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Interview mit Kristin Suckow

Interview mit Kristin Suckow

Schauspielerin Kristin-Suckow im rtv-Interview. In “Ottilie von Faber-Castell” brilliert sie als kämpferische Erbin des Bleistiftimperiums. (Das Erste, 14.9. 20.15 Uhr)

"Konventionen gesprengt"

Mit 16 erbt Ottilie von ihrem Großvater, dem Bleistiftfabrikanten Lothar von Faber, das Familienunternehmen und soll es leiten – Ende des 19. Jahrhunderts für eine Frau alles andere als selbstverständlich. Mit Hauptdarstellerin Kristin Suckow sprach rtv über die Herausforderung, eine historische Figur zu spielen, und über mutige Frauen – damals wie heute.

Frau Suckow, dem Film wurde der Titel “eine mutige Frau” hinzugefügt. Warum ist Ottilie eine mutige Frau?

Kristin Suckow: Ich glaube Ottilie hat nach dem gehandelt, was sie für richtig empfunden hat. Sie hat die gesellschaftlichen Konventionen gesprengt und sich für die Liebe entschieden. Damit hat sie Grundbausteine für die Gleichberechtigung gelegt. Ich habe das Gefühl, dass uns das heutzutage ein bisschen fehlt und wir alles gerne als gegeben hinnehmen. An Frauen wie ihr können wir uns ein Beispiel nehmen.

Gibt es einen Unterschied zwischen mutigen Frauen heute und damals?

Kristin Suckow: Damals waren die Einschränkungen für Frauen noch viel stärker. Wir können uns heute frei ausdrücken, wir dürfen ziemlich frei entscheiden, gerade hier in unserem Land. Das sind alles große Privilegien, die Frauen wie Ottilie mit erkämpft haben. Allein das Korsett zu tragen, hat mir gezeigt, dass die Einschränkung für Frauen selbst physisch spürbar war. Es ist so eine Erleichterung das wieder auszuziehen. Mit Ablegen des Korsetts legten Frauen auch eine gewisse Haltung ab.

Haben Sie sich mit der Geschichte des Hauses Faber-Castell beschäftigt?

Kristin Suckow: Ja auch, aber die größte Grundlage war der Roman von Asta Scheib. Am Ende des Romans sind Originalbriefe von Ottilie zu lesen und das war für mich besonders spannend, um die Figur zum Leben zu erwecken. Zu sehen, wie sie sich ausdrückt, wie sie schreibt. Darin erzählt Ottilie auch von ihrer Liebe zu Philipp. Das muss eine Liebe gewesen sein, die man sich nur wünschen kann, sehr intensiv und nah.

Ein Film mit historischem Setting – welche Herausforderungen birgt das für Sie als Schauspielerin?

Kristin Suckow: Die größte Herausforderung ist für mich, dass ich dieser Person gerecht werden möchte, weil sie ja wirklich gelebt hat. Es gibt Menschen, die Ottilie noch kennen, ihre Enkel zum Beispiel…

Hatten Sie auch Kontakt zur Familie?

Kristin Suckow: Nicht so richtig, aber ich weiß, dass sie den Film sehen wollen. Sie haben uns Bleistifte geschenkt, in einer Box, auf der unsere Film-Ottilie vorne drauf ist. Das waren genau die Bleistifte, die Alexander im Film auch erfindet, Castell 9000 heißen die.

Wie bereitet man sich auf diese Art von Film vor?

Kristin Suckow: Wir haben ganz viele Fotos angeschaut, weil man darauf so viel sieht. Es gibt ein Foto, da steht die ganze Familie unten vor einer Treppe und Alexander steht oben auf einem Absatz und macht eine lustige Geste. Auf einem anderen Foto lehnt Ottilie ganz lässig auf Alexanders Schulter. Das erzählt etwas über die Figuren.

©ARD Degeto/Martin Spelda

Kristin Suckow mit Hannes Wegener in “Ottilie von Faber-Castell”

"Die Zeit zum Leben erwecken"

Wie sind Sie denn eigentlich an die Rolle gekommen?

Kristin Suckow: Es gab ein klassisches Casting. Die erste Runde war ein Online-Casting. Das heißt, man nimmt Szenen mit einem Spielpartner zu Hause auf. Dann wurde ich zu einem Live-Casting eingeladen, bei dem auch Hannes Wegener, der Philipp spielt, schon dabei war. Das hat auf Anhieb sehr gut funktioniert.

Die Dreharbeiten haben drei Monate lang gedauert – wie fühlt sich so ein Mammutprojekt an?

Kristin Suckow: Das ist schon sehr lang, aber auch notwendig, wenn man in jedem Detail eine andere Zeit zum Leben erwecken will. Wir hatten alleine eine Woche lang Kostümproben. Das war so verrückt. Wir haben von morgens bis abends Kleider anprobiert. Die Kostümbildnerin, Petra Kray, hat sie aus ganz Europa zusammengesucht, weil die Epochen auch so speziell sind. Der Film umfasst 20 Jahre, das heißt, die Mode verändert sich. Die Kleider war 120-150 Jahre alt und wurden auf mich angepasst und repariert.

Spielt man dann nicht mit einer gewissen Vorsicht?

Kristin Suckow: Ich hatte schon ein bisschen Angst, dass etwas kaputt geht. Natürlich sind diese Stoffe hochwertig und fragil aber wir konnten auch Dinge am Set reparieren. Man hat sich daran gewöhnt und sie einfach getragen wie seine eigenen Kleider. Es war ein schönes Gefühl, zu wissen, dass sich 150 Jahre alte Dinge erhalten haben. So etwas haben wir heutzutage kaum noch. Wir sind eine Wegwerfgesellschaft geworden. Ich habe bei dem Dreh die Wertschätzung für die Langlebigkeit von Dingen entdeckt.

Ist es eigentlich leichter, eine Rolle zu spielen, bei der man ein Kostüm überzieht?

Kristin Suckow: Die Kostüme haben wahnsinnig geholfen, sich da hineinzufinden. Man muss gar nicht mehr viel spielen, wenn man ein Korsett trägt (lacht). Die Zeit an sich nachzuempfinden, ist schwieriger. Man kann sich ja so schlecht vorstellen, was es bedeutete, damals zu leben. Wie sprachen die Menschen? Man muss sich da herantasten und voll eintauchen, um diese Zeit zum Leben zu erwecken.

©ARD Degeto/Martin Spelda

Ottilie (l., Kristin Suckow) will sich nicht ausschließlich mit der Rolle der Mutter identifizieren. Ihre Familie sieht das nicht gern.

Der lange Weg der Gleichberechtigung

“Wir haben nicht gelernt auf eigenen Füßen zu stehen”, wird im Film über die Frauen gesagt. Was hat sich diesbezüglich bis heute in der Gesellschaft getan und wo sehen Sie immer noch Veränderungsbedarf?

Kristin Suckow: Dieser Satz stammt von der Mutter, gespielt von Maren Eggert, und die ist ja noch mal eine andere Generation als Ottilie. Was sich geändert hat, ist dennoch unglaublich viel. Es ist sehr schwer vorstellbar, wie das damals für eine Frau war. Ich glaube, dass die Rollenbilder in uns allen sehr tief verwurzelt sind und dass die Strukturen von Männern geschaffen wurden. Es dauert es einfach lange, die Geschlechtrrollen aufzubrechen. Wenn wir bedenken, dass die Frau erst im Jahre 1977 nicht mehr verpflichtet war, den Haushalt zu führen, dann sehen wir, dass die Entwicklung in der Gleichberechtigung noch sehr jung ist und in kurzer Zeit sehr viel passiert ist. Nur Menschen, die voranschreiten, ermöglichen Veränderungen in so kurzer Zeit. Als Frau ernstgenommen zu werden, war damals ein riesen Schritt und ich finde es sehr gut, dass wir heute so viel darüber sprechen, weil ich denke, dass wir noch einen langen Weg und viele Auseinandersetzungen vor uns haben.

Frauen in Führungspositionen sind da sicherlich auch ein Beispiel …

Kristin Suckow: Da gibt es die lustige Anekdote des Bechdel-Tests. Der ist eigentlich als Witz entstanden, wird aber seit Jahren tatsächlich als Gleichstellungstest im Film angewandt. Um den Test zu bestehen, muss der Film drei Voraussetzungen erfüllen: Er muss zwei Frauen beinhalten, die beide einen Namen haben. Diese Frauen müssen zweitens miteinander reden und drittens über etwas anderes als Männer. Und nicht viele Filme bestehen den Test, auch wenn es immer mehr werden. Da muss ich jetzt meinen eigenen Film kritisieren. Warum steht da „eine mutige Frau“. Würde das auch bei einem Mann da stehen? Würde der Film „Ein mutiger Mann“ heißen? Ich bin mir nicht so sicher. Es gibt immer noch wahnsinnige Unterschiede. Das ist der Grund, warum ich mich auch als Feministin sehe. Ich versuche die Rollen so auszuwählen, dass die Frauen, die ich erzähle, diese Rollenbilder nicht widerspiegeln und nicht die Klischees sind, sondern nach vorne schreiten.

Was hat Ottilie dann in diesem Sinne geleistet?

Kristin Suckow: Sie hat sich nicht in die Rolle der Mutter degradieren lassen. Wir erzählen eine Ottilie, die sagt “Nimm mich ernst als vollwertigen Menschen”. Sie wollte stattfinden, sie wollte weiterhin Entscheidungen treffen und hat das auch geschafft, obwohl die Familie zum Beispiel die Scheidung verbot und das finde ich einen riesen Schritt.

Der Film ist ein großes TV-Ereignis. Wie geht es für Sie danach Schauspielerisch weiter, auf welche Projekte dürfen wir uns freuen?

Kristin Suckow: Ich werde im Kinofilm “Stille Post” zu sehen sein. Das ist nach Ottilie mein nächstes Herzensprojekt. Es geht darin um den Umgang mit Kriegsbildern in den Medien. Ich spiele eine Journalistin, die persönlich in einen Fall involviert wird und dadurch ihre journalistische Ethik in Frage stellen muss. Auch wieder eine starke Frau.

| Katharina Montada | 9. September 2019