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Interview mit Susanne Bormann

Interview mit Susanne Bormann

60 Jahre Mauerbau. rtv-Titelstar Susanne Bormann spielt in “3 ½ Stunden” eine Frau, für deren Familie die Ost-West-Frage zu einer Zerreißprobe wird. Im rtv-Interview spricht sie auch über Erfahrungen der eigenen Familie.

Wenn eine Mauer eine Familie zerreißt

Im Film „3 ½ Stunden“ fährt ein mit vielen DDR-Bürgern besetzter Zug von München Richtung Ostberlin. Während der Fahrt erfahren sie, dass in Berlin eine Mauer gebaut wird. Die Passagiere sind entsetzt, empört und verunsichert. Sollen Sie weiterfahren oder noch im Westen aussteigen und dort bleiben? Susanne Bormann spielt eine junge Mutter von zwei Kindern, deren Vater ein hohes Amt bei der NVA einnimmt. Ihr Mann aber hat ein Jobangebot aus dem Westen. Die Familie steht vor der Zerreißprobe. Wir haben mit der in der DDR geborenen Schauspielerin gesprochen – über den Film, ihre Rolle und eigene familiäre DDR-Erfahrungen. 

Der Zug, der sich im Film von München nach Ostberlin bewegt, ist pickepacke voll mit Menschen, die erfahren, dass in Berlin gerade eine Mauer gebaut wird…

Susanne Bormann: Ich denke, das Ansinnen war, viele verschiedene Aspekte unterzubringen, ein Kaleidoskop zu erschaffen, weil es ja sehr viele verschiedene Haltungen zur DDR gab und sehr viele Lebensentwürfe aufeinandergetroffen sind. 

Sie haben gesagt, dass Ost-West-Filme normalerweise von Menschen handeln, die abhauen wollen, in „3 ½ Stunden“ werden auch andere Schicksale erzählt … 

Susanne Bormann: Genau. Er zeigt auch Menschen, die an diese Utopie geglaubt haben, wie das bei der Figur der Marlis ist, die ich spiele. Ich glaube, dass die DDR viel ambivalenter war und viel mehr Geschichten zu bieten hat, als bisher erzählt wurden.

Der Film ist ja auch schon jetzt preisgekrönt. Beim Münchner Filmfest erhielt er den Bernd Burgemeister Preis, weil er „Geschichte am Beispiel einzelner Schicksale erlebbar macht“, heißt es in der Begründung.

Susanne Bormann: Das Tolle ist, dass das Preisgeld gestiftet wird zu gleichen Teilen an die Hochschule für Fernsehen und Film München und die Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf für Förderprojekte, um neue Ost-West-Geschichten zu entwickeln.  

Was für Geschichten könnten das sein?

Susanne Bormann: Das Schöne und das Schreckliche trafen in der DDR unmittelbar aufeinander und diese Ambivalenz finde ich erzählenswert, viele Menschen waren zerrissen zwischen der Liebe zu ihrem Land und dessen Schattenseiten. 

 

Unterschiedliche Perspektiven

Sie spielen eine Frau, die vor der familiären Zerreißung steht: Der Mann will im Westen bleiben, die Frau zurück zu Partei und Familie. Könnten Sie sich da hineindenken?

Susanne Bormann: Schon. Ich kenne es aus meiner Familie, in der es durchaus unterschiedliche Haltungen gegeben hat. Mein Opa war Kommunist, mein Vater war angesehener Wissenschaftler, der im beruflichen Kontext sogar reisen durfte, er hat sehr an das System geglaubt. Meine Mutter fand die sozialistische Idee schön und gut, hat es aber nicht eingesehen, warum der Staat sich in so viele Dinge einmischt, die ihn einfach nichts angehen. Wieso er zum Beispiel eine Mauer baut und man danach Verwandte nicht mehr besuchen konnte.

Der Bruder Ihres Vaters ist kurz vor dem Mauerbau in den Westen geflüchtet …

Susanne Bormann: … und hat sich dann nicht mehr zurückgetraut. Weil er Angst hatte, einkassiert zu werden, weil er ja nie offiziell ausgereist ist.

Was hat das mit der Familie gemacht?

Susanne Bormann: … Mein Vater hat sehr darunter gelitten, er hat seinen Bruder sehr geliebt und verehrt. Sie haben sich danach auf neutralem Boden im Ausland getroffen. Für mich war das schade, weil ich meinen Onkel nie sehen konnte.

Ihr Bruder hat auch mal für, sagen wir mal, staatliche Konsequenzen gesorgt.

Susanne Bormann: Er hat aus jugendlichem Übermut mal das Emblem von seinem FDJ-Hemd ans öffentliche Klohäuschen genagelt.

Und dann?

Susanne Bormann: Daraufhin ist mein Vater beruflich systematisch demontiert und von einem leitenden zum einfachen Mitarbeiter seines Instituts herabgestuft worden, all seine internationalen Aufgaben wurden ihm entzogen, und er durfte nicht mehr ins Ausland. 

Was bedeutet das für Sie in Zusammenhang mit dem Film?

Susanne Bormann: Ich konnte verstehen, warum Marlis nicht einfach so das machen kann, was sie vielleicht will. Andererseits rechne ich dem Film hoch an, dass er auch andere Perspektiven gelten lässt. Sonst ist man immer gezwungen, sich von der DDR zu distanzieren. In diesem Film ist das mal nicht per se so.

Sie sind 1979 geboren, 1989 ist die Mauer gefallen, würden Sie von sich sagen, dass Sie mehr ost- als westgeprägt sind?

Susanne Bormann: Ja, absolut, volle Kanne. Ich bin auf keinen Fall eine, die sagt, dass in der DDR alles gut war. Aber weil man wegen dieser Pauschalverurteilung ganz lange Zeit nicht differenziert über die DDR sprechen konnte, kam überhaupt kein Dialog zustande, es war kein Austausch möglich. Ich hoffe und glaube, dass diese Gespräche langsam möglich sein werden.

Der Film spielt großteils in einem Zug. Wie wars?

Susanne Bormann: Gedreht wurde in einem alten, Original-Waggon, der in einer Museumshalle stand. Rechts und links gab es LED-Wände, auf denen vorher gefilmte Hintergründe abliefen. Abgesehen davon, dass es einem leicht schlecht werden konnte, war das sehr toll, weil man ständig dachte, in einem fahrenden Zug zu sitzen. Es war ein sehr intensiver Dreh und unter Corona-Bedingungen schon sehr speziell, weil man in so einem Zug auch schlecht immer den nötigen Abstand halten kann. 

Es gibt eine Zuschaueraktion zum Film, die heißt „60 Jahre Mauerbau – Was ist deine Geschichte?“. Was wäre Ihr Beitrag?

Susanne Bormann: Diese Geschichte der Familie, die sich auf der Fahrt nach Ostberlin trennt, ist ja die Geschichte des Autors. Ich würde mir sehr wünschen, dass es mehr Filmemacher aus dem Osten gibt, die Lust haben, ihre Geschichte zu erzählen.

Sendetermine “3 ½ Stunden”
  • “3 ½ Stunden”: Samstag, 7. August 2021, 20:15 Uhr im Ersten
  • bereits ab Donnerstag, 5. August 2021 in der ARD-Mediathek
| Andreas Herden | 3. August 2021