Leben » Die Bonbonkocher in Eckernförde
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Die Bonbonkocher in Eckernförde

Die Bonbonkocher in Eckernförde

Himbeere, Zitrone oder doch lieber Karamell – in der Bonbonkocherei in Eckernförde hat der Kunde die Qual der Wahl. In dem Laden kann er aber auch die Fertigung seiner Lieblingssüßigkeit direkt miterleben.

Aus hauptsächlich drei Zutaten bestehen Bonbons: Wasser, Zucker und Glukose – die gibt der Masse Stabilität”, erklärt Herr Rehder, der Mann mit der markanten Kochmütze, während sein Kollege den brodelnden Bonbonteig mit geübtem Schwung auf ein Metallblech vor ihnen kippt. Das staunende Publikum hinter der Glasscheibe ist verblüfft: Dass Bonbons am Anfang völlig flüssig sind, war den wenigsten klar.

Herstellung in der Schauküche

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“Durchs Kochen karamellisiert der Zucker zwar, aber der leichte Beigeton reicht uns nicht”, erklärt der Bonbonkocher, gibt etwas Lebensmittelfarbe dazu und rührt, bis der Teig gleichmäßig grün ist. Nach einiger Zeit ist er so weit abgekühlt, dass die Masse mit dem Teigspatel aus dem Blech auf die kühle Metalltischplatte geschoben werden kann. Jetzt wird sie mit natürlichem Fruchtaroma oder ätherischen Ölen aromatisiert. Sie werden gemeinsam mit Bonbonbruch auf den Teig gegeben und untergeknetet.

Der Bruch löst sich durch die Wärme der Masse wieder auf, und es geht nichts verloren! Langsam kühlt der Teig weiter ab und wird dabei permanent von den beiden Mitarbeitern der Bonbonkocherei geknetet. Dank ihrer Erfahrung wissen sie, wenn es so weit ist und die Masse in Stränge geformt werden kann, die dann durch Ziehen auf die richtige Breite für die Walze gebracht werden. Mit lautem Geräusch startet das Gerät, zieht auf der einen Seite den Teig ein und spuckt auf der anderen sogenannte Zungen aus.

Sie bestehen aus den geprägten Bonbonformen, hier Weihnachtsmännern, die noch dicht an dicht zusammenhängen. Mit dem Spatel werden sie geteilt und dann in eine Schaufel geschoben. Eine alte Technik, die Bonbons sicher trennt. Nun müssen die Kanten noch abgeschliffen werden. Dafür kommen sie in ein Sieb und werden ordentlich geschüttelt. Den Bruch, der dabei abfällt, fängt man auf und verwendet ihn beim nächsten Bonbonteig wieder.

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Alte Handwerkskunst

Während seines Maschinenbaustudiums reparierte Hermann Hinrichs Geräte in einer Bonbonfabrik. Da sie alle relativ alt waren, benötigte er für die Instandsetzung Wissen über die Funktion der Maschinen – und lernte damit das Bonbonmachen. Eine Kunst, die er und seine Frau 2006 mit der Eröffnung ihrer Bonbonkocherei zum Beruf machten.

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Ihr größtes Kapital: alte, wunderschöne Bonbonwalzen, die so heute gar nicht mehr im großen Stil hergestellt werden. “Wir fertigen uns manchmal selbst Walzen an”, erzählt Heike Hinrichs, Chefin des Betriebs, und ergänzt: “Aber wir haben auch so viele alte, dass das kaum nötig ist.”  Teilweise sind die Walzen bis zu 80 Jahre alt. Besonders gern gekauft werden alle maritimen Motive: Hinrichs Bonbonkocherei liegt in Eckernförde an der Ostsee und ist ein beliebtes Touristenziel.

Vom Unfall-Lolli zum Verkaufshit

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In keinem Bonbonladen dürfen Lakritzlollis fehlen. Sie haben traditionell eine lang gestreckte Form, aber brechen auch gern ab. “Die haben wir als Unfall-Lollis verkauft”, erinnert sich Heike Hinrichs, “Und dann wurde immer mehr danach gefragt. Also haben wir uns dafür eine Form angefertigt und die Lollis ins Programm aufgenommen – mit großem Erfolg”, berichtet sie weiter.

Indirekt haben sie auch am Schwestergeschäft, dem “Schokoladen” schuld. “Wir haben für die Lollis besonders feine Schokolade genommen, und irgendwann wollten wir auch die verarbeiten”, erzählt Heike Hinrichs. Ihre Schokospezialitäten verkauften sich so gut, dass ihnen nebenan ein eigener Laden eingerichtet wurde. Den finden Sie, genau wie die Bonbonkocherei Hermann Hinrichs, in Eckernförde in der Frau-Clara-Straße 22, www.bonbonkocherei.de

Bonbonherstellung: Schritt für Schritt

Bevor wir sie uns schmecken lassen können, steckt in der Fertigung von Bonbons jede Menge traditionelle Hand- und Zusammenarbeit.

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1. Zutaten: In einem Topf werden Zucker, Glukose und Wasser zu einer glatten Masse erhitzt und dann auf eine Platte gegossen.

2. Aroma: Nachdem sie eingefärbt wurde, kommen natürliche Aromen in die noch warme Masse und werden gut eingeknetet.

3. Weißen: Für weiße Bonbons werden durch Ziehen Luftblasen in den Teig eingearbeitet, die ihn dann weiß aussehen lassen.

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4. Vorbereiten: Damit sie in die Walze eingeführt werden können, kürzt man die Teigstränge und zieht sie auf die richtige Breite.

5. Geprägt: Auf der anderen Seite der Walze kommen die fertigen Bonbons zusammenhängend in langen Strängen heraus.

6. Trennen: Die einzelnen Stränge werden grob getrennt und dann in eine Schaufel geschoben, in der sie in einzelne Bonbons zerfallen.

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Zuckersüße Vielfalt

Bonbons gibt es in vielen Varianten, meist im großen Stil hergestellt – aber manchmal eben auch aus kleinen Kochereien wie in Eckernförde. In Vaihingen an der Ems gibt es sogar ein Bonbon-Museum. Wer Bonbons mag, wird Geschäfte wie die “Bonbonkocherei Hermann Hinrichs” lieben, weil man dort die Fertigung auch miterleben kann. Möchte man es aber noch genauer wissen, lohnt sich ein Besuch in Deutschlands einzigem Bonbon-Museum in Vaihingen an der Ems.

Dort erfährt man auf 300 Quadratmetern alles über die Erfindung von Bonbons im 8. Jahrhundert im vorderen Orient, kann sehen, wie sie hergestellt und verkauft wurden, erfährt, warum manche gegen Husten helfen und seit wann sie mit Werbeaufdrucken verschenkt werden. Besonders interessant: die authentische Ladeneinrichtung eines über 100 Jahre alten Kolonialwarenladens aus Stuttgart. Das Museum gehört zum “Gummi-Bären-Land” der Firma Jung und hat montags bis freitags von 9 bis 18.30 Uhr und samstags von 9 bis 13.30 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos. www.bonbon-museum.de

Noch mehr Traditionshandwerk

Land & Leute Redaktion | 4. November 2020