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Start der 4. Staffel von “The Handmaid’s Tale”

Start der 4. Staffel von “The Handmaid’s Tale”

15 Emmy-Awards, 4 Golden Globes – u.a. für Hauptdarstellerin Elisabeth Moss und ihre Kollegin Alexis Bledel – und zahlreiche weitere internationale Fernsehpreise heimste die dystopische Erfolgsserie nach Margaret Atwoods berühmtem Roman ein. Vor dem Start der mit Spannung erwarteten 4. Staffel konnten wir Serienstars wie Joseph Fiennes, Bradley Whitford und Yvonne Strahovski sprechen. Was sie über die Serie sagen und was den Zuschauer in den neuen Folgen erwartet – wir verraten es.

Szenenbild The Handmaid's Tale
© 2021 MGM Television Entertainment Inc. and Relentless Productions LLC.

Im Auftakt zur 4. Staffel ist die verletzte June (Elisabeth Moss) mit Janine (Madeline Brewer) und anderen Handmaids auf der Flucht. Die Waterfords erwartet in Kanada derweil für ihre Verbrechen in Gilead eine Anklage. Während die Nachricht von der Ankunft des Flugzeugs mit den geretteten Kindern und anderen Gilead-Flüchtlingen auch Fred und Serena erreicht, finden die Handmaids für kurze Zeit Zuflucht auf der Farm der jungen Esther. 

Commander Lawrence erwartet für seine Mithilfe an Junes Rettungsaktion derweil die Hinrichtung – doch das Gilead-Regime hat andere Pläne mit ihm. In Toronto ringen Moira und Luke mit Junes Entscheidung, nicht mit den geretteten Kindern aus Gilead zu fliehen. Wird es noch eine weitere Chance für ein Wiedersehen geben?

Die vierte Staffel liefert nicht nur was Spannung, überraschende Wendungen und schauspielerische Leistung angeht wieder jede Menge Highlights. Auch Golden-Globe- und Emmy-Preisträgerin Elisabeth Moss stellte sich neuen Herausforderungen: Nachdem sie für den dystopischen Serienhit bereits als Hauptdarstellerin und Produzentin vor und hinter der Kamera gestanden hatte, inszenierte sie für die neue Staffel auch drei Episoden als Regisseurin.

© 2021 MGM Television Entertainment Inc. and Relentless Productions LLC.

Drei Fragen an Yvonne Strahovski (Serena Waterford)

Es gab einige Veränderungen in der Serie dieses Jahr, eine davon war Elisabeth Moss‘ Debüt als Regisseurin. Wie war das für Sie?

Yvonne Strahovski: Sie ist so eingearbeitet in die Show und kennt sie in- und auswendig. Das hat es so einfach gemacht, an unseren Szenen zu arbeiten. Wir arbeiten auf sehr ähnliche Weise und sehen viele Dinge aus derselben Perspektive. Elisabeth ist sehr instinktiv, und es ist fantastisch, mit jemandem zu reden, der einen völlig versteht.

Die letzte Staffel endete mit Freds Verrat an Serena. Welche Richtung wird sie nun einschlagen?

Yvonne Strahovski: Serena manipuliert die Menschen um sich herum und hat immer eine versteckte Agenda. Das ist auch in den neuen Folgen noch so. Sie hat sich von der Vorstellung verabschiedet, dass sie und Fred jemals wieder zusammenkommen werden. Da gibt es kein Zurück. Wenn sie eine gemeinsame Front bieten, wie im kommenden Prozess, dann ist es nur noch eine Show, weil sie sich davon einen Vorteil erhofft. Alles was Serena tut, ist nur noch für ihre eigene Zukunft.

Glauben sie, dass die Zuschauer Serena nun mitfühlender gegenüberstehen werden als in der Vergangenheit?

Yvonne Strahovski: Ich denke schon. Man wird definitiv von Serenas Menschlichkeit angezogen, wenn sie diese zeigt. Es gibt sicher Menschen, die sie hassen, aber auch viele, die Mitgefühl für sie empfinden. Das ist schwer, wenn man sich die schrecklichen Entscheidungen ansieht, die sie in der Vergangenheit getroffen hat. Als Schauspielerin frage ich mich da natürlich: Was ist ihr Hintergrund, wie ist sie aufgewachsen? Würde man sehen, dass sie da stark beeinflusst wurde durch Religion und die Tatsache, dass sie von ihrer Mutter verlassen wurde? Realistisch gesehen bräuchte sie einen Therapeuten, um all das zu verarbeiten.

Drei Fragen an Joseph Fiennes (Commander Fred Waterford)

Wie war es mit Elisabeth Moss als Regisseurin? 

Joseph Fiennes: Elisabeth Moss hat das Zeug, zu den besten Regisseur:innen unserer Zeit zu werden, wenn sie es will. Ihre Regiearbeit in “The Handmaid’s Tale” ist außergewöhnlich, weil sie eine außergewöhnliche Schauspielerin ist, und ihre tiefe Kenntnis der Story ist unerreicht. Ihre Instinkte und ihr akutes Bewusstsein als Schauspielerin, ihre Kommunikationsfähigkeit, ihr Sinn für Wahrheit und ihr brillantes cineastisches Auge machen sie zu einer dynamischen und aufregenden Stimme als Regisseurin. Ich habe die Tage mit ihr als Regisseurin wirklich geliebt. Man fühlt sich in sicheren Händen.

Serena sagt in einer Folge der neuen Staffel, dass sie Fred trotz all seiner Schandtaten einen Vertrauensbonus gibt, weil sie ihn schon vor Gilead kannte. Glauben Sie wirklich, dass Gilead Fred zu dem gemacht hat, was er ist, oder haben die Umstände nur sein wahres Wesen zum Vorschein gebracht?

Joseph Fiennes: Ich denke, es ist ein wenig von beidem. Ich denke, wenn wir in die Vergangenheit blicken oder in eine mögliche Zukunft, Regimes wie Gilead werden getrieben von dem Drang die Welt “zu einem besseren Ort” in ihrem Sinne zu machen. Und dafür sind sie bereit, bestimmte Opfer in Kauf zu nehmen. Diese Art von “Kreuzzug” hat natürlich Einfluss auf einen innerlich schwachen Menschen wie Fred. 

Ich denke, schwache Menschen wie Fred haben Angst vor mächtigen Stimmen, vor allem vor den Stimmen starker Frauen. Und so fühlt sich Fred natürlich stark und sicher in einem Staat, der diese Stimmen mundtot macht und unterdrückt. Aber es ist auch der korrumpierende Einfluss der Macht. Fred ist von Beginn an ja ein erbärmlicher Charakter, der in immer höhere Machtpositionen aufsteigt und dabei immer mehr von dem bisschen Seele, das er noch hat, verliert.

Serena sagt auch über Fred, dass sie nicht mehr sicher ist, dass er ein “wahrer Gläubiger” ist, was die Werte und das rechtskonservative, ultrachristliche Fundament Gileads angeht. Dass es ihm vor seiner Verhaftung nur noch um seinen Aufstieg und den damit verbundenen Machtgewinn ging.

Joseph Fiennes: Ich denke, er möchte selbst glauben, dass er ein wahrer Gläubiger ist. Aber tief drin hat er sich längst verloren. Ich denke, in dem Moment, indem er sich Gileads “Kreuzzug” ergeben hat, als er erstmals an dem Ritual teilnahm, als er zugelassen hat, dass auch die Stimme seiner Frau verstummte, er an ihrer Verstümmelung beteiligt war und sie geschlagen hat, hat er sich selbst verloren. Wie alle Täter rationalisiert er seine Verbrechen. Ich denke, er bildet sich ein, dass alles, was er tut, im Dienste Gileads ist. Aber in Wahrheit hat er den Glauben an die Sache längst aufgegeben, im Gegenzug für Einfluss und Macht. Wenn er irgendeine Gabe hat, dann ist es die, dass er ein PR-Guru ist, ein guter Spin-Doktor. Es geht ihm nur um die Optik, sogar in seiner Beziehung zu Serena.

Fred Waterford
©Hulu

Drei Fragen an Bradley Whitford (Commander Lawrence)

Die Zuschauer haben sich mittlerweile fast schon angewöhnt, immer das Schlimmste von Gilead zu erwarten. Gab es trotzdem eine Wendung, einen Moment im Drehbuch, wo man zu sich selbst sagt: DAS habe ich nicht kommen sehen?

Bradley Whitford: Ja, ich dachte, es wäre nur bei meinem Charakter so, dass ich keine Ahnung hatte, wo die Reise diese Season hingehen würde. Aber ich denke, wir alle lesen die Skripte mit so viel Erwartung, weil keiner von uns ahnt, was mit unseren Figuren passieren wird. Ich denke, ich habe Glück an einer Show mitzuarbeiten, deren Fan ich auch wäre, wenn ich nichts damit zu tun hätte. Ich lese die Drehbücher auch nicht, wie ich normalerweise ein Skript lesen würde, sondern eher wie ein obsessiver Fan. Das Autorenteam schafft es immer wieder, meine Erwartungen auf den Kopf zu stellen. Wahrscheinlich auch, weil viele Charaktere ständig in Gefahr sind. Und man fast schon erleichtert ist zu sehen, dass einem nicht ein symbolischer Amboss auf den Kopf fällt oder sowas.

Wie schätzen sie die kulturelle Signifikanz von “The Handmaid’s Tale” ein?

Bradley Whitford: Ich muss immer daran denken, dass ich Lizzie (Elisabeth Moss, Anm. der Redaktion) einst bei den Dreharbeiten zu “The West Wing” kennenlernte. Eine Serie mit einem durchaus optimistischeren Ausblick auf die Zukunft oder wie die aussehen könnte … damals.  Ich denke, was die Show ziemlich gut einfängt, ist, dass Dinge wie Frauenfeindlichkeit irgendwo im reptilhaften Stammhirn bestimmter Menschen und gesellschaftlich-extremistischer Strömungen verankert sind. Ich habe Margaret Atwoods Buch im Jahr 1987 gelesen. Und ich dachte, dass es vorausschauend war und auf eine unheimliche Weise immer noch ist.

Die letzte Folge von “The West Wing” flimmerte vor gut 20 Jahren über den Bildschirm. Als Sie die Rolle in “The Handmaid’s Tale” übernahmen, haben Sie da erwartet, dass Ihnen einige derselben wichtigen Gesellschaftsprobleme wie Frauenfeindlichkeit, Sexismus und religiöser Extremismus, die “The West Wing” aufs Korn nahm, wiederbegegnen würden?

Bradley Whitford: Ja, das hat mich leider gar nicht überrascht. Immer wenn ich mit jungen Aktivisten spreche, sage ich, dass Dinge wie Misogynie, Faschismus, Rassismus, systemische wirtschaftliche Ungleichheit immer präsent sind, und die lassen sich auch nicht mit einer Wahlentscheidung auslöschen. Man wird diese Probleme nicht kurzfristig lösen können, nicht mal in 10 Jahren. Es ist ein fortschreitender Kampf. Und man bringt sich in Gefahr, wenn man sich einbildet, diesen Kampf gewonnen zu haben. Vor 20 Jahren habe ich immer den Witz gemacht, dass das Unrealistischste an “The West Wing” war, dass wir rationale Republikaner-Figuren hatten. Nein, es hat mich wirklich nicht überrascht. Es ist erschreckend, aber nicht überraschend.

Bradley Whitford
©Hulu
| Kristin Lenk | 2. September 2021