Interviews » Interview mit Ronald Zehrfeld
Interviews » Interview mit Ronald Zehrfeld

Interview mit Ronald Zehrfeld

Interview mit Ronald Zehrfeld

"Der Realität schon sehr nahe"

In der Reihe “Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten” zeigt das ZDF Philipp Leinemanns Politthriller “Das Ende der Wahrheit”.  Im Mittelpunkt: Ronald Zehrfeld, der als BND-Agent auf dubiose Machenschaften stößt. Wir sprachen mit dem Schauspieler, der auch an der Entwicklung des Stoffs beteiligt war, über die Vereinbarkeit von Realität und Unterhaltung. 

Herr Zehrfeld, Drehbuchautor und Regisseur Philipp Leinemann recherchierte mehrere Jahre lang für seinen Film. Sie waren an der Entwicklung beteiligt

Ronald Zehrfeld: Ja. Philipp Leinemann und ich haben ähnliche Interessen und wir nutzen beide das Medium Film, um Fragen zu stellen und unsere Antworten zu finden. Wir sind Politik-interessiert, wir kennen unsere historische Verantwortung. Wir haben uns im Zuge der Recherchen sehr reingestürzt, weil wir gemerkt haben: Es gibt ein Defizit in der Wahrnehmung. Auch in unserer Wahrnehmung. Inzwischen wurden wir längst von der Realität eingeholt.

In “Das Ende der Wahrheit” geht es darum, was Geheimdienste dürfen, um illegale Waffengeschäfte, Lobbyismus… Wie viel Realität steckt im Film?

Ronald Zehrfeld: Viel! Wir alle haben unsere großen amerikanischen Filmvorbilder, bei denen man denkt: Das ist schon krass mit dem KGB! Aber was ist denn eigentlich mit dem deutschen Geheimdienst? Darüber weiß man so gut wie gar nichts. Was ist denn die Aufgabe von unserem Verfassungsschutz? Gegenüber der Gesellschaft beispielsweise? Transparenz fehlt. Wenn ich an Länder wie die Ukraine denke, dort müssen Menschen um ihr Leben bangen, die sich schwieriger Themen annehmen. Und ich kann hier in Deutschland im Medium Film – einem fiktiven Film – dem Geheimdienst Fragen stellen. Von dem dann auch noch Heiko Maas sagt “Das kommt der Realität schon sehr nahe”. Philipp Leinemann und ich sind sehr froh, dass wir in einem Land mit Pressefreiheit und Meinungsfreiheit unsere Fragen stellen und solch einen Film machen konnten.

Stimmt es, dass die Schauspieler auf einen Teil ihrer Gage verzichtet haben?

Ronald Zehrfeld: Wir haben für einen Bruchteil der Gage gespielt, weil wir überzeugt waren vom Buch, von dem Projekt. Wir haben alle eine Einheitsgage bekommen. Auch für einen Look, der fast schon mit internationalen Produktionen mithalten kann. Bei der Produktionsfirma haben sie wirklich alles rausgeholt, was machbar ist. Dafür haben wir auf einiges verzichten müssen. In Amerika hätte man an Originalschauplätzen gedreht. Wir waren einige Tage auf Gran Canaria. Beispielsweise hätte man in einer Szene nur einen Beamten in seinem Büro gesehen, der einen Anruf aus Zahiristan bekommt. Doch so sieht man im Film einen Konvoi, in schroffen Bergen. Das bereichert den Film ungemein. Das ist natürlich viel kostengünstiger als Afghanistan oder Usbekistan, wo es eine ähnliche geografische und landschaftliche Lage gibt.

Quote versus Tiefgang

Eine Rolle, in der ebenfalls viel Realität steckt, ist “Dengler” in der ZDF-Krimireihe. Suchen Sie sich solche Rollen gezielt aus, sucht man Sie dafür aus? Oder sind Sie deshalb Schauspieler geworden?

Ronald Zehrfeld: Eine Mischung aus allem. Ich habe schon viele Sachen abgesagt. Und hinter den Rollen, die ich gespielt habe, stehe ich. Ausschlaggebend ist, was meine Fantasie mit mir macht, wenn ich diese Bücher das erste Mal auf dem Tisch liegen habe. Auch das Vertrauen zu den Beteiligten spielt eine Rolle. Die Frage ist immer: Kann ich mir vorstellen, dass das Wort, das ich jetzt geschrieben vor mir sehe, auch in dieser Prägnanz und in dieser Härte im Film umgesetzt wird? Oder wird es am Ende wieder verwässert und verschwächt? Genauso war die Frage: Mach ich einen Tatort-Kommissar? Oder einen Dengler.

Man hat Ihnen den “Tatort”-Kommissar angeboten, aber Sie wollten lieber “Dengler” spielen?

Ronald Zehrfeld: Ja, das ist aber schon viele, viele Jahre her. Ich habe mich dann für den Dengler entschieden, weil ich die Ausgangslage interessant fand, auch mit Schriftsteller Wolfgang Schorlau zu arbeiten und die Themen, um die es in seinen Büchern geht. Wenn ich erstmal unterschrieben habe und ich kann mich damit gar nicht identifizieren … dann ist der Zug bereits durch den Bahnhof durch. Deshalb versuche ich, bevor ich eine Entscheidung treffe, meine Fragen frühestmöglich abzuklären. Wer produziert das, was für Themen kann ich da mitentwickeln. Nur das ermöglicht es mir später im Prozess, mit den Beteiligten auf eine Reise zu gehen. Und im besten Falle am Ende einen Film zu haben, von dem ich sagen kann: Ja, hier sehe ich mich wieder. Hier finde ich meine Arbeit wieder, mein Interesse. Meinen Einsatz, meine Motivation. Wenn es nicht so ist, dann habe ich was falsch gemacht.

Die meisten deutschen Krimis und Thriller sind weit weg von der Realität. Fehlt es den Filmemachern an Mut oder den Zuschauern am Interesse?

Ronald Zehrfeld: Warum nimmt man sich bestimmter Themen nicht an? Da kommen wir immer wieder an die Frage, was unterhält. Wenn ich immer nur darauf schaue, was macht Quote, dann ist das natürlich eine ganz andere Motivation als die eines Filmemachers. Er möchte seine Fragen stellen und sucht seine Antworten. Trotzdem: Ein Marvel-Film zieht mehr Menschen an. Und der Zuschauer hat das Recht, zu entscheiden. Ich würde gern auch einen Film über die Weimarer Republik machen oder über die Intransparenz bezüglich Corona. 24 Stunden am Tag reichen überhaupt nicht aus, um meine Fragen zu stellen und Antworten zu bekommen. Trotzdem bin ich glücklich, in diesem Land zu leben und vertraue unserem Staat – werbe aber gleichzeitig für mehr Transparenz. Noch bekomme ich meine Antworten. Darüber bin ich sehr glücklich. Denn das ist nämlich das Zeichen einer gesunden Struktur.

Martin Behrens (Ronald Zehrfeld) im BND bei seiner Recherche.
©ZDF/Bernd Schuller
“Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten”

Im August 2021 präsentiert die ZDF-Nachwuchsredaktion “Das kleine Fernsehspiel” zum neunten Mal die Sommerreihe “Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten”. Den Auftakt, von insgesamt sechs Filmen, macht in diesem Jahr der Politthriller “Das Ende der Wahrheit” von Philipp Leinemann. Das ZDF strahlt den Film zur Primetime auf dem Fernsehfilm-der-Woche-Sendeplatz aus.

Alle sechs Filme erscheinen in der Woche ab dem 16. August im ZDF und stehen bereits vorab, ab Montag, 9. August, in der ZDF-Mediathek zur Verfügung.

Alle Sendetermine der Filmreihe “Shooting Stars – Junges Kino im Zweiten”

  • Montag, 16.8.2021, 20:15 Uhr: “Das Ende der Wahrheit”
  • Montag, 16.8.2021, 0:10 Uhr: “Endzeit”
  • Dienstag, 17.8.2021, 23:00 Uhr: “Kokon”
  • Mittwoch, 18.8.2021, 23:15 Uhr: “Cleo”
  • Donnerstag, 19.8.2021, 23:15 Uhr: “Get Lucky”
  • Montag, 23.8.2021, 0:10 Uhr: “Der Geburtstag”

“Get Lucky – Sex verändert alles” steht in der ZDF-Mediathek für 30 Tage zur Verfügung, alle weiteren Filme für 90 Tage.

| Stefanie Moissl | 10. August 2021