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Interview mit Ulrich Matthes

Interview mit Ulrich Matthes

"Man müsste von Fall zu Fall entscheiden"

Darf man einem Menschen helfen, sich das Leben zu nehmen? In der Verfilmung von Ferdinand von Schirachs Theater stück “GOTT” (Montag, 23.11., 20:15 Uhr im Ersten; bis 23.12. in der Mediathek) werden viele Aspekte beleuchtet. Der rechtliche, medizinische, ethische. Den Aspekt des theologisch-weltanschaulichen vertritt Bischof Thiel, gespielt von Ulrich Matthes. Wir haben mit ihm gesprochen. 

Herr Matthes, als wir uns vor drei Jahren gesehen haben, um über den Film “Die Puppenspieler” zu sprechen, in dem Sie einen Papst spielten, sagten Sie, Sie seien kein gläubiger Mensch. Hätten Sie in “GOTT” lieber einen Befürworter der Selbsttötung gespielt?

Ulrich Matthes: Oh nein. Ich finde es grundsätzlich interessant, sich als Schauspieler mit Haltungen und Charakteren auseinanderzusetzen, die nicht meine sind.

Hat die Arbeit am Film ihre Meinung verändert? 

Ulrich Matthes: Wozu? Zum Glauben? 

Zu der Frage, ob man einem Menschen, der nicht mehr leben will, das Werkzeug zur Tötung reichen darf. 

Ulrich Matthes: Nein, dass ich jetzt diesen Bischof gespielt habe, hat meine Haltung nicht verändert. Aber ich habe mir natürlich im Zusammenhang mit diesem Dreh sehr viele Gedanken gemacht, was meine Haltung dazu eigentlich ist. Mitten in den Dreharbeiten kam ja dieses Urteil des Bundesverfassungsgerichtes … 

… das besagt, dass jeder das Recht auf Sterbehilfe hat … 

Ulrich Matthes: Spontan habe ich das begrüßt. Dann aber gehen die Fragen schon los: Wie soll der Gesetzgeber das in eine Form gießen? Das Urteil gibt ja nicht nur dem Schwerkranken ein Recht auf Suizidbeihilfe, sondern auch demjenigen, der in irgendeiner persönlichen Krise ist. Der Liebeskummer hat oder gerade pleite gegangen ist … 

Wo setzt das an? Es ist sehr schwer, hier ein klare Pro- oder Contra-Haltung einzunehmen. Eigentlich müsste man von Fall zu Fall entscheiden. Das geht aber nicht. 

Im Film wird der Fall des 78-jährigen Richard Gärtner verhandelt, der nicht krank ist, aber seine Frau verloren hat und nicht mehr leben will. 

Ulrich Matthes: Im Fall von Herrn Gärtner würde ich nach langem Abwägen sagen: Wenn er wirklich selbstbestimmt sagt, ich möchte sterben, dann müsste man diesem Menschen die Möglichkeit geben, sein Leben selbstbestimmt mit Hilfe eines Arztes zu beenden. 

Im Film ist die Rede von der Gefahr eines “Dammbruchs” … 

Ulrich Matthes: Das glaube ich nicht. Jeder Mensch hängt ja am Leben. Wenn aber jemand, der in einer schweren Depression ist, sein Leben beenden will, muss man versuchen, ihn mithilfe des sozialen Umfelds oder mit Gesprächen davon abzubringen.

Kultur in Zeiten von Corona

Nach dem Film entscheiden die Zuschauer per Knopfdruck. Wie finden Sie das? 

Ulrich Matthes: Eigentlich ist das Problem zu kompliziert, als dass man so schnell ja oder nein sagen kann. Wenn ich mich persönlich entscheiden müsste, ob dieser fiktive Herr Gärtner sich das Leben nehmen darf, wäre ich, mit allen Skrupeln, dafür. 

Aber es ist keine Frage, die man mit einem eindeutigen JA beantworten kann. Es kommen einem auch sofort Zweifel. Ich finde es gut, dass danach noch bei Plasberg weiter diskutiert wird. 

Sie waren öfter bei “hart aber fair” zu Gast. Sind Sie wieder dabei? 

Ulrich Matthes: Nein. Ich finde auch, es sollten andere Menschen als die beteiligten Schauspieler des Films darüber diskutieren. 

Nochmal zum Film: Matthias Habich, Lars Eidinger, Barbara Auer, Anna Maria Mühe, Christiane Paul, Ina Weisse, Götz Schubert: “GOTT” ist ein hochkarätig besetzter Ensemblefilm, freut man sich auf die Arbeit mit solchen Kollegen besonders? 

Ulrich Matthes: Eindeutig ja! Ich habe mich auf alle sehr gefreut! Der Dreh hat das auch bestätigt, es war ein Vergnügen, den Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit zuzusehen. 

Kurz zu Corona. Wie erleben Sie die Krise, die ja auch und besonders allen Kultur- und Filmschaffenden schwer zu schaffen machte und immer noch macht? 

Ulrich Matthes: Ich werde als Präsident der Filmakademie mit den existenziellen Sorgen und Ängsten der Kolleginnen und Kollegen konfrontiert. Und ich habe immer wieder öffentlich versucht, mich dafür einzusetzen, dass man die Kultur nicht vergessen möge! 

Ich selbst bin privilegiert durch mein festes Engagement am Deutschen Theater Berlin und habe auch im Sommer einen sehr schönen Zwei-Personen-Fernsehfilm drehen dürfen. Also meine private Situation ist grundsätzlich gut, als Präsident der Filmakademie bin ich mit ganz anderen Situationen konfrontiert und muss mir Gedanken machen. Was ich auch tue. 

V. l.: Christiane Paul (Rechtliche Sachverständige Litten ), Ina Weisse (Mitarbeiterin des Ethikrates Keller), Anna Maria Mühe (Augenärztin Brandt), Matthias Habich (Richard Gärtner), Ulrich Matthes (Bischof Thiel), Barbara Auer (Vorsitzende), Lars Eidinger (Rechtsanwalt) und Götz Schubert (Medizinischer Sachverständiger Sperling)
©ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung

Starkes Ensemble (v.l.): Christiane Paul (Rechtliche Sachverständige Litten ), Ina Weisse (Mitarbeiterin des Ethikrates Keller), Anna Maria Mühe (Augenärztin Brandt), Matthias Habich (Richard Gärtner), Ulrich Matthes (Bischof Thiel), Barbara Auer (Vorsitzende), Lars Eidinger (Rechtsanwalt) und Götz Schubert (Medizinischer Sachverständiger Sperling)

| Andreas Herden | 18. November 2020