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Interview mit Tobias Moretti

Interview mit Tobias Moretti

"Er war ein Tabubrecher auf allen Ebenen"

Ein Höhepunkt des Beethoven-Jahres. Tobias Moretti spielt in Niki Steins Film den Meisterkomponisten in seiner späten Lebensphase. Ein rtv-Gespräch über ein Genie und seine Zeit, Freiheitsdrang und Wunderkinder von heute.

Im Dezember 1770 wurde Ludwig van Beethoven geboren, am 17. Dezember getauft. Eigentlich sollten 250 Jahre Beethoven mit zahlreichen Veranstaltungen und Konzerten gefeiert werden, die Pandemie durchkreuzte viele Pläne. Mit “Louis van Beethoven” zeigt das Erste aber einen filmischen Höhepunkt des Jubiläumsjahres.

Niki Stein führte Regie und schrieb das Drehbuch. Er erzählt das Leben des Komponisten in drei verschiedenen Lebensphasen, die von drei Schauspielern verkörpert werden. Tobias Moretti fiel der Part des “alten” Beethoven zu. Wir haben mit ihm gesprochen. 

Herr Moretti, der Film verspricht, den Menschen hinter dem großen Komponisten sichtbar zu machen. Wie geht das? 

Tobias Moretti: Da kann ich nur von meinem Part sprechen, ich hatte ja nur einen kleinen Ausschnitt dieser Biografie, die letzten Lebensmonate darzustellen. Letzten Endes bleibt es immer eine Behauptung, wenn man eine historische Figur darstellt, sie bleibt ein fiktiver Charakter. Es ist unvorstellbar, was es für einen Menschen mit diesem Genie, diesem Freiheitsdrang, diesem unerbittlichen künstlerischen Anspruch bedeutet haben muss, über Jahrzehnte kaum etwas oder nichts zu hören. Wie er sich an den Widrigkeiten eines solchen Lebens abgearbeitet hat, wie sich daraus auch Bösartigkeit und Geiz entwickelt haben, das muss schon beklemmend gewesen sein. 

Wie haben Sie sich als Schauspieler dem Genie angenähert? 

Tobias Moretti: Beethoven war Zeitgenosse eines ungeheuren gesellschaftlichen Umbruchs, und das hat ihn in seinem ungeheuren Freiheitsdrang tief geprägt. Ich finde es wichtig, ihn als Kind seiner Zeit zu begreifen. Mit seiner Musik habe ich lange gekämpft, ich war fasziniert und verzweifelt zugleich, weil ich kein Instrument so beherrsche, dass ich es vernünftig spielen könnte. Als ich mich bei der Vorbereitung mit der Großen Fuge für Streichquartett beschäftigt habe, war ich überwältigt, wie abstrakt das ist. Das Stück ist von 1825, aber es klingt an manchen Stellen schon wie Arnold Schönberg. 

Im Film ruft Neffe Karl seinem Onkel Ludwig zu “Warum lasst Ihr mich nicht einfach ein Mensch sein?” Wie würden Sie die Beziehung der beiden beschreiben? 

Tobias Moretti: Ich würde das Verhältnis als eine Art tragische Vater-Sohn-Beziehung beschreiben. Karl leidet unter den unbarmherzigen Ansprüchen seines Onkels und seinem mangelnden Verständnis. Ludwig andererseits hat sicher unter der Verantwortung gelitten, den Neffen großziehen zu müssen, nachdem er als Jugendlicher bereits die Verantwortung für seine jüngeren Geschwister übernehmen musste. “Verständnis” für die Probleme junger Menschen spielte in den Erziehungsvorstellungen dieser Epoche eine untergeordnete Rolle. Da ging es vor allem darum, dass jemand lebenstüchtig wurde und sein Dasein fristen konnte, schließlich gab es noch kein soziales Netz, das einen Menschen irgendwie aufgefangen hätte. 

Vorbereitung mit Ohrenstöpseln

Wie spielt man einen Tauben? Stellt man sich vor, nichts zu hören? Greift man zu Hilfsmitteln?

Tobias Moretti: Anfangs habe ich Ohrenstöpsel benutzt, um zu erfahren, wie es sich anfühlen muss, in einer eingekapselten Innenwelt zu leben. Was außerhalb passiert, nimmt man nicht mehr wirklich wahr, sondern man denkt sich zusammen, was um einen herum wohlmöglich geschieht, wird misstrauisch und unleidig.

Was war eigentlich Ihr erstes klassisches Musikstück, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Tobias Moretti: Meine Mama hat erzählt, bevor ich sprechen konnte, hätte ich die Melodie des Glöckchenspiels aus der “Zauberflöte” fehlerfrei gesungen; die war damals eine Erkennungsmelodie im Österreichischen Rundfunk.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Beethoven durch die Arbeit für den Film verändert?

Tobias Moretti: Natürlich wusste ich von der revolutionären Gesinnung Beethovens; es ist mir bei dieser Arbeit aber noch deutlicher geworden, in welchem Ausmaß er Tabubrecher auf allen Ebenen war – musikalisch und gesellschaftlich. Er markiert eine Zäsur, auch in seinem Versuch, sich eine unabhängige Künstlerexistenz aufzubauen.

Welche Fähigkeit müsste ein Kind heute beherrschen, um in der Welt als Wunderkind zu gelten?

Tobias Moretti: Das weiß ich nicht. Heute würde man einem Wunderkind vielleicht raten, sein Talent für sich zu behalten, sonst stürzt sich wohlmöglich ein riesiger Marketing- und Medienapparat darauf und zermalmt jede Kreativität.

| Andreas Herden | 15. Dezember 2020