Interviews » Interview mit Prof. Dr. Claudia Müller
Interviews » Interview mit Prof. Dr. Claudia Müller

Interview mit Prof. Dr. Claudia Müller

Interview mit Prof. Dr. Claudia Müller

Ist digitale Vernetzung die Zukunft der Versorgung?

Die ältere Generation nutzt vielfach digitale Anwendungen. Was Politik und Hersteller tun sollten, damit das noch einfacher wird, verrät die Gesellschaftsforscherin Prof. Dr. Claudia Müller im Interview mit rtv.

Jun.-Prof. Dr. Claudia Müller ist Leiterin des Arbeitsbereichs Informationstechnologie für die alternde Gesellschaft der Universität Siegen und stellvertretende Vorsitzende der Sachverständigenkommission des Mitte 2020 veröffentlichten 8. Altersberichts der Bundesregierung zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland.

Tablette versus Tablet – was wird in Zukunft wichtiger für ältere Menschen sein?

Claudia Müller: Diese Frage muss in einem größeren Zusammenhang betrachtet werden, und zwar unter der Leitfrage, wie Versorgungssicherheit und Lebensqualität vor dem Hintergrund demografischer Veränderungen gewährleistet werden kann.

Wir erleben zurzeit massive gesellschaftliche Veränderungen – wir dürfen immer älter werden und die meisten Menschen möchten gerne in ihrer gewohnten Umgebung leben, auch wenn Unterstützungsbedarf auftritt. Dem steht der Rückgang der Anzahl der Beschäftigten in Pflege- und medizinischen Berufen bzw. auch diese Berufsgruppen altern. Beispielsweise sorgen sich viele ländliche Regionen, wie sie die hausärztliche Versorgung dauerhaft gewährleisten können.

Hier bietet es sich an, über technische Lösungen nachzudenken, die eine gute pflegerische und medizinische Versorgung zu Hause unterstützen können. Wichtige Themen sind hier, mit Digitaltechnologie für eine bessere Informationsbasis und Vernetzung aller an der Versorgung älterer Menschen beteiligten Organisationen zu sorgen, wie Pflegedienst, Hausärztin und Dienstleistungen, wie Apotheken oder Sanitätshäuser.

Ein weiterer Aspekt ist das Thema Selbstmanagement: Digitale Anwendungen können ältere Menschen bei der individuellen Alltagsführung unterstützen, beispielsweise mit Systemen, die daran erinnern, die Medikamente zu nehmen oder ein Sprachassistent, dem man seine Blutdruckwerte sagen kann und der alles automatisch dokumentiert, und wenn man das möchte, die Werte direkt dem Hausarzt zur Verfügung stellt. Die zukünftigen Entwicklungen gehen daher in die Richtung “Tablette und Tablet” und die Forschung versucht, hier sinnvolle Lösungen zu finden.

Die Digitalisierung könnte gerade der älteren Generation viele Erleichterungen bieten – was sind die Hauptgründe, dass sie hier noch nicht umfassend Einzug gehalten hat?

Claudia Müller: Ein wichtiger Grund ist, dass viele digitale Anwendungen schlecht nutzbar sind. Dies ist aber kein generelles Problem der älteren Generation, auch jüngere Menschen stehen oft vor Problemen mit Anwendungen, die nicht richtig laufen und wo man Zeit und Nerven benötigt, damit die Technik das macht, was man möchte. Studien zeigen aber einen Unterschied auf, und zwar, dass ältere Menschen sich oft sehr zielgerichtet mit Technik beschäftigen und sich ganz klar fragen, wozu nützt es mir. Jüngere Menschen haben da oft einen eher spielerischen Zugang und probieren gerne aus.

Die schlechte Nutzbarkeit oder Passung von Technik zu den Wünschen, Interessen und Bedürfnissen älterer Menschen kommt häufig daher, dass die Hersteller sich mit der Zielgruppe viel zu wenig auseinandersetzen. Es gibt eben nicht “den älteren Menschen”, die ältere Generation ist ebenso vielfältig in ihren Lebensstilen wie die jüngeren Generationen. Das müssen Hersteller in Zukunft noch viel mehr berücksichtigen.

Was kann die Politik tun, um Älteren Teilhabe an der Digitalisierung zu ermöglichen?

Claudia Müller: Die Politik ist zuständig für die Gestaltung der Zugangsmöglichkeiten für ältere Menschen in die digitale Welt. Und dazu sind zwei Aspekte zentral: einerseits ist es wichtig, dass die Politik die Internetabdeckung in allen Regionen voranbringt sowie auch dass sie dafür sorgt, dass in allen öffentlichen Räumen Zugang zum Internet besteht und überall dort, wo ältere Menschen leben.

Der zweite Aspekt ist, dass jeder Mensch Zugang zu Geräten haben muss, Smartphones, Tablets, etc., um internetbasierte Anwendungen im Alltag nutzen zu können. Und dies ungeachtet der finanziellen Situation. Hier muss die Politik auch sozialstaatliche Unterstützungsmöglichkeiten vorsehen.

Lebensqualität und Selbstbestimmung

Mobilität, Wohnen, Gesundheit, soziales Miteinander – welcher Aspekt der Digitalisierung ist für die ältere Generation besonders wichtig?

Claudia Müller: Alle diese Aspekte sind gleich wichtig, da sie zentrale Lebensbereiche aller Menschen darstellen. Es geht darum, Lösungen zu finden, die vom Alltag her gedacht sind und die Lebensqualität und Selbstbestimmtheit älterer Menschen auf allen diesen Ebenen gewährleisten.

Ältere Menschen sind vielfach in der digitalen Welt mehr zu Hause, als man denkt. Was hat Sie in dieser Hinsicht besonders (positiv) überrascht?

Claudia Müller: Aus Sicht der Alternsforschung, die sich mit dem Lernen von älteren Menschen beschäftigt, ist das überhaupt kein überraschender Befund. Fest steht, Menschen können auch im hohen Alter lernen und viele ältere Menschen erkennen die Vorzüge von Smartphones und anderen Geräten.

Mit der Familie und Freunden in Verbindung bleiben können, zum Beispiel über Anwendungen wie what’s app oder Videotelefonie hat besonders in der Pandemie einen ganz hohen Stellenwert bekommen. Es gilt hier, auch negative Altersbilder, die in Köpfen vorherrschen zu überwinden!

Meine Mutter lebt in einem Altersheim, das kein W-LAN zur Verfügung stellt und das praktisch nie Netz hat. Eine Ausnahme, oder eher die Regel?

Claudia Müller: Es gibt mittlerweile viele Senioreneinrichtungen, die sehr engagiert mit gutem Beispiel vorangehen und die sich viele Gedanken dazu machen, wie sie ihren Bewohnerinnen und Bewohnern die Nutzung des Internets zugänglich machen können. Allerdings ist hier noch viel aufzuholen, es gibt noch einige Einrichtungen, die hier massiven Nachholbedarf haben.

Gleichwertige Zugänge schaffen

Die Altenberichtskommission der Bundesregierung, der Sie als stellvertretende Vorsitzende angehören, hat in ihrem achten Altersbericht zwölf Empfehlungen ausgesprochen. Welche davon ist die wichtigste, welche die dringendste?

Claudia Müller: Die 12 Empfehlungen fassen den Bericht zusammen und formulieren zentrale Handlungsbedarfe, insofern sind alle sehr wichtig. Zentral ist aber die erste Forderung, die gleichwertige Zugänge zum Internet und zu digitalen Medien für alle älteren Menschen fordert. Breit verfügbares Internet und zugängliche Geräte bilden die Basis für alle weiteren Anwendungen für alle Lebensbereiche.

Die Pandemie, liest und hört man vielfach, schadet vor allem der jungen Generation. Warum spricht man so selten über die Älteren? Gilt hier manchmal “Die sind ja geimpft, ist doch alles gut!”?

Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass zwei Themen sehr wichtig sind in der Frage, wie ältere Menschen in der Pandemie zurechtkommen. In den Medien konnten wir viel über die schlimme Situation von älteren Menschen in Altenheimen lesen, denen wochen- und monatelang der Kontakt zu ihren Angehörigen verwehrt war. Einsamkeit und soziale Isolierung ist damit ein immenses Problem, das auch so nicht hingenommen werden darf.

Andererseits zeigen Studien, dass die eher “jungen Alten” doch sehr gut durch die Pandemie gekommen sind mit einem hohen Maß an Geduld. Dies liegt natürlich auch daran, dass sie nicht so unter Druck standen oder stehen wie berufstätige Eltern oder Schülerinnen und Schüler im homeoffice und mit homeschooling.

| Matthias Roth | 28. Juni 2021