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Interview mit Rauand Taleb

Interview mit Rauand Taleb

"Nach all den Ganoven die Seite wechseln"

In “4Blocks” spielte Rauand Taleb den Clan-Laufburschen “Zeki”. Im Drama  “Nur eine Frau” (Mittwoch, 29. Januar 20:15 Uhr, ARD) ist er in der Rolle eines jungen Türken zu sehen, der einen sogenannten Ehrenmord begeht. Im Interview spricht der deutsche Schauspieler irakischer Herkunft über Integration, Kultur und auf welche Herausforderungen er sich in seiner noch jungen Karriere freut.

Herr Taleb, In “Nur eine Frau” spielen Sie Nuri, einen jungen Mann, der einen sogenannten Ehrenmord begeht und damit seine Schwester tötet. Warum tut er das?

Nuri verübt diese Tat aus der Familientradition heraus. Viele vermuten aber auch, dass er als Täter von der Familie ausgewählt wurde, weil er zum Tatzeitpunkt mit 17 Jahren noch nicht voll strafmündig war.

Was ist Nuri für ein Mensch?

Nuri ist in einem Alter, in dem er alles aufsaugt, egal was ihm gesagt wird. Wenn die Brüder ihm sagen, dass er einen bestimmten Weg gehen soll, dann hört er auch auf die Familie. Für ihn ist die Familie das allerwichtigste, das Gesetz und das ist ihm heilig. So lässt er sich manipulieren und lenken.

Seine Schwester Aynur ist das Gegenteil …

Richtig. Aynur will ein freies und selbstbestimmtes Leben führen, weg von der Familientradition. Dass die Familie sie dafür umbringt, ist sehr traurig.

Warum schafft sie es von der Familie wegzukommen, aber Nuri nicht?

Wer in Deutschland aufwächst, kommt mit vielen verschiedenen Kulturen in Kontakt. Hier musst du dich nicht unbedingt für jemanden aus deiner Kultur entscheiden. Ich habe beispielsweise auch eine deutsche Frau. Ich möchte verschiedene Kulturen in meinem Leben haben, damit es nicht eintönig wird und ich glaube, das ist auch bei Aynur so gewesen.

Das ist gar nicht so leicht, wenn man in so einer Kultur wie Aynur aufwächst …

Ja. Man muss sich das mal vorstellen. Sie kennt die Person, die sie heiraten soll nicht. Sie ist nicht mal fünf Minuten mit ihm durch den Park spazieren gegangen. Und dann muss die Ehe funktionieren. Im Grunde ist es die Hochzeit der Familie. Es ist schwierig, so einen selbstständigen Schritt zu gehen, wenn Entscheidungen vorher immer nur von der Familie getroffen werden.

Was gehört zu Integration dazu?

Es ist wichtig, dass man die Sprache kann. Man muss sich aber auch mit der Kultur auseinandersetzen, sich fragen, was Deutschland eigentlich ist, wie es funktioniert. Man muss die Möglichkeit haben, hier zu arbeiten und damit seinen Teil zur Gesellschaft beizutragen.

Sie sind im Alter von sechs Jahren mit Ihrer Familie aus dem Irak hierhergekommen. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Der Staat hat uns am Anfang so viel gegeben. Das sollten wir mit tausendfacher Dankbarkeit zurückzahlen. Es gehört auch dazu, den Staat zu unterstützen, indem man arbeitet, einen Beitrag leistet und Steuern zahlt. Aber auch die Sprache zu lernen oder an Kulturveranstaltungen teilzunehmen, sich mit der Geschichte Deutschlands auseinanderzusetzen. Wenn man sich nur anpasst und sagt “wir verstehen Deutschland, aber mein Obsthändler ist Araber und mein Lieblingsrestaurant ist der Türke”, dann kommst du nie wirklich raus aus dem Kreis. So entstehen Parallelgesellschaften.

Wie haben Sie sich auf die Rolle des ‚Mörders‘ vorbereitet?

Es war für mich wichtig, nicht ‘den Mörder’ zu spielen, dann wäre ‘der Tod’ meine Figur gewesen. Es war für mich wichtig die Person ‚Nuri‘ zu spielen. Es gibt Live-Aufnahmen und Dokumentationen über den Menschen, der im Film Nuri ist, der Name wurde ja geändert. Videos zeigen ihn im Gefängnis, wie er über die Schwester gesprochen hat. Das zeigt seine Gestik, Mimik, seine Sprache. Das sind wichtige Aspekte für einen Schauspieler, die ich versucht habe, in mich aufzusaugen und das als Schablone auf diese Figur zu legen. Je mehr Stoff du als Vorlage hast, desto mehr kannst du in dir aufnehmen.

Ist es leichter, jemanden zu spielen, der an eine reale Person angelehnt ist?

Das ist schwer zu sagen. Ich finde es spannender, eine Person zu spielen, die noch am Leben ist als eine Person, die nur in Drehbüchern existiert. Der Vorteil an fiktionalen Figuren ist, dass du viel selbst phantasieren kannst. Bei realen Personen musst du dich an bestimmten Linien orientieren.

Schauspieler Rauand Taleb mit rtv-Redakteurin Katharina Montada
©rtv media group

rtv-Redakteurin Katharina Montada traf Rauand Taleb zum Interview

Was steht bei Ihnen im Jahr 2020 auf dem Programm?

Über vieles darf ich noch nicht sprechen. Was ich sagen kann ist, dass zwei große Sachen mit mir kommen. Zum einen ist das der Kinofilm ‘Nightlife’ mit Elyas M’Barek und Palina Rojinski. Der kommt im Februar ins Kino. Darin habe ich zum ersten Mal einen Deutschen gespielt. Zum anderen kommt noch eine ZDFneo-Serie, ‘Dunkelstadt’, mit Alina Levshin und mir in den Hauptrollen. Sie spielt eine Detektivin und ich ihren Assistenten.

Dort sind Sie Assistent. Würden Sie auch gerne mal einen Ermittler spielen?

Ja klar, nach all den Ganoven die Seite wechseln, das würde mich sehr freuen.

In welchem Format? Tatort?

Im ‘Tatort’ habe ich bislang nur die Bösewichte gespielt. Ich weiß nicht, ob sie mir irgendwann mal die Rolle des Ermittlers geben. Der Tatort ist schon die Championsleague. Wenn da die Anfrage kommt, macht man das. Stell dir das mal vor, das wäre schon ein riesiger Schritt nach vorne: Rauand Taleb aus dem Irak jagt im deutschen Fernsehen Verbrecher.

Sie haben früher sehr viel Theater gespielt, haben Sie sich bewusst dazu entschieden, mehr Film und Fernsehen zu machen?

Das hat sich so ergeben. Das lässt sich nur schwer beeinflussen. Ich bediene eine gewisse Nische und habe dadurch oft Rollen wie den Flüchtling oder den Gangster angeboten bekommen, aber auch viele jugendliche Rollen, obwohl ich eigentlich gar nicht mehr so jung bin. ‘4Blocks’ hat mir natürlich auch viele Wege freigemacht. Und dann fehlt die Zeit fürs Theater.

War das eine Herausforderung für Sie von der Theaterbühne vor die Kamera zu treten?

Ja, es ist immer eine Herausforderung. Klar, gibt es auch Sachen, wo du sagst ‘Zack, okay, das spiele ich jetzt einfach’.

Würden Sie sagen, dass es einfache Rollen gibt?

Das kommt auf dich selbst an und wie tief du in die Rolle eintauchst. Je tiefer du eintauchst, desto spannender wird die Rolle für dich. Dann wird der Beruf auch nie langweilig.

Gibt es neben dem “Ermittler” weitere Rollen, die Sie in Zukunft gerne spielen möchten?

Menschen mit körperlicher Einschränkung finde ich als Rolle sehr interessant. Diesen Menschen eine Stimme zu geben. Man muss diese Figuren spielen, um sich dem Thema anzunähern und zu zeigen, dass es da gar keine großen Unterschiede gibt. Trotzdem ist es eine Herausforderung so etwas zu spielen, denn es kann schnell ins Lächerliche hineinrutschen.

"Ich lerne viel von Schauspielkollegen"

Welche Herausforderungen birgt der Beruf des Schauspielers neben dem Erlernen von neuen Rollen noch?

In Interaktion mit Kollegen kann es auch mal schwierige Phasen geben. Egal, ob man sich mit einer Person versteht oder nicht, für eine Produktion muss man mit ihr funktionieren. Da muss man sich auch immer wieder anpassen. Durch meine Vergangenheit habe ich gelernt, mich schnell anzupassen und das integriere ich auch in meine Rollen und meine Umgebung. Nichtsdestotrotz bleibt man immer professionell und ich hatte bisher mit keinem Kollegen am Set je eine schlechte Stimmung, die dann im schlimmsten Fall ja auch das Spiel beeinflussen kann.

Wie bereiten Sie sich auf neue Rollen vor?

Ich habe über die Jahre gemerkt, dass abschalten und sich zurückziehen extrem wichtig ist. Ich habe einen Hund, mit dem gehe ich in den Wald. So bekomme ich den Kopf frei und kann ich mich auf weitere Sachen extrem gut konzentrieren. Das nimmt den Druck. Oft helfen dir auch Coaches bei der Vorbereitung. Viele Stars haben ihre eigenen Coaches dabei. Ich habe neulich eine Hollywood-Produktion gedreht mit Michael B. Jordan, der hatte eine wahnsinnig interessante Umgebung. Der hatte seinen eigenen Koch, seinen eigenen Videographen, seinen eigenen Stylisten, zwei Personal Trainer und einen Coach dabei. Der Coach war ständig bei ihm, weil er ihn immer wieder daran erinnert hat, worum es in einer bestimmten Szene geht, was sie gemeinsam erarbeitet haben.

Wie tief lässt man sich in so eine Rolle fallen, wenn man an einer Produktion arbeitet?

Ich trage es tatsächlich die ganze Zeit mit mir. Auch wenn du dir vorgaukelst, dass du zu Hause bist und abschaltest. Es ist wahnsinnig komplex so eine Figur zu spielen. Plötzlich merkst du zu Hause, ‚okay, das mache ich sonst eigentlich nicht, die Tasse halte ich normalerweise anders‘. Das ist phänomenal wie unser Körper das abspeichert. Irgendwann bewegst du dich dann nur noch wie die Figur.

Wie voll ist so ein Schauspielerjahr eigentlich?

Die heiße Phase, in der viel gedreht wird, liegt meist zwischen April und Juli und zwischen September und November. Dieses Jahr war wirklich extrem voll, aber auch extrem erfolgreich. Ich bin dankbar, dass es so gekommen ist. Ich habe auch einiges ablehnen müssen, weil es aus Zeitgründen nicht geklappt hat.

Gab es mal eine Rolle, die Sie aus Zeitgründen absagen mussten, bei der Sie dann gesagt haben ‚scheiße, das hätte ich gern gespielt‘?

Zum Glück bisher nicht, aber fast hätte es mit dem Kinofilm ‚Nightlife‘ nicht geklappt, weil es sich um einen Drehtag mit ‚Dunkelstadt‘ überschnitten hat.

Wie sehen Sie Ihre schauspielerische Zukunft?

Was sich ergibt, ergibt sich. Rollen, die man spielt, wollen gefüllt werden. Von meinem Typ gibt es in der Branche nicht viele, weshalb es für mich schon fast ein konkurrenzloser Kampf ist. Das hängt aber nicht nur mit meiner Erscheinung, sondern auch mit meinem Spiel zusammen. Ich habe daran immer mehr geschliffen, um das Beste rauszuholen. Ich schaue mich selbst nicht gerne an und bekomme zudem wenig Kritik ab, was ich schade finde, denn durch Kritik entwickelt man sich weiter.

Sie haben “an Ihrem Spiel geschliffen”. Wie kann man sich das vorstellen?

Das passiert durch viel Beobachten. Ich lerne viel von Schauspielkollegen. Es gibt Schauspieler, die sehr fein arbeiten und nicht viel machen in ihrer Gestik, Mimik oder in ihrer Sprache. Ich gucke auch viel Netflix und schaue mir Figuren stumm an. So kann ich die Feinheiten im Spiel entdecken. Die Kunst des Schauspiels ist in einem Dialog, dass du immer bei deinem Partner bleibst und wenn du alleine spielst, bist du nur bei der Figur.

| Katharina Montada | 22. Januar 2020