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Interview mit Rosalie Thomass

Interview mit Rosalie Thomass

In der Verfilmung des Juli-Zeh-Romans “Unterleuten” (ab 9. März, 20:15 Uhr ZDF) spielt Rosalie Thomass die junge Mutter Jule Fließ. Wir haben mir ihr über ihre Rolle und die Bedeutung des gesellschaftskritischen Werks gesprochen.

Außerdem im rtv-Interview zum Film: Miriam Stein und Charly Hübner.

"Sonst wäre nicht alles so kompliziert"

Frau Thomass, Sie spielen in “Unterleuten” Jule Fließ – was ist sie für ein Mensch?

Rosalie Thomass: Ach die Jule. Ich liebe die Jule. Was mir an ihr wahnsinnig gefallen hat, ist diese menschliche Zerrissenheit. Eigentlich ist sie ein überzeugter Öko, der natürlich sagt: ‚Windparks, super. Alternative Energien.‘ Ihren individuellen Raum darf es aber nicht berühren. Das finde ich total menschlich. Auch finde ich es schön, dass Jule Fließ in jedem Moment davon ausgeht, dass sie absolut im Recht ist und richtig gute Ideen hat. Sie sieht gar keine Notwendigkeit, sich noch mal zweifelnd zu hinterfragen oder sich umstimmen zu lassen.

Hat es Spaß gemacht, diese Rolle zu spielen?

Rosalie Thomass: Ja. Jule hat so eine leichte Hysterie, die mir irre Spaß gemacht hat. Mit ihr kann man überhaupt nichts sachlich besprechen, weil sie eine so konkrete Angst um ihr individuelles Paradies hat. Sie treibt ihren Mann an, dass er etwas machen muss. Und wenn er etwas macht, dann stoppt sie ihn und sagt “wir müssen aufhören” (lacht). Das hat mir Freude bereitet. Es ist einfach nicht so, dass alle Menschen durchtherapiert und selbstreflektiert sind; sonst wäre ja auch nicht alles so kompliziert da draußen.

Wo lässt sich dieses Phänomen “da draußen” denn beobachten?

Rosalie Thomass: Bei zwischenmenschlichen Beziehungen denke ich als Außenstehende oft: ‚Redet doch einfach mal miteinander‘. Geht aber nicht so leicht, weil jeder aus seinem Hintergrund kommt und seine/ihre Schwierigkeiten mitbringt. Das Problem in Beziehungen beginnt ja schon bei der Erwartungshaltung. Bei Jule ist das die Erwartung, dass Gerhard als Mann und Versorger etwas “machen” muss.

"Die Menschen haben schnell eine starke Meinung zu etwas"

Drängt die Dorfdynamik Jule auch zu falschen Entscheidungen?

Rosalie Thomass: Ich finde ihre Entscheidungen nicht falsch. Wenn ich so eine Figur spiele, bin ich immer zu 100 % auf ihrer Seite, sonst kann ich sie nicht spielen. Wenn zum Beispiel Linda Franzen über Jule sagt ‚die ist ein bisschen doof‘, kann ich darüber lachen – als Zuschauerin. Als Schauspielerin empfinde ich es natürlich nicht so. Dieses starke Urteilen über Andere ist sicher ein menschliches Problem.

Inwiefern?

Rosalie Thomass: Die Menschen haben schnell eine starke Meinung zu etwas, ohne vorher wirklich alle Aspekte zu beleuchten. Was wir mehr bräuchten, ist eine gründlichere Auseinandersetzung mit vielen Themen. Willst du viel Strom, brauchst du mehr Windräder. Sobald es aber um einen selbst geht, weil man merkt, das Windrad steht in meiner Nähe, steht damit auch die Meinung fest- man schaut sich die Argumente der anderen Seite gar nicht mehr an. Ich glaube, dass das ein großes Problem unserer Welt ist.

Warum?

Rosalie Thomass: Beide Seiten nehmen eine extreme Haltung ein, die ohne Wenn und Aber und ohne Zwischentöne feststeht. Das verstehe ich nicht; weil man sich ja auch annähern oder in einer guten Argumentation überzeugen lassen kann. Diese Diskussionskultur geht uns immer mehr verloren. So ist das auch im Dorf. Jeder hat sein Bild von der Welt und nicht die Offenheit, sich von etwas anderem berühren zu lassen. Man geht nicht zu Schaller, schaut sich den an und fragt sich “Was ist das eigentlich für ein Typ”, sondern sieht ihn nur als Bedrohung. Jeder Figur geht es nur um sich selbst und deshalb entstehen so viele Missverständnisse. Ich empfinde das als sehr realistisch.

Schauspielerin Rosalie Thomass mit rtv-Redakteurin Katharina Montada

Angeregtes Gespräch zu einem tollen Film: Schauspielerin Rosalie Thomass und rtv-Redakteurin Katharina Montada

"Es ist immer leich, zu sagen 'Ja klar, bin ich für Umweltschutz'"

Trifft dieses Extreme auf das Thema Umweltschutz besonders zu?

Rosalie Thomass: Es ist immer leicht zu sagen “Ja, klar bin ich für Umweltschutz”. Es wird diffiziler, sobald es konkret wird: welche Einschränkungen müsste ich selbst dafür in Kauf nehmen? Das Thema hat Juli Zeh gut gewählt, weil es brandaktuell ist und es einigen Zündstoff hat.

Die Geschichte nimmt ein tragisches Ende – wie ist das für Jule?

Rosalie Thomass: Für Jule geht es – in meinen Augen – in der Geschichte darum, dass sie lernt, alleine klarzukommen. Dass sie die Beziehung mit diesem väterlichen Mann nicht unbedingt braucht. Für sie geht es um Selbstfindung und Emanzipation und darum zu spüren: ich traue mir zu, alleine zu sein. Vor den geplanten Windrädern wusste sie gar nicht, dass sie in Unterleuten unglücklich ist.

In welchen Projekten außer “Unterleuten” können wir Sie 2020 sehen?

Rosalie Thomass: Am 5. März kommen die “Känguru Chroniken” ins Kino. Da freue ich mich auf die Kinotour durch Berlin, Halle, Leipzig und München. Und dieses Jahr kommt ein neuer Film von Emily Atef in der ARD, da steht der Titel aber noch nicht fest.

Worum geht es denn?

Rosalie Thomass: Das wird ein cooler Film. Die Arbeit hat extrem viel Spaß gemacht. Ich durfte meine Stuntfahrten mit dem Auto alle selbst machen. LKW fahren, obwohl ich dafür keinen Führerschein habe. Ich durfte schießen, meinen Kollegen Friedrich Mücke rumtragen, weil wir auf der Flucht sind und seinen Rollstuhl nicht mitnehmen konnten.

Das klingt nach Action …

Rosalie Thomass: Ich glaube, offiziell läuft es unter Thriller. Für mich ist es aber ein Liebesfilm.

Das geht aber auseinander …

Rosalie Thomass: Ja, aber das darf es ja auch. Für mich ist das zu 100 % eine Liebesgeschichte …. mit Action (lacht). Ich freue mich richtig arg auf den Film.

"Es ist einfach immer überwältigend schön"

Was würde Sie in naher Zukunft gerne noch machen?

Rosalie Thomass: Was mich reizt, sind richtig gut geschriebene Komödien. Erstens guckt man sich das gerne an und zweitens fordert es mich schauspielerisch heraus. Im Moment schreibe ich selbst an einer.

In welche Richtung würde das gehen?

Rosalie Thomass: Das sag ich noch nicht. Aber ich weiß es schon.

Auch wieder mit bayerischem Einschlag?

Rosalie Thomass: Nein. Wenn ich selbst schreibe, spielt das Bayrische erstmal keine Rolle.

Könnten Sie sich vorstellen, in einem Dorf wie Unterleuten zu wohnen?

Rosalie Thomass: Ich wohne zwar auf dem Land, aber ich wohne in Bayern auf dem Land. Das ist für mich etwas Anderes. Weil die Natur so schön ist, so dass du dich fühlst, als wärst du jeden Tag im Urlaub. Du gehst wahllos irgendwo lang und es ist einfach immer überwältigend schön.

Die Sendetermine von “Unterleuten”

  • Teil 1: Montag, 9.3.2020 um 20:15
  • Teil 2: Mittwoch, 11.3.2020 um 20:15
  • Teil 3: Donnerstag, 12.3.2020 um 20:15

Hier geht es zu den Interviews mit Charly Hübner und Miriam Stein.

| Katharina Montada | 3. März 2020