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Interview mit Svenja Jung zu “Der Palast”

Interview mit Svenja Jung zu “Der Palast”

Svenja Jung (28) war bereits in mehreren Kino- und Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem in “Unter uns“, “Fucking Berlin” und “Ostfriesenkiller”. In der deutsch-deutschen Familiengeschichte “Der Palast” spielt sie sowohl die ostdeutsche Solotänzerin Chris als auch deren Zwillingsschwester Marlene aus Westdeutschland.

"Auf dieser Bühne zu stehen, war sehr überwältigend"

Frau Jung, wie war es für Sie in dem traditionsreichen Berliner Friedrichstadt-Palast zu drehen, der seit März 2020 sogar unter Denkmalschutz steht? 

Svenja Jung: Sehr besonders! Als ich nach Berlin gezogen bin – ich komme ja vom Tanzen – habe ich mir gleich etwas gesucht, wo ich trainieren kann. Ich bin dann auf den Friedrichstadt-Palast gestoßen, weil es dort eine Trainingsgruppe gibt, die sich zwei bis drei Mal die Woche trifft. Mein erster Berührungspunkt war also, als ich angefangen habe, dort mitzutrainieren. Die Architektur, die ja etwas Orientalisches hat, finde ich sehr beeindruckend. Teilweise ist sie zwar auch sehr kitschig und absurd, aber gerade das gibt dem Palast eine gewisse Energie. 

Und dann auf dieser Bühne zu stehen und zu tanzen, war schon sehr überwältigend. Ich habe auch vor dem Film noch nie eine Show dort gesehen. Ich wollte zwar schon vor den Dreharbeiten eine besuchen, hab es dann aber wegen Corona nicht geschafft und jetzt vor Kurzem erst die neue “ARISE Grand Show” gesehen, die ich aus tänzerischer Sicht sehr beeindruckend fand. Das ist auf hohem Niveau. 

Sie spielen mit Chris (Ost) und Marlene (West) beide Zwillingsschwestern in “Der Palast”. War es für Sie eine besondere Herausforderung, diese Doppelrolle zu spielen? 

Svenja Jung: Ja, auf jeden Fall. Es ist ja schon eine Herausforderung, eine Rolle zu spielen. Und dann gleich zwei Charaktere zu spielen, die auch noch so unterschiedlich sozialisiert sind, war eine große Aufgabe. Ich war ehrlicherweise froh, dass wir die Dreharbeiten wegen Corona etwas verschoben hatten und ich dadurch noch mal mehr Vorbereitungszeit hatte, die ich wirklich gebraucht habe. Ich wollte mir bei den Figuren einfach zu 100 Prozent sicher sein, weil am Set meistens nicht mehr so viel Zeit ist. 

Die Vorbereitung an sich war voller spannender Fragen: Wie bewegt sich welcher Charakter? Was macht das mit Chris, dass sie Tänzerin ist? Wie bewegt sich hingegen Marlene, die mehr am Schreibtisch sitzt? Wie sind die Stimmen? Was macht es mit Marlene, dass sie mehr in einer Männerwelt groß geworden ist und Chris mit Frauen? Wie sprechen beide und wie ist die Kopfhaltung dabei? Wie lösen sie Konflikte? Wie bewegen sie ihre Hände und wie bewegen sie sich im Raum? Das sind ganz viele Dinge, die man für sich klären muss. Das war sehr viel Freude, da so reinzugehen und trotzdem keine Karikaturen von beiden zu entwickeln, sondern nur feine Unterschiede herauszuarbeiten. 

"Ich wollte authentisch, frei und offen bleiben"

Es gibt zahlreiche Szenen, in denen beide Schwestern zu sehen sind. Wie wurden diese Aufeinandertreffen gedreht? 

Svenja Jung: In vielen Szenen stand ich tatsächlich am Set und habe mit der “Luft” gespielt. Also es gab dann kein Double, das mich angespielt hat. Ich habe die eine Figur gespielt, in die Luft gesprochen und angenommen, wo ich gleich als andere Figur stehe. Dann mussten wir uns umdrehen und ich habe die andere Figur mit der Tonaufnahme der Ersten gespielt. Ich musste dabei aufpassen, dass ich nicht in mich selbst hineinlaufe. 

Natürlich kommt von der anderen Seite kein “Response”: Du siehst niemanden reagieren, sondern musst dir selbst überlegen, wie du in der anderen Figur reagieren würdest und wie du dann in deiner Figur reagieren würdest. Das war für mich bis jetzt schauspielerisch die größte Herausforderung, weil man sonst enorm vom Zusammenspiel mit dem Partner lebt. Da wollte ich authentisch, frei und offen bleiben, obwohl es so “technisch” ist. 

Hand aufs Herz: Haben Sie eine der beiden Schwestern lieber gespielt? 

Svenja Jung: Als ich am Anfang das Buch gelesen habe, dachte ich bei Marlene sofort, dass ich sie verstehe. Ich konnte alles nachvollziehen und habe sie komplett “gefühlt”. Sich Chris anzunähern, ist mir dagegen schwergefallen. Das liegt auch daran, dass ich eher “westlich” sozialisiert wurde. Meine Eltern kommen aus der Nähe von Köln und ich bin zwar nach dem Mauerfall geboren, aber es liegen trotzdem nicht so viele Jahre dazwischen. 

Dann habe ich mit dem Tanztraining angefangen und es hat sich auf einmal ein Tor zu Chris geöffnet. Ich habe mich sehr über das Physische an sie herangetastet. Ab dem ersten Drehtag war mir Chris so nah und Marlene zu spielen, hat wesentlich mehr Kraft gefordert. Meine leibliche Schwester, die das Double von Marlene gespielt hat, hat mir dann bei der weiteren Erarbeitung der Rolle sehr weitergeholfen. Sie war ein großer Halt für mich und hat mir beim Dreh geholfen, Marlene immer wieder zu finden.

"Es war ein Arbeiten auf Augenhöhe"

Was fasziniert Sie persönlich am meisten an “Der Palast”? 

Svenja Jung: Zum einen finde ich die Institution des Friedrichstadt-Palastes in der DDR echt spannend. Dieses bunte und glitzernde Revue-Theater als Symbol der Freiheit und als Tor zur Welt. Und das in einem Staat, der ja genau das Gegenteil widerspiegelt. Das fand ich einfach sehr spannend, was dort für zwei “Energien” aufeinandertreffen. 

Zum anderen die Geschichte über zwei Schwestern, die getrennt sind und denen beiden etwas fehlt im Leben. Beide spüren einen Schmerz in sich und wissen, dass irgendwas nicht stimmt. Aber der Umgang ist natürlich unterschiedlich: Chris versucht es “wegzutanzen” und sich eine heile Welt zu bauen, während Marlene sich auf die Suche begibt. Ich finde da ist einfach so viel mit dabei: das Tanzen, das Drama, die Geschichte über zwei Schwestern und eben diese Leichtigkeit. 

Wie war die Zusammenarbeit mit Schauspielgrößen wie Anja Kling oder Heino Ferch?

Svenja Jung: Super! Mit Anja Kling habe ich in dem Krimi “Jenseits der Angst” für das ZDF schon mal zusammengespielt. Von ihr habe ich auch sehr viel über die DDR erfahren, da sie ja selbst geflohen ist und in der DDR groß geworden ist. Sie hat mir inhaltlich sehr weitergeholfen und ich habe auch Chris dadurch noch mal mehr gespürt. Heino Ferch war dann vor allem, als wir in München gedreht haben, mit am Set. Ich hatte eine sehr lustige Zeit mit ihm. Es ist schön, mit Kollegen zu spielen, die so erfahren sind und auch gerne mal Tipps geben. Wir haben uns viel miteinander ausgetauscht und es war mit beiden ein Arbeiten auf Augenhöhe.

"Ich mache das Ganze, weil ich es wahnsinnig liebe"

Was sind Ihre persönlichen Zukunftspläne?

Svenja Jung: In welchen Filmen und Serien sieht man Sie künftig noch? Aktuell drehe ich in Bamberg für die Sissi-Verfilmung “The Empress” (Arbeitstitel) für Netflix. Ich darf noch nicht verraten, wen ich spiele, vielleicht so viel: Meine Figur mischt ordentlich am Hof auf. Das macht total viel Spaß, das zu drehen – vor allem mit den Kostümen und Frisuren innerhalb einer ganz anderen Zeit, in die man eintaucht. Weiterhin drehe ich meinen ersten internationalen Film im Studio Babelsberg. Er heißt “Baghead” und ist ein Thriller bzw. Horrorfilm

Sie erhielten schon den ein oder anderen Preis als “beste Nachwuchsdarstellerin”. Wie sehr spornen Sie solche Auszeichnungen an? 

Svenja Jung: Es ist eine große Ehre, so etwas zu bekommen – für die Leistung und das Herz und die Seele, die man in Projekte gesteckt hat. Es ist für mich eine Art “mach weiter so”. Natürlich spornt es an und macht es mich glücklich, wenn man merkt, dass man auf dem richtigen Weg ist, aber ich würde auch nicht alles von Auszeichnungen und Preisen abhängig machen. Ich mache das Ganze, weil ich es wahnsinnig liebe. Die Preise sind auf jeden Fall nicht alles. Ich würde auch ohne Auszeichnungen mit dem Schauspielen weitermachen.

„Der Palast“ – die sehenswerte Doku zum TV-Dreiteiler

Noch bevor die ersten Folgen der neuen Eventserie “Der Palast” mit Svenja Jung über den Bildschirm laufen, widmet sich das ZDF in einer Doku der atemberaubenden Geschichte des Berliner Friedrichstadt-Palastes. Los geht es mit seiner (Wieder-)Eröffnung 1984. Der Unterhaltungstempel sollte ein besonders kostspieliges Prestigeobjekt der DDR-Regierung sein – mit allen Finessen sowie künstlerischen und technischen Möglichkeiten. 

Die Einweihung glich einem Staatsakt, und die Erwartungen an die Künstler waren hoch. Ein Haus der Superlative also, das schon zu DDR-Zeiten den Bei- namen “Las Vegas des Ostens” trug. Doch auch die Geschichte des alten Friedrichstadt-Palasts (erbaut 1865), etwa während der Weimarer Republik oder zur NS-Zeit, ist Teil der Dokumentation. 

Neben den Künstlern von heute erzählen auch Carmen Nebel, Wolfgang Lippert, Ute Lemper und Thomas Gottschalk, was sie mit dem Friedrichstadt-Palast verbindet. Sie alle haben den Ruf des glamourösen Showtheaters entscheidend mitgeprägt.

Sendetermine zum Start der neuen Serie “Der Palast”

  • “Der Palast – Die Dokumentation”: Montag, 3. Januar 2022, 19:25 im ZDF
  • Teil 1: Montag, 3. Januar 2022, 20:15 Uhr im ZDF
  • Teil 2: Dienstag, 4. Januar 2022, 20:15 Uhr im ZDF
  • Teil 3: Mittwoch, 5. Januar 2022, 20:15 Uhr im ZDF
  • Serie und Doku bereits ab Montag, 27. Dezember 2021, in der ZDFmediathek
| Steffen Rothhaupt | 27. Dezember 2021