Leben » Bei Deutschlands einzigem Bernsteindrechslermeister
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Bei Deutschlands einzigem Bernsteindrechslermeister

Bei Deutschlands einzigem Bernsteindrechslermeister

Der Mecklenburger Henning Schröder ist Deutschlands einziger Bernstein-Drechslermeister. Sein Arbeitsmaterial: mehr als 35 Millionen Jahre alte Steine aus fossilem Harz.

Laut ist es, dazu liegt ein würziger Duft nach Harz und Kiefern in der Luft. Am Arbeitstisch der Werkstatt sitzt Henning Schröder an seiner Schleifmaschine und führt ein goldgelbes Stück Bernstein über die Sandpapierscheibe. “Zuerst schleife ich die Kruste ab”, erklärt Deutschlands einziger Bernstein-Drechslermeister und ergänzt: “Wenn ein Stein gefunden wird, glänzt er nicht so schön, wie wir das kennen. Dafür muss der Bernstein zuerst von seiner natürlichen Kruste befreit und dann auf Hochglanz poliert werden.”

Bernsteindrechsler Henning Schröder in der Bernsteindrechsel-Werkstatt im Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten
©rtv media group

Jeder Stein ist anders

Bernsteindrechsel-Werkstatt im Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten
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Vier Arbeitsschritte benötigt der 37-Jährige, um aus einem unscheinbaren Stein ein kleines Schmuckstück zu machen: Er beginnt mit grobem Schleifpapier, wechselt zu feinerem, poliert ihn dann mit Polierpaste und Filzscheibe. Zum Schluss wird der Stein mit einer Schwabbelscheibe auf Hochglanz gebracht. Beim Schleifen hat es der Bernsteindrechsler in der Hand, den Stein in der Form ein wenig zu verändern.

Bernsteindrechsel-Werkstatt im Bernsteinmuseum Ribnitz-Damgarten
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“Man kann Bernstein aber natürlich auch zum Drechseln und Schnitzen nutzen oder ihn in Form feilen”, erzählt der Mecklenburger. Seine Werkstatt befindet sich im Deutschen Bernsteinmuseum in Ribnitz-Damgarten (Foto), wo er seit fast fünf Jahren auch Verwaltungsleiter ist. 

Der Beruf des Bernsteindrechslers ist ihm zwar nicht in die Wiege gelegt worden, aber er hat von seinen Eltern beste Voraussetzungen mitbekommen: Als Kind suchte er am Strand selbst Bernstein und hatte deshalb schon eine Beziehung zu dem fossilen Harz.

Mit dem Papa hat er oft in der Werkstatt gebastelt, und die Mutter, eine Goldschmiedin, weckte sein Interesse an Schmuck. Als er dann ein Schulpraktikum im Deutschen Bernsteinmuseum machte und dabei einen alten Drechslermeister kennenlernte, der ihn unter seine Fittiche nahm, war der Berufsweg vorgezeichnet: Henning Schröder wollte dieses alte Handwerk auch erlernen.

Bei seiner Ausbildung zum Drechsler spezialisierte er sich als Einziger auf Bernstein. Seit 2004 ist er Meister – und täglich aufs Neue von seinem Beruf begeistert: “Da kein Stein dem anderen gleicht, habe ich immer mit etwas Neuem zu tun. Außerdem mache ich keine Serienfertigungen, so ist jeder Arbeitstag anders.”

Besonders aufregend ist sein Beruf, wenn er einen Stein schleift und dabei eine Inkluse, also ein vom Harz eingeschlossenes, mehrere Millionen Jahre altes Tier oder Pflanzenteil entdeckt: “Das passiert tatsächlich immer wieder einmal”, verrät der geborene Ribnitzer. Er fertigt aber nicht nur Schmucksteine und Schnitzereien, sondern führt auch Reparaturen und Restaurationen aus.

Fundstücke am Brandungssaum

Fertigung filigranen Bernsteinschmucks
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Wer an der Ostseeküste in Mecklenburg-Vorpommern Urlaub macht, hält unweigerlich nach Bernstein Ausschau. Der Profi empfiehlt, nach einem Sturm frühmorgens zu suchen: “Dann hat man die besten Chancen, ein schönes Stück zu finden”, verrät Henning Schröder. Oft kommen die Gäste dann zu ihm, um den Stein polieren zu lassen. In den letzten Jahren ist Bernstein immer beliebter und teurer geworden.

Was auch daran liegt, dass das fossile Harz in China für Wohlstand steht und im arabischen Raum gern für Gebetsketten verarbeitet wird. “Die Nachfrage ist so groß, dass die Preise für baltischen Bernstein in den letzten zehn Jahren enorm gestiegen sind”, weiß der Experte, “aber das normalisiert sich gerade.” So kann sich jetzt jeder wieder ein kleines Stück aus der Urzeit leisten.

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| Land & Leute Redaktion | 12. Juni 2020