine heimatliche und jugendliche Welt einzutauchen, in der Dinge scheinbar Bestand haben. Wo bestimmte Referenzpunkte sich den Stürmen des Lebens gegenüber anders bewahrheiten und vielleicht auch in einer anderen Verhaftung und Bodenständigkeit sich offenbaren. Das, was Sie als Ernsthaftigkeit bezeichnen, würde ich mit Melancholie umschreiben. Ich selbst bin im Herzen auch eine Melancholikerin, insofern ist mir das ganz nah. Oder anders gesagt: Es wäre eher befremdlich gewesen, wenn man das in der gleichen Leichtfüßigkeit und in einer ähnlichen Humorform, wie das vor 26 Jahren der Fall war, erzählen würde. Ich finde es so authentisch und angemessen. Das Ganze ist irgendwie stimmig. 

Wie war das Verhältnis zu Ihren Drehkolleginnen und -kollegen? Wie verlief das Wiedersehen?

Natalia Wörner: Es war einfach Freude pur, sich in dieser Konstellation wiederzufinden, die eine “Once in a Lifetime Experience” war. Wir haben uns in dieser 6er-Gruppe nie mehr wieder gesehen und schon gar nicht zusammengearbeitet. Es war total interessant, weil jeder so viele neue private wie auch berufliche Biografien mit sich brachte und es trotzdem einen Moment gab, der so war wie damals. Wie bei einem Klassentreffen, bei dem man sich fragt, wo denn all die Jahre geblieben sind. Die Gruppendynamik, der Umgang miteinander, die Marotten der einzelnen Leute – das war alles sehr nah und vertraut und gleichermaßen sind wir offensichtlich alle 26 Jahre älter geworden. Trotzdem gab es nichts, bei dem man fremdelt oder das Gefühl hatte, sich nicht auszukennen. Klar kann es daran liegen, dass wir als Gruppe schon einen langen Weg gemeinsam gegangen sind. Wir hatten damals ein halbes Jahr Drehzeit und natürlich kommt man sich dabei näher, lernt Menschen ganz gut kennen und bildet Freundschaften. Genau diese Dynamik war wieder recht schnell abrufbar. Das hat was mit den Figuren zu tun, die wir jeweils spielen, aber auch mit den einzelnen Playern, die eben so sind, wie sie sind.

"Ich hoffe, dass wir die Normalität neu definieren können"

In welchen Filmen wird man Sie in Zukunft noch sehen? 

Natalia Wörner: Im September wird ein neuer Film aus der Reihe “Die Diplomatin” ausgestrahlt. Darauf freue ich mich besonders, weil er eine starke Aktualität hat bezüglich unserer politischen Situation- die anstehende Bundestagswahl und unser Verhältnis zu Russland wird thematisiert. Eine weitere Herzensangelegenheit ist der Film “Die Welt steht still”, der im November erscheint. Da spiele ich eine Intensivmedizinerin, die sich mit Corona infiziert. Wir haben diesen Film Anfang dieses Jahres gedreht und erzählen von den ersten vier Monaten der Pandemie. Das ist ebenso ein sehr spannendes Projekt geworden – logischerweise aufgrund der Aktualität, der täglich wechselnden Corona-Lage und, weil es einen ersten Blick zurück auf das Frühjahr 2020 wirft. Der Moment, der unser aller Leben verändert hat. 

Nach Lockerungen, Impfungen und Co.: Worauf freuen Sie sich noch diesen Sommer? 

Natalia Wörner: Ich wünsche uns allen, mit diesem Virus so leben zu lernen, dass wir nicht ständig in diesen Vorwärts-Rückwärts-Modus verfallen müssen – also etwa die Schulen kurz zu öffnen, um sie dann wieder zu schließen. Ich hoffe, dass wir die Normalität neu definieren können und mit dieser neuen Normalität in einer Art und Weiße lernen zu leben, die nichts an Freiheiten einbüßt und dennoch umsichtig ist. Damit es eine tiefere Dimension bekommt als das, was man sich über Regeln mehr oder weniger freiwillig zumuten will. Das wünsche ich mir für den privaten Umgang mit Freunden und Familie, aber auch in meinem beruflichen Umfeld: Dass wir wieder so arbeiten und drehen können, wie es unserem Berufen entspricht, dass wir in Kinos gehen können, dass die Theater wieder öffnen und die Kunst, die Muse, die Musik, die Darstellung, die Museen wieder erlebbar werden. Ich spüre die Entbehrung selbst – aktiv wie passiv. Ich wünsche mir so sehr, einfach irgendwo zu sitzen, Musik zu hören, zu empfinden und Menschen um mich herum zu erleben, mit denen man ein Gemeinschaftsgefühl teilen kann. Mir fehlt das total.

Sendetermine zum Film “Um die 50”:

  • Montag, 30. August 2021, 20:15 Uhr im ZDF
  • der Film ist bereits ab Montag, 23. August 2021, in der ZDF-Mediathek
  • alle Folgen der Miniserie “Um die 30” von 1995 sind ab Montag, 30. August 2021, in der ZDF-Mediathek
| Steffen Rothhaupt | 23. August 2021