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Interview mit Oliver Masucci

Interview mit Oliver Masucci

Schönheit, Begierde, Kapitalismus: Oscarpreisträger Steven Soderbergh lotet in der Serie “The Girlfriend Experience”, die beim Streaming-Anbieter Starzplay zu sehen ist, die Dynamik zwischen hoch bezahlten Escort-Girls und ihren einflussreichen Kunden aus. Einen davon spielt Oliver Masucci. Ein Gespräch über diese Serie und seine anderen Rollen in großen Produktionen.

Oliver Masucci mit Julia Goldani Telles in „The Girlfriend Experience“
©Starzplay

Ab 2. Mai sind Sie in der dritten Staffel der von Steven Soderbergh produzierten Anthologieserie „The Girlfriend Experience“ zu sehen. Was hat Sie an dem Format und an der Rolle gereizt?

Die vielversprechende deutsche Regisseurin Anja Marquardt rief mich während der Dreharbeiten zu “Schachnovelle” per Video aus New York an und bot mir die Rolle des Georges Verhoeven an. Sie sagte, Steven Soderbergh produziert. Ich kannte seine Filme “Sex, Lügen und Videos”, “Erin Brockovich” oder “Traffic”. Sie erzählte mir kurz und knapp die Storyline und was ich spielen soll. 

Ich mag erwachsenes Fernsehen, wo man als Zuschauer was zu denken bekommt und nicht nur mit den immer gleichen Sehgewohnheiten berieselt wird. Ich fand”The Girlfriend Experience” überraschend, sexy und klug. Ich wollte gerne auf Englisch spielen und neue Erfahrungen machen. London als Set und als Stadt schien eine Herausforderung.

Sie spielen auch im dritten Teil der „Phantastische Tierwesen“-Blockbuster-Reihe mit. Wie war es plötzlich am Set einer riesigen Hollywoodproduktion zu stehen?

Beeindruckend! “Phantastische Tierwesen” war nicht ein Set – es waren unglaublich viele Sets. Mehrere Städte und Länder, Landschaften wurden bei Warner in Leavesden aufgebaut. Die bauen London in London auf, weil sie dann länger drehen können und nicht absperren müssen. Während der Dreharbeiten wurden mehrere neue Studio-Hallen aufgebaut. Da stand ein ganzes Berliner Viertel im Schnee. Bambus-Wälder und Wasserfälle. 

Gegenüber unserer Welt war Gotham City aufgebaut. Riesige Greenscreens über den Häuserkulissen reckten sich in den Himmel. Täglich wurden Massen neuer Polizeiautos angekarrt, die den neuen Batman und den Joker übers Gelände jagten. Mads Mikkelsen sagte zu mir: “Jeder Set hier ist teurer, als bei uns ein ganzer Film. Die Arbeit der Schauspieler aber ist genau dieselbe.” Nur dass es diesmal nicht heißt, das wird wie “Phantastische Tierwesen”. Sondern man macht tatsächlich “Phantastische Tierwesen”. Man hat das Geld, die Zeit und die Geduld für die Technik, und die Manpower, die es braucht. 

An einer bestimmten Szene haben wir über einen Monat gedreht mit einer so genannten Spidercam. Die Kamera fliegt durch den Raum, dreht sich um 360 Grad, durch die Menge und wieder zurück und erwischt einen immer irgendwo. Der ganze Cast war anwesend. Alison Sudol, die die bezaubernde Queenie spielt, Eddie Redmayne, Jude Law, Ezra Miller und Mads Mikkelsen.

In Oskar Roehlers „Enfant Terrible“ schlüpften Sie in die Rolle von Rainer Werner Fassbinder, in der Satire „Er ist wieder da“ gaben Sie Hitler und in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ eine Figur, die auf Alfred Kerr basiert. Wie nähert man sich der Darstellung solcher Charaktere an und gibt es eine reale Persönlichkeit, die Sie gerne einmal spielen würden?

Das macht jeder Schauspieler anders. Ich würde sagen, einerseits durch Beobachten. Ich schau mir die Menschen an , wie sie reden, sich bewegen, wann sie lachen, wie sie weinen, wie sie schreien. Wie sie sind, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Bei Kerr oder Fassbinder musste ich vor allem reinfühlen, wo der Schmerz sitzt aus dem heraus sie agierten. 

Und der Rest bin sowieso ich. Ich beleuchte ja nur einen Teil meiner Persönlichkeit heller und stelle ihn aus. Ich bleibe ja immer noch ich. Aber anders gewichtet. Ich kann beim Spiel nur aus mir selber schöpfen. Ich spiele ständig Personen, die ich irgendwo mal erlebt habe. Aber das reale interessiert mich gar nicht so sehr. Mich interessiert, was der Gedanke an diese Menschen mit mir macht. So lernt man auch Empathie für Menschen zu entwickeln, die einem vorher fremd waren. Ich spiele einfach gerne und lass es auf mich zukommen.

©Frédéric Batier/Sommerhaus/Warner

The “Girlfriend Experience” ist nach “Dark” und “Tribes of Europa” Ihre dritte Serienproduktion, die in Deutschland bei einem Streaming-Service zu sehen ist. Sehen Sie Unterschiede zwischen Ihrer Arbeit an Formaten für Streaming-Plattformen und denen, die im linearem TV zu sehen sind?

Ja. Neue Inhalte. Mehr Genre. Neue Formate, die ein ganz anderes Publikum bedienen. Keine Werbung. Da werden Filme und Serien gedreht, die es erst mal so nicht im linearen Fernsehen gegeben hätte. Idealerweise hat man mehr Geld zur Verfügung, um aufwändiger drehen zu können. Aber auch das lineare Fernsehen erkennt langsam die Zeichen der Zeit und kooperiert mit Streaming. Zuhause beame ich mir die Serien und Filme, die ich sehen mag, wann ich sie sehen mag auf die Wand. Ich mag Film. Meistens Film. Und ganz breit.

Was haben Sie zuletzt gestreamt? Können Sie einen Film/eine Serie, die Sie auf einer der Streaming-Plattformen gesehen haben, besonders empfehlen?

Grade hab einen Film gesehen, den jeder Fußballfan sehen sollte, ganz egal welcher Gesinnung. Mein Tipp für den Deutschen Filmpreis. Der heißt “Die schwarzen Adler” (auf Amazon Prime, Anm. der Redaktion) über die ersten schwarzen Fußballspieler*innen, die wir alle kennen, im Trikot der Deutschen Fußball Nationalmannschaft. Jimmy Hartwig und seine Kollegen und Kolleginnen erzählen, wie das so war, für Deutschland zu spielen und schwarz zu sein. 

Man sieht alte Aufnahmen aus Fernsehshows, der Sportschau, und Fangesänge. Das ist sehr berührend. Alltagsrassismus. Und man versteht ihn erst retrospektiv so richtig, weil es viele damals so nicht wahrgenommen haben. Vor allem die alten Opas und Omas, die jetzt am Nebentisch zu Ihren Enkelkindern sagen: “aber wir haben früher doch immer ‚N****” gesagt, was soll denn jetzt daran schlimm sein?”

Ich hab mir “Nosferatu” und “From Dusk Till Dawn” und ein paar Vampir-Schinken gebeamt. Bei Disney kürzlich “The Mandalorian” gestreamt, als alter “Star Wars”-Fan. Und zwischendurch mal wieder “Kill Bill”, des Drehbuchs und der Dramaturgie wegen. “Crawl” hab ich gebeamt bei Amazon Prime. Hammer Film! 

Auch “1917” von Sam Mendes und “The Gentlemen” bei Prime. Bei Netflix grade “Trial of the Chicago Seven” und meiner Freundin zuliebe auch “The Crown” und “Batman Begins” sowie die komplette Marvel-Action-Reihe geschaut. Mein Sohn sagte “Papa, wenn du einmal so eine Szene drehst, dann kriegst du von mir Respekt und Chapeau Claque.” Glücklicherweise drehe ich grade einen Vampir-Action-Film für Netflix in Atlanta, wo ich mal Superkräfte habe …

| Kristin Lenk | 27. April 2021