Leben » Alter Brauch: Besuch beim Holzschnitzer
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Alter Brauch: Besuch beim Holzschnitzer

Alter Brauch: Besuch beim Holzschnitzer

Vom Bewahren alter Werte

“Glück auf!”, diesen alten Bergmannsgruß hört man im Erzgebirge überall. So auch beim Betreten von Frank Salzers Verkaufsatelier in seinem liebevoll restaurierten Fachwerkhaus in Kühnhaide, einem Ortsteil der alten Bergstadt Zwönitz. Engel, Bergleute, Nikoläuse, Schwibbögen und andere, modernere Figuren bevölkern die Regale. Teils sind sie bemalt, teils unbehandelt, sodass die natürliche Schönheit des Holzes im Mittelpunkt steht. Doch eines haben alle diese Meisterwerke gemein: Sie sind handwerklich perfekt und sehr künstlerisch gefertigt.​

Vom Holzstück zum Engel

Wer das Glück hat, Frank Salzer in seiner Werkstatt im ersten Stock über die Schulter schauen zu dürfen, kann miterleben, wie ein Stück Lindenholz sich zum Beispiel in einen anmutigen Engel verwandelt. „Ich mache alles selbst und kann sogar sagen, von welchem Baum das Holz stammt, aus dem ich gerade eine Figur schnitze“, erzählt der Erzgebirgler.

Er entdeckte schon mit neun Jahren das Schnitzen für sich. Mittlerweile steht seine Kunst auf soliden Beinen: Frank Salzer ist nicht nur Holzbildhauermeister, sondern auch Restaurator. Diese Berufsausbildung ermöglicht es ihm, nicht nur Skulpturen und kleine Kunstwerke zu fertigen, sondern auch alte Holzschnitzereien zu restaurieren. „Für das Schnitzen einer Holzfigur brauche ich bestimmt zehntausend Arbeitsschritte“, schätzt er. „Wenn das Holz nicht besonders schön ist, bemale ich die Figur danach“, erklärt Frank Salzer seine Arbeitsweise.

©rtv media group

Rund drei Tage Arbeit und 10.000 Handgriffe stecken in so einem Engel, den der Künstler hier schnitzt.

Er arbeitet sehr effizient: Größere Holzreste werden zum CO₂-neutralen Heizen verbrannt, die Hobelspäne gesammelt. Sie dienen als Einstreu im Pferdestall und danach als Dünger auf dem Feld. Leben im Einklang mit der Natur des Erzgebirges ist dem Schnitzer mindestens ebenso wichtig wie das Bewahren der hiesigen Traditionen.

Früher ließ er sich beim Arbeiten von Besuchern über die Schulter schauen. Doch die fanden es an seinem bollernden Kachelofen so gemütlich, dass sie gar nicht mehr gingen und das Arbeiten immer schwieriger wurde. So entschied sich Frank Salzer, die Werkstatt in den ersten Stock zu verlegen und in den unteren Räumen die Tradition des Hutzenabends aufleben zu lassen.

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Im Verkaufsraum hat der Kunde die Qual der Wahl zwischen verschiedenen Figuren, die alle Frank Salzers Handschrift tragen.

“Alles kommt vom Bergwerk her”, heißt es im Erzgebirge noch heute, und Frank Salzer lebt dieses Erbe – nicht nur mit den Hutzenabenden. So trägt die von ihm gefertigte, über zwei Meter große Bergmannfigur vor dem Haus das typische Staubtuch auf dem Kopf, was die Kumpel früher schützte.

Immer wieder schnitzt er die typischen Figuren aus dem Erzgebirge: Engel und Bergmann. Dazu erzählt er gern von ihrer Herkunft: “Wenn früher eine Erzader erlosch, bedeutete das große Not für die Bergleute. Um zu überleben, klöppelten die Frauen und waren somit die Engel. Ihre Männer waren das Schnitzen aus dem Bergbau gewohnt, bekamen Übung und arbeiteten immer kunstvoller. Irgendwann fertigten sie ihre Ebenbilder, und so war das Paar ‚Engel und Bergmann‘ geboren.”

Holzkünstler Salzer berichtet auch gerne von einem seiner Lieblingsbräuche: “Zum ersten Lebensjahr bekamen die Kinder Figuren geschenkt. Mädchen den Engel, Jungen einen Bergmann. Die Figuren wurden ins Fenster gestellt, und so konnte jeder sehen, wie viele Kinder eine Familie hat.”

Auch die üppige Beleuchtung der Erzgebirgsorte kommt aus dem Leben unter Tage: Im Winter gingen und kamen die Arbeiter im Dunkeln. Ihre Frauen stellten Kerzen ins Fenster, um ihren Männern heimzuleuchten. Heute sind diese Lichter eine Attraktion. Sie brennen in Zwönitz und in vielen anderen Orten des Erzgebirges bis zum 2. Februar. Denn dann wird das Fest Mariä Lichtmess gefeiert.

| Land & Leute Redaktion | 20. Dezember 2019