Reisen & Entdecken » Auf Safari im Spreewald
Reisen & Entdecken » Auf Safari im Spreewald

Auf Safari im Spreewald

Auf Safari im Spreewald

Haben Sie Lust, in Spree zu stechen? Bei einer Tour durch das Reich des Wassermanns stoßen wir auf dichte Wälder, weite Auen, malerische Häuser und pelzige Baumeister.

Vorsichtig steuert Ralf Hegewald (Foto) den Kahn durch die wuchernde Wasserwildnis. Plötzlich geht ein Ruck durch das Gefährt. Das Rudel, die hölzerne Steuerstange, hat sich im dichten Wurzelwerk verfangen. “Der Wassermann hält das Rudel fest”, sagt der Ranger und schaut geheimnisvoll.

©Johannes Müller

Die Fließe, ein feingliedriges Netz aus Wasseradern, sind der Sage nach das Reich des schuppigen Unholds. Sie schlängeln sich südöstlich von Berlin durch einen Flickenteppich aus Wiesen, Äckern und Wald. Rund 500 Quadratkilometer dieser mythenumwobenen Naturlandschaft sind als Biosphärenreservat ausgewiesen. Teile des von Erlen, Eschen und Buchen geprägten Schutzgebietes gleichen einem Urwald. “Krokodile und Löwen findet man zwar nicht, dafür haben wir unsere eigenen Big Five”, sagt Naturhüter Hegewald.

Mit Rangern im Biber-Fieber

©Christian Schmalhofer

Gemeint sind Biber, Fischotter, Ringelnatter, Eisvogel und Kranich. Bei einer Paddeltour mit ihm und seinen Kollegen stehen die Chancen auf ein Stelldichein mit diesen Spreewald- Stars gut. Der Biber ist seit 13 Jahren wieder flächendeckend im Spreewald heimisch. Um ihm oder dem Fischotter auf den Pelz zu fühlen, muss man nicht unbedingt im Morgengrauen aufstehen.

Eisvogel im Spreewald
©Oliver Ulmer

“Die Tiere sind zwar in der Dämmerung aktiv, wenn man aber einen trüben Tag erwischt, an dem die Fließe nicht so stark befahren sind, begegnet man ihnen mit etwas Glück auch tagsüber”, so Hegewald. Ein schillernder Bewohner der Wasserwelt ist der Eisvogel (Foto unten). Wer sich ihm nähern will, braucht Geduld, auf Störungen reagiert das Juwel der Lüfte empfindlich. Ralf Hegewald weiß, wo die Brutröhren des scheuen Tiers liegen und führt Kanutouristen auf ihren Erlebnistouren behutsam an deren Behausungen heran.

Ein scharfes Auge braucht, wer die Ringelnatter entdecken will. Sie ist hier zwar weit verbreitet, versteckt sich in den Sommermonaten aber gerne vor der Hitze am Flussufer. Aber wir haben Glück: Hegewald zeigt aufs Wasser, das leichte Wellen schlägt. Eine Ringelnatter quert die Fließe. Nur der Kopf mit den zwei charakteristischen Halbmonden hinter den Augen schaut aus dem kühlen Nass. Angst vor der Schlange brauchen übrigens weder Mensch noch Haustier zu haben: Sie ist völlig harmlos und hat keine Giftzähne.

Verwunschener Wald

Groß Lübbenauer Hafen
©Peter Becker

Überhaupt gibt es nur ein Tier, das die Spreewälder in Furcht versetzen kann – obwohl es winzig ist. An lauen Sommerabenden surren Wolken von Stechmücken über Wiesen und Kanäle. Sie setzen auch den Rangern zu, die in der Dämmerung die Fledermauskästen kontrollieren. Ralf Hegewald hat seine eigene Immunisierung gegen die Plagegeister: Gleichmut. “Wenn man im Frühjahr die ersten Mückenstiche über sich ergehen lässt, muss man sich danach nicht mehr kratzen.”

Bis auf diese kleinen Unannehmlichkeiten liebt Ralf Hegewald seinen Job – und seinen Arbeitsplatz. “Mich fasziniert vor allem die mystische Atmosphäre des Spreewalds: Wenn in den Morgenstunden Nebel vom Wasser aufsteigen, durchdrungen von den ersten Sonnenstrahlen, dann hinterlässt das einen bleibenden Eindruck.”

Als Gebietsleiter der Naturwacht Spreewald arbeitet Hegewald mit sieben Kollegen zusammen. Sie wachen zu Wasser und zu Lande über das Einhalten der Schutzbestimmungen im Reservat. Neben dem Erfassen von Tier- und Pflanzenarten gehört das Errichten von Amphibienzäunen zu ihren Aufgaben. Damit sich Touristen nicht verfahren oder verlaufen, stellen die Ranger zudem Schilder auf und warten sie.

Durch das Grüne Venedig

©Peter Becker

Wasserstraßen sind die Lebensadern der Region, die als “grünes Venedig” bekannt ist. Noch heute dient der Kahn vereinzelt zum Einbringen der Ernte – und zur Postzustellung. Vor allem aber sind Kahnfahrten inzwischen eine Touristenattraktion. In der Kahn-Saison von April bis Oktober kann man sich von den “Spreewald-Gondolieri” durch die Wasserlandschaft staken lassen.

Von zahlreichen Orten aus, etwa Lübben, Lübbenau und Raddusch, legen die schwimmenden Gefährte dann im Stundentakt ab. Wer will, kann eine Kaffeefahrt mit Wassermusik buchen. Oder, auf Liegesäcken gebettet, im “Kahn der Sinne” den Alltag abperlen lassen.

Einen Zwischenstopp sollten Wasserwanderer im Museumsdorf Lehde einlegen. Das denkmalgeschützte Kleinod gibt Einblick in die Wohn- und Lebensweise der Spreewälder. Als “Lagunenstadt im Taschenformat” bezeichnete der Dichter Theodor Fontane Lehde einst. Das Freilandmuseum bewahrt mit seinen drei historischen Bauernhöfen die Vergangenheit.

Eine Trachtenausstellung, eine Kunstgalerie und eine Töpferei geben Einblick in Handwerkstraditionen wie auch die sorbischen Wurzeln der Spreewälder. Die Sorben besiedelten den Wald im 6. Jahrhundert und machten ihn urbar. Viele ihrer Sitten und Traditionen sind noch heute lebendig (Infos unter: www.museums-entdecker.de).

Springlebendiges Spektakel

©Peter Becker

In den Sommermonaten spiegeln eine Reihe von Erntebräuchen die sorbische Kultur. Ein buchstäblich springlebendiges Spektakel ist zum Beispiel das Froschkarren-Wettrennen. Bei diesem Brauch müssen Mädchen einen Karren durch einen Rundkurs ins Ziel schieben. Das Knifflige: Ihr “Mitfahrer” ist ein Frosch.

Den Amphibien kann man auch auf einer Radtour begegnen. Zahlreiche Strecken führen entlang wildromantischer Fließe über malerische Holzbrücken, zu märchenhaften Mühlen und erfrischenden Badeseen.  Der Spreewald ist gut geeignet für Fahrradtouren. Da keine bedeutenden Anstiege zu bewältigen sind, können auch Familien mit Kindern mühelos in die Pedale treten. Die Radrouten führen vorbei an vielen Sehenswürdigkeiten, etwa der Slawenburg in Raddusch oder dem Lübbener Schloss.

Haus Schlangenkopf
©Peter Becker

Wer dem Gurkenradweg folgt, erfährt alles über das kulinarische Aushängeschild der Region. Ab Lübben führt er Richtung Süden über Lehde mit seinem Gurkenmuseum in die Kulturmetropole Cottbus oder zur Windmühle Straupitz. Wählt man die nördliche Route, erreicht man das Dörfchen Golßen. Dort lockt am zweiten Augustwochenende der Spreewälder Gurkentag mit Festen und Bräuchen rund um das Kultgemüse.

Wer sich unterwegs über zwei gekreuzte Schlangenköpfe auf den Giebeln alter Häuser (s. Foto oben) wundert: Sie stehen symbolisch für den Schlangengott, der die Bewohner schützen soll. Zum Dank stellten sie den Reptilien früher ein Schälchen Milch vor die Tür. Das dürfte vor allem die Hauskatze gefreut haben. Denn dass die züngelnden Nachbarn sich gerne an dem Getränk aus dem Kuheuter laben, gehört, wie vieles im Spreewald, ins Reich der Mythen.

Kultgemüse: Spreewaldgurken

©Peter Becker

Die Gurke ist ein gesunder Sommergenuss. Wasserreich und kalorienarm, bietet sie knackige Frische. Nicht umsonst wurde der grüne Bodenschatz zum Gemüse des Jahres 2019/2020 gewählt. Der Spreewald ist die Hochburg der sauren Gurken.

Seinen Geschmack bekommt das einst von holländischen Tuchwebern eingeführte Kultgemüse in den rund 20 Einlegereien der Region. Dort werden die Gurken auf 70 Grad unter Zugabe von Natronlauge erhitzt und so haltbar gemacht. Hinzu kommen je nach Rezept Basilikum, Zitronenmelisse, Wein-, Kirsch- oder Nussblätter. Sie geben der Spreewaldgurke ihren Geschmack.

Noch mehr Tier- und Wasserwelt

Tipps und Adressen

Wissen im Überfluss

Beim Tourismusverband Spreewald gibt es Infos zu Kahnfahrten, Kanu-, Wander- und Radtouren sowie  Übernachtungsmöglichkeiten:

Tel. 03 54 33/7 22 99, www.spreewald.de

Mit Rangern auf Kanu-Tour durch das Schutzgebiet

Die Touren durch die Fließe starten regelmäßig um 9 Uhr von Schlepzig, Lübbenau und Burg aus. 5 bis 6 Stunden dauert die Urwald-Safari. www.naturwacht.de

| Land & Leute Redaktion | 22. Juli 2020