Reisen & Entdecken » Deutsche Weinregionen: Im Reich der Reben
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Deutsche Weinregionen: Im Reich der Reben

Deutsche Weinregionen: Im Reich der Reben

Alte Lagen, junge Winzer, frische Weine – Deutschlands Weinregionen gehören zu den spannendsten Anbaugebieten der Welt. Es macht Spaß, sie zu erkunden.

Wer hätte gedacht, dass Trauben so ein Gewicht haben können? Gut 50 Kilo sind in der blechernen Bütte auf dem Rücken zu schultern. Da fühlt sich der Weinberg noch steiler an, als er in Wirklichkeit vielleicht ist, und das Öchslegewicht geht jetzt schon ordentlich in die Knie, Oberschenkel und Waden. Rauf, runter, rauf, runter – selbst der durchtrainierteste Wanderer steckt diesen Tag bei der Weinlese nicht einfach so weg.

Im Sitzen wird die Bütte gefüllt; das Aufstehen mit dem ” saftigen” Rucksack ist ein Balance- und Kraftakt, den Muskelkater am nächsten Tag gibt’s gratis. Aber: der Respekt vor dem Wein und den Weinmachern wächst so von Minute zu Minute. Steile Lagen, in denen die Trauben von Hand gelesen und auf dem Rücken abtransportiert werden müssen, haben das Weinland Deutschland berühmt gemacht.

Workers picking red grapes. Harvesting grape for wine making.
©Colourbox

Denn hier gedeihen häufig die edelsten Tröpfchen – dank eines besonderen Mikroklimas. Boden, Hangneigung, Sonneneinstrahlung – all das sind Faktoren, die der Traube zugutekommen. So entstehen Weine mit Charakter, bei denen das “Terroir” durchschmeckt.

Besonders begehrt ist der deutsche Riesling. Der hatte vor 20 Jahren, als es in der internationalen Weinwelt schick war, Chardonnay zu trinken, ein schlechtes Image. Winzer wie Ernst Loosen aus Bernkastel an der Mosel aber haben das Potenzial der Rebsorte rechtzeitig erkannt und auf die Traube gesetzt. Heute bezeichnet der englische Weinpapst Stuart Pigott den Riesling als kulturelle Botschaft Deutschlands an die Welt.

Exzellente Spätburgunder

Nikolauskapelle Klingenmünster
©Rolf Goosmann/Südliche Weinstrasse e.V.

Doch nicht nur beim Riesling und den weißen Weinen, auch bei den roten Weinen haben die deutschen Winzer international mächtig aufgeholt und ihre Hausaufgaben gemacht, so die Sommelière Natalie Lumpp: “Neben exzellenten Spätburgundern finde ich vor allem die Lemberger genial! Und hervorragende Rotweincuvées gibt es bei uns auch.”

Ein Vorteil der hiesigen roten Weine gegenüber der südländischen Konkurrenz ist für Lumpp auch der moderate Alkoholgehalt. Und so wird unser Rebensaft auch gerne im Ausland getrunken. Von den 1.065.000 Hektolitern, die Deutschland 2017 exportiert hat, gingen 188.000 Hektoliter in die USA, gefolgt von den Niederlanden (167.000) und Großbritannien (121.000).

Dabei bringen nicht nur Weingüter gute Tropfen hervor, auch bei den Winzergenossenschaften ist so manch süffiger Wein zu holen. Der kann übrigens auch gut sein, wenn er nicht aus einer Steillage kommt und maschinell geerntet wird. Die 13 Weinbaugebiete liegen – bis auf Sachsen und Saale-Unstrut im Osten – hauptsächlich im Süden und Südwesten von Deutschland.

Nahezu 16.900 Betriebe bauen auf rund 102.600 Hektar Trauben für den begehrten Rebensaft an; Spitzenreiter in der Anbaufläche ist Rheinland-Pfalz mit den Gebieten “Rheinhessen” und “Pfalz”. Auf Platz 3 liegt Baden. Spitzenreiter in der Fläche bei den Rebsorten ist der Riesling, gefolgt vom Müller-Thurgau, dem weißen Burgunder und Silvaner.

©Colourbox

Unter den 140 Rebsorten, die mittlerweile bei uns angebaut werden, finden sich Neuzüchtungen wie die rote Acolon oder die weiße Solaris. Ausländer wie der französische Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc oder Merlot und der Zweigelt aus Österreich sind inzwischen bestens integriert.

Die jungen Winzer

weinhänge bei Stuttgart
©Colourbox

Dazu beigetragen hat auch eine junge Winzergeneration, die alte Lagen mit neuen Rebsorten bepflanzt, Mut zum Cuvée beweist und einfach manches ein wenig anders macht – bis hin zu den Etiketten. Darunter sind auch viele Frauen. Eva Vollmer zum Beispiel, die 2007 mit dem Weinmachen in eigener Regie begann, hat die gute alte Scheurebe wieder für sich entdeckt.

Ein weiteres Beispiel für die moderne Winzergeneration ist Markus Schneider aus Ellerstadt, dessen Weine auch dann geordert werden, wenn es gilt, Deutschland bei ausländischen Staatsoberhäuptern zu repräsentieren. Und jüngst hat die neue Winzergeneration das Projekt “Die junge Südpfalz” ins Leben gerufen. Die jungen Weinmacher möchten nicht nur mit ihren tollen Qualitäten überzeugen, sondern nebenbei auch Spaß an einem guten Glas Wein vermitteln.

Deutschlands schönste Reiseziele

Kataloge zum Schmökern und Planen

©Colourbox

Dabei geht es nicht darum, die Tradition auszumerzen und puren Lifestyle ins Glas zu füllen, sondern daran anzuknüpfen, was von den Römern ins Land gebracht und über Jahrtausende gewachsen ist: die deutsche Weinkultur. Wer sie in all ihren Facetten kennenlernen und wirklich gute Tropfen entdecken will, sollte sich aufraffen und aufmachen.

Das Verkosten vor Ort beim Winzer, ein Urlaub in einer der Weinregionen, das Wandern von Weinberg zu Weinwirtschaft, aber auch die Mithilfe bei der Lese sind Erlebnisse, die der Supermarkt nicht bieten kann. Was Sie auf alle Fälle probieren sollten? “Einen Spätburgunder vom Kaiserstuhl, einen Riesling aus der Ortenau, einen Lemberger aus der Heilbronner Gegend und einen Sauvignon aus dem Remstal”, das wäre die Empfehlung von Natalie Lumpp.

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Land & Leute Redaktion | 3. September 2020